Wie sieht die Mobilität der Zukunft aus? Welche Strukturen braucht sie? Was gehört tatsächlich dazu, wenn das Öl unbezahlbar wird und trotzdem Mobilität für ganze Regionen gesichert werden soll? Eigentlich gehören verlässliche Taktzeiten der Bahn dazu. Doch die hat sich, seit der Bundestag 1993 die "Bahnreform" beschloss, zu einem eigenwilligen Ungetüm entwickelt. Verlässliche Fernanbindungen werden da zum Privileg, musste nun auch das Regionalforum Leipzig feststellen.

Im Regionalforum Leipzig arbeiten die Stadt Leipzig – vertreten durch den Oberbürgermeister – , die Landesdirektion, die nordsächsischen Landkreise der Region Leipzig sowie Wirtschaftsverbände und andere Akteure des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens zusammen. Das Forum trifft zweimal jährlich zu Beratungen über Fragen zur Entwicklung der Region zusammen. Seine jüngste Tagung fand am 30. März statt. Und siehe da: Mit den Fernanbindungen der Region ist es, was das Schienennetz betrifft, in den letzten Jahren nicht besser geworden, sondern schlechter.

Und die Akteure befürchten, dass Leipzig nun denselben Abwärtstrend erlebt wie der Rest Sachsens, und abgehängt wird vom für Handel und Wandel und Messe so wichtigen Fernverkehr.

Deshalb fordert das Regionalforum Leipzig nun in einer Resolution “deutliche Verbesserungen der Fernverkehrsangebote auf der Schiene”.

Leipzig habe mit großem Abstand die wichtigsten Fahrgastpotenziale der Region Mitteldeutschland sowie die stärksten Verknüpfungen mit anderen Linien des Nah-, Regional- und Fernverkehrs. Aber seit dem Fahrplanwechsel vom Dezember 2010 werde es “gegenwärtig und nach den Planungen der DB AG mindestens bis 2018 deutlich suboptimal bedient”, erklärte das Regionalforum auf seiner jüngsten Sitzung.

Die Verwendung des Wortes “suboptimal” spricht Bände. Wer berät eigentlich die Herren bei ihren Resolutionen über die Formulierungen, die drin stehen?

Selbst die Wikipedia hat einen deutlichen Kommentar zu diesem Wort: “Resultate, welche die Vorgaben oder Erwartungen des Optimums nicht erreichen, jedoch durchaus noch nicht als richtige Misserfolge bewertet werden sollen, werden als suboptimal (von lat. sub ?unter?) bezeichnet. Häufig wird der Begriff jedoch mit ironischem Unterton oder als Euphemismus gebraucht, wenn ein eigentlich katastrophales Ergebnis beschrieben werden soll.”

Versteht es die Bahn AG so? Man darf zweifeln.Aber in aller Klarheit ins Deutsche übersetzt: Die Region Mitteldeutschland wird nach den “Planungen der DB AG mindestens bis 2018” katastrophal bedient. Auch die betroffenen Fahrgäste würden sich freuen, wenn ihre politischen Vertreter den Mut zu den richtigen Worten hätten.

Vielleicht würde das – wenn auch die gewählten Politiker ihre Untertanenhaltung zur DB AG aufgeben auch mal zu einer Änderung der Konzernpolitik dieses Unternehmens führen, das für die Mobilitäts-Zukunft des Landes eine so wichtige Rolle spielt und sie nicht wirklich ausfüllt. In den Diskussionen des Sächsischen Landtages waren die Forderungen nach einer Trennung von Netz und Betrieb schon mehr als deutlich zu hören.

Die wichtigsten Klagen aus dem Regionalforum: “Direktverbindungen seien durch Umsteigeverbindungen und Taktverkehr durch unregelmäßige Abfahrtszeiten ersetzt worden. Ein wesentlicher Teil der schnellen Verbindungen in Richtung Bayern würde über Halle und nicht mehr über Leipzig geführt.”

Die Resolution des Regionalforums formulierte deshalb Schwerpunkte, “die im konstruktiven und kritischen Dialog mit der DB Fernverkehr für die nächsten Jahre erörtert” werden sollen.

Die Wortfügung “im konstruktiven und kritischen Dialog” spricht ebenfalls für sich. Auch das ist Untertanen-Sprache. Wer Elemente wie konstruktiv (Wiktionary: “eine förderliche, positive Haltung einnehmend”) und kritisch (Wiktionary: “prüfend, bemängelnd”) in den Dialog einbringen will, der geht ja wohl davon aus, dass es einen echten Dialog gar nicht gibt. Man spricht nicht auf Augenhöhe – sondern von Bittsteller zu Euergnaden.

Das ist Feudalismus pur. Sieht nur moderner aus.

Dabei gibt es eine Reihe ungeklärter Punkte. Mit der Inbetriebnahme des Mitteldeutschen S-Bahn-Netzes 2013, so das Regionalforum, werde die Region Leipzig im Schienenpersonennahverkehr (SPNV) “einen weiteren Sprung machen” und der Leipziger Hauptbahnhof als zentraler SPNV-Knoten in Mitteldeutschland gestärkt. Dieser Entwicklung müsse auch der Fernverkehr entsprechen, das heißt das Gros der Verbindungen müsse über Leipzig geführt werden.

Nicht so untertänigst ausgedrückt: 2013 bekommt Leipzig endlich ein S-Bahn-Netz, das den Standards einer Metropolregion genügt (wenn es wirklich kommt, da zweifeln hier bei der L-IZ noch ein paar Leute). Aber die Fernanbindungen sind schon heute miserabel. Den Ansprüchen einer Metropole genügen sie schon längst nicht mehr. Von einer ordentlichen Vertaktung, die den Reisenden schnelle Anschlüsse ermöglicht, ganz zu schweigen.

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Zweiter Punkt deshalb: Für den Knoten Leipzig fordert das Regionalforum einheitliche Takte, besonders für die Verbindungen in Richtung Frankfurt am Main. “Diese könnten durch Geschwindigkeitsharmonisierungen und die Untersuchung von Schwachstellen im Netz im Hinblick auf Reisezeitreserven erreicht werden. Insgesamt könnte das Fernverkehrsangebot durch Interregio-Züge oder vergleichbare sekundäre Fernverkehrslinien sinnvoll ergänzt werden.”

Hätte in Deutschland die Politik das Sagen, würde hier eine klare Forderung stehen – und nicht das Erwägen, was die DB AG tun könnte, wenn sie so freundlich wäre. Und mal ehrlich: Wenn in Deutschland schon jeder Provinzpolitiker über Standorte schwadronieren darf, dann müssen Metropolen im Grunde das Recht (und die Pflicht) haben, vom Dienstleister Bahn ordentliche Vertaktungen zu verlangen. Das wäre echte Wirtschaftspolitik. Alles andere ist Geschwafel.

Und siehe da: Auch die sächsische Landesregierung hat ihre Hausaufgaben nicht gemacht. Die hat nicht mal eine untertänige Haltung zur Bahn, sie hat gar keine. Sonst hätte sie beim Entwurf zum neuen Landesentwicklungsplan ihre Hausaufgaben gemacht.

Und so fordert das Regionforum Leipzig “im Rahmen der Fortschreibung des Landesentwicklungsplans Sachsen (…) die Landesregierung auf, für den Eisenbahnfernverkehr auch betriebliche Ziele in den Landesentwicklungsplan aufzunehmen, z. B. einen stündlich von Leipzig in Richtung Erfurt, Magdeburg, Berlin und Dresden verkehrenden Fernverkehrszug.”

Das gehört – wie man sieht – nicht in eine Resolution (“Entschließung”) an die Bahn, sondern als Kritik zum Landesentwicklungsplan an die sächsische Staatsregierung.

“Das Regionalforum spricht sich ferner dafür aus, die Nordkurve Leipzig nicht mehr weiterzuverfolgen, um die Funktion des Leipziger Hauptbahnhofs als zentraler mitteldeutscher Fernverkehrsknoten nicht zu schwächen.” Eigentlich ist diese Nordkurve – wenn man der Meldung der “LVZ” dazu trauen kann, seit mindestens 2010 vom Tisch. Das Problem ist auch hier der Freistaat Sachsen, der genau diese Nordkurve im Entwurf zum Landesentwicklungsplan weiter vorhält – trotz nachlesbarer großer Bedenken.

Aber die räumen die Ministerialbeamten mit der üblichen Formel aus: “Auf den nachfolgenden Planungsstufen sind Vermeidungs-/Minderungs-, Schutzmaßnahmen zu entwickeln usw.” Gleichzeitig bestätigen sie, dass der “Raumwiderstand sehr hoch” ist und dass dabei wertvolle Boden zerstört werden.

Ein bisschen mehr Konsequenz und weniger Untertanengeist hätten auch hier bedeutet: Die Nordkurve muss aus dem Landesentwicklungsplan gestrichen werden. Und das liegt in der Hand des Freistaats.

Die Meldung der LVZ zur Nordkurve:
www.lvz-online.de/nachrichten/mitteldeutschland/nordkurve-der-ice-trasse-berlin-leipzig-ist-vom-tisch/r-mitteldeutschland-a-19564.html

Der Entwurf zum Labndesentwicklungsplan “Schiene”:
www.landesentwicklung.sachsen.de/download/Landesentwicklung/Anlage_Umweltbericht_Teil4_Bahn.pdf

Wikipedia zu Optimal und Suboptimal:
http://de.wikipedia.org/wiki/Suboptimal#Suboptimal

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