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Flora und Fauna haben sich in der Leipziger Gewässerlandschaft deutlich erholt

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    Am Freitag, 24. März, stellte die Steuerungsgruppe Leipziger Neuseenland auch das Naturschutzfachliche Monitoring vor. Auf den ersten Blick scheinbar wirklich eine Art Qualitätsprüfung für das Wassertouristische Nutzungskonzept (WTNK). Auf den zweiten eigentlich nicht. Aber alle fünf Jahre wird es im Zusammenhang mit dem WTNK erstellt.

    Federführend dafür war 2016 wieder Jens Kipping vom Büro BioCart. Für das Monitoring werden ausgewählte Arten und Biotope für vier Gewässerabschnitte regelmäßig kartiert. Da die Fließgewässer innerhalb des WTNK zum Großteil im europäisch geschützten Leipziger Auensystem verlaufen (Natura 2000-Schutzgebiet), ist eine umweltverträgliche Umsetzung des WTNK eine wesentliche Voraussetzung für eine nachhaltige Gesamtentwicklung der Region, betont die Steuerungsgruppe dazu.

    Aber zeigen die Monitorings, wie umweltverträglich das WTNK ist?

    Eigentlich bestenfalls nur indirekt.

    „Die beauftragten Fachbüros kommen zum Fazit, dass die bei der Entwicklung des WTNK getroffenen Nutzungszonierungen und -reglementierungen (geringe Befahrung in Naturvorrangbereichen an der Weißen Elster) für eine umweltverträgliche Umsetzung des WTNK bislang ebenso zielführend sind wie das Prinzip der Nachsteuerung durch die eingeschränkte Befahrbarkeit des Floßgrabens“, meldet die Steuerungsgruppe.

    Die Meldung selbst klingt erst einmal überzeugend: „Das Naturschutzfachliche Monitoring für das Jahr 2016 zeigt in fast allen untersuchten Gewässerabschnitten und für alle erfassten Parameter eine mehr oder minder deutliche Verbesserung gegenüber den Ergebnissen des Jahres 2011.“

    Und auch 2011 habe man schon deutliche Verbesserungen gegenüber dem ersten Monitoring von 2006 ermittelt, bestätigte Jens Kipping am Freitag. Aber wenn man ihn genauer fragt, dann haben die Bestandsverbesserungen eher nichts mit dem WTNK zu tun. Auch nicht dort, wo der Bootsverkehr reglementiert ist.

    Das geht schon bei jenem Teilbereich los, den Kipping als besonders erfreulich beschreibt: „Der Bestand des Lebensraumtyps Fließgewässer mit Unterwasservegetation nahm im Vergleich zu 2011 um weitere 10 % zu. In der Weißen Elster breitet sich beispielsweise der in Sachsen stark gefährdete Flutende Hahnenfuß aus, und in der Pleiße konnte das in Sachsen bis vor wenigen Jahren verschollene Knoten-Laichkraut (Potamogeton nodosus) nachgewiesen werden. Dies ist auf eine sich stetig verbessernde Gewässerqualität zurückzuführen.“

    Hier wird es schon sichtbar: Das vermehrte Auftreten wichtiger Pflanzen und Tierarten, die eine Gesundung des Lebensraumes beschreiben, hat vor allem mit zwei Faktoren zu tun: das eine sind die überdurchschnittlich warmen Jahre der jüngsten Zeit, die die Nahrungs- und Brutbedingungen für viele Tierarten deutlich verbessert haben. Und das andere ist die deutliche Verbesserung der Wasserqualität. Wobei Kipping daran erinnert, dass der größte Sprung bei der Verbesserung der Wasserqualität in den 1990er Jahren stattfand. In DDR-Zeiten flossen viele Abwässer – gerade aus der Industrie – ungefiltert in die Flüsse, die Pleiße war auf weiten Abschnitten schon tot. „Es waren vor allem die großen Investitionen in Kläranlagen, die sich hier richtig gelohnt haben“, sagt Kipping.

    Seitdem regenerieren sich die Fließgewässer. Und wenn sie eine bestimmte Gewässergüte erreicht haben, siedelt sich auch wieder Leben an und die für das Auensystem typische Artenvielfalt erhöht sich. Diese vermehrt oder gar neu nachgewiesenen Arten erzählen also nicht von der Qualität des WTNK, sondern von der insgesamt verbesserten Wasserqualität in Leipzigs Flüssen, die praktisch alle mittlerweile auf eine Güte von 2 kommen. Eine Güteklasse 1 haben – mit ihrem klaren Wasser – vor allem Gebirgsflüsse. Damit ist im Flachland und in Auengewässern nicht zu rechnen. Hier bedeutet die Gewässergüte 2 schon einen ausgesprochen guten Wasserzustand.

    „Besonders hervorzuheben sind das Auftreten und die Ausbreitung von Kennarten sauberer und sauerstoffreicher Fließgewässer wie der Steinfliege Brachyptera braueri, des Wasserkäfers Elmis maugetii und der Grundwanze Aphelocheirus aestivalis“, stellt Kipping fest. „Außerdem konnte zum ersten Mal in Sachsen die Köcherfliege Triaenodes unanimis am Floßgraben nachgewiesen werden. Auch die Libellenarten breiten sich weiterhin aus, sei es das Auwaldtier 2014: die Grüne Flussjungfer oder die Asiatische Keiljungfer. Zum ersten Mal seit 105 Jahren konnte zudem die Kleine Zangenlibelle (Onychogomphus forcipatus) an der Pleiße nachgewiesen werden.“

    Ein Eisvogel verzehrt am Elstermühlgraben seine Beute. Foto: Sebastian Beyer
    Ein Eisvogel verzehrt am Elstermühlgraben seine Beute. Foto: Sebastian Beyer

    Das, was wir da auf dem Foto oben eingefangen haben, sieht wie eine Azurjungfer aus – gesehen an der Pleiße.

    Die Fischpopulation nimmt ebenfalls zu, kann Kipping feststellen, wobei der günstige Erhaltungszustand des Bitterlings im Floßgraben besonders erwähnenswert sei. Auch das hat mit der Wasserqualität zu tun.

    Von der guten Wasserqualität profitieren außerdem die Brutvögel. „Hier sind Bestandszunahmen bei vielen wassergebundenen Arten wie der Gebirgsstelze (Bestandsverdoppelung!) und dem Eisvogel (Alcedo atthis) mit einer Bestandszunahme von 250 Prozent im Vergleich zu 2011 zu verzeichnen“, stellt Kipping fest. „Negative Auswirkungen des Wassertourismus auf die Brutdichte sind nicht erkennbar, was jedoch u. a. der seit 2014 wirksamen Nutzungsreglementierung (jährliche Allgemeinverfügungen mit täglichen Sperrzeiten) zu verdanken ist. Im Bereich der Säugetiere breiten sich insbesondere Fischotter und Biber weiter aus und sind nunmehr sowohl an Weißer Elster als auch an der Pleiße zu finden.“

    Mittlerweile seien zwei Biberburgen gesichtet worden – eine an der nördlichen Weißen Elster und eine am Elsterbecken. Und Spuren des Otters habe man an allen beobachteten Gewässerabschnitten gefunden.

    Eisvogelbruten hat man freilich auch nicht nur am Floßgraben gefunden, wo die Population sehr dicht brütet. Der Eisvogel sei auch schon im Elstermühlgraben und in der Stadtelster gesichtet worden. Was vor allem bedeutet: Die Wasserqualität ist gut genug, dass er genug Futter findet. Auch die künstlichen Nisthilfen der Stadt nimmt er an. All das erzählt aber vor allem von der Wiederbelebung der einstmals geschundenen Gewässer. Allein im Zeitraum der Monitorings hat sich der Bereich mit typischer Unterwasservegetation im Leipziger Gewässersystem von 7 auf 13 Kilometer vergrößert – von insgesamt 29 überprüften Flusskilometern.

    Es gibt also zwei starke Trends, die im Leipziger Auensystem für eine Verbesserung des Artenbesatzes sorgen. Der wichtigste ist die deutliche Verbesserung der Gewässergüte seit den 1990er Jahren. Und der andere ist die zunehmende Zahl warmer Jahre, die nicht nur die Population des Eisvogels wachsen lässt, sondern auch die seiner Nahrungsgrundlage: der Insekten und Fische.

    Die Beeinflussung durch Wassertourismus müsse man eher als gegenläufigen Effekt betrachten, sagt Kipping. Das müsse man sehr genau beobachten und abwägen.

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