Bei Familie Pohl liegen die Nerven blank. Sie lebt im so genannten Lärmschutzgebiet des Flughafens Leipzig/Halle, in Rackwitz. Dass die Nächte nicht mehr ruhig werden, das hat Thomas Pohl ja nun gelernt. Auch, dass es weder am Flughafen noch in einer politisch verantwortlichen Instanz jemanden gibt, der derzeit gewillt ist, den nächtlichen Lärm zu begrenzen. Aber jetzt donnern die Maschinen auch tagsüber im Tiefflug übers Haus.

So am 6. November, als ab 16 Uhr immer wieder ein Flugzeug über die 5.000-Einwohner-Gemeinde donnerte. Am 12. November dann wieder. Ab 17.18 Uhr gab es augenscheinlich Trainingsflüge auf der Nordbahn. Aller 10 Minuten flog ein Flugzeug im Tiefflug über die Dächer von Rackwitz. Gemessene Lautstärke: 81 und 86,5 dB(A). Augenscheinlich ein schweres und lautes Flugzeug. Doch tagelang bekam Pohl vom Lärmschutzbeauftragten des Flughafens keine Antwort, worum es da überhaupt geht.

Am 18. November gab es endlich Auskunft vom stellvertretenden Lärmschutzbeauftragten René Apitzsch: “Bei den von Ihnen genannten Überflügen über Rackwitz handelt es sich um Trainingsflüge, welche am Flughafen Leipzig/Halle in den von Ihnen genannten Zeiträumen stattfanden. Die Ausbildungsflüge wurden mit einem Flugzeug vom Typ Boeing 707 durchgeführt. Das Flugtraining wurde an beiden Tagen bei der Flughafen Leipzig/Halle GmbH angemeldet und gemäß der gültigen und durch das Sächsische Ministerium für Wirtschaft und Arbeit bestätigten Flughafenbetriebsordnung genehmigt.

Aufgrund Ihrer Anfrage haben wir die zuvor genannten Trainingsflüge durch die Deutsche Flugsicherung GmbH prüfen lassen. In beiden Fällen entsprach die Durchführung den Regeln hinsichtlich einem standardisierten Trainingsverfahren sowohl in der Einhaltung der Flugstrecke sowie der Flughöhe. Ein Verstoß gegen gesetzliche Regelungen im Sinne der Luftverkehrsordnung Deutschland konnte nicht festgestellt werden.”

Boeing 707? – Da verstand auch Pohl die Welt nicht mehr. Oder eben doch. Denn dann wurde auch klar, warum die Deutsche Flugsicherung keine Flugspuren veröffentlicht hat und warum es nun schon zu einer ganzen Reihe von lauten Überflügen über Leipzig und Umgebung keine Flugspur-Aufzeichnung gibt. Der Flughafen Leipzig/Halle wird längst militärisch genutzt, auch jenseits der Transitflüge amerikanischer Soldaten in die Kriegsgebiete von Irak und Afghanistan. Da reicht schon ein Blick ins Online-Lexikon Wikipedia, aus dem Thomas Pohl zitiert: “Insgesamt wurden 1010 Boeing 707 in verschiedenen zivilen und militärischen Versionen ausgeliefert; heute fliegt keine einzige Maschine mehr im zivilen Passagier-Liniendienst. Die Produktion der Boeing 707 als Passagierflugzeug endete 1978. Insgesamt wurden 917 zivile Boeing 707 gebaut, viele wurden jedoch nach ihrem zivilen Dienst für militärische Aufgaben genutzt. Die Varianten der Boeing 707, die lediglich für das Militär neu gebaut wurden, produzierte Boeing bis 1991.”
Die Reaktion von Pohl war entsprechend emotional: “Wir hatten hier Trainingsflüge einer Boeing 707??? Das ist ja unvorstellbar! Am 12.11.2013 hatte ich bei jedem Überflug, der ab 17.18 Uhr alle 10 Minuten auf der Nordbahn stattfand, Spitzenschallpegel zwischen 81 und 86,5 dB(A) gemessen. Das grenzt an Körperverletzung! – Aber jetzt kann ich auch verstehen, dass es darüber keine Flugspuraufzeichnungen im Internet gibt. Das sollte mit Sicherheit nicht an die große Glocke gehangen werden. Dann hätte man vor den Trainingsflügen aber auch die Bevölkerung evakuieren müssen …”

Dass mehr hinter diesen Flügen steckt, wollte denn wohl der Flughafen am Montag, 25. November, beweisen. Ab 10.34 Uhr fanden über den Dächern von Rackwitz Flüge mit einem AWACS-Aufklärungsflugzeug der Nato statt. Aller 10 Minuten gab es entsprechende Touch-and-Gos von der Nordbahn.

“Wo geht die Entwicklung des einst zivilen Flughafens LEJ – wer es vergessen hat – Leipzig ist DIE Stadt der friedlichen Revolution, nur hin? Möchte man künftig militärische Transporte auch noch mit der Boeing 707 am LEJ durchführen? Warum fliegt die AWACS gerade am Leipzig/Halle Airport ihre Aufklärungs-/ und Trainingsrunden?”, fragt Pohl.

Eine Entwicklung, die nicht nur Pohl beängstigt. Die Linksfraktion will diese schleichende Verwandlung des Flughafens Leipzig/Halle zum Militärflughafen heute zum Thema im Landtag machen.

“Die AWACS-Maschinen verkörpern bekanntlich ein fliegendes Radarsystem mit dem Ziel der Früherkennung und Vorwarnung. Derartige Flugzeuge werden gleichzeitig als Einsatzleitzentrale eingesetzt, um eigene Verbände oder Einheiten direkt dirigieren oder koordinieren zu können. Mit dieser Funktion sind sie heute eine zentrale Komponente in jedem Luftkrieg”, merkt dazu der Landtagsabgeordnete der Linken, Volker Külow, an. “Wieder einmal wird der Flughafen Leipzig/Halle offenkundig als Militärflughafen missbraucht. Die Linke kämpft seit vielen Jahren gemeinsam mit vielen Initiativen vor Ort für die ausschließlich zivile Nutzung von Schkeuditz.”

Heute bringt er dazu eine Kleine Anfrage in den Sächsischen Landtag ein, um die Hintergründe für die jüngste militärische Aktion aufzuklären. Darin fragt er unter anderem: “Dürfen AWACS-Aufklärungsflugzeuge am Zivilflughafen Leipzig/Halle überhaupt starten und landen?” Und er formuliert eine berechtigte Vermutung als Frage: Versucht der Flughafen nun mit der Einwerbung militärischer Nutzungen irgendwie aus dem Defizit herauszukommen? – Külow: “Wie groß ist der finanzielle Gewinn für den Flughafen Leipzig/Halle durch diese spezifische Art der militärischen Nutzung?”

Auf die Antworten kann man gespannt sein. Wenn es denn welche gibt.

Die Boeing 707 auf Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Boeing_707

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