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Schon vor Jahren war es für die Insekten in Sachsen „fünf vor Zwölf“

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    Der sächsische Umweltminister wollte das Thema nicht unbedingt auf seinem Tisch haben. Aber am Freitag, 2. März, hat der zuständige Ausschuss des Sächsischen Landtags trotzdem über das Insektensterben diskutiert. Und selbst in der CDU-Fraktion hat man das mulmige Gefühl, dass etwas geschehen muss. Aber was nur? Und warum so eilig?

    „Das ist ein starker Datensatz, der uns zu denken geben muss“, lautet das Statement von Prof. Christian Wirth von der Universität Leipzig, wenn er über die Krefelder Studie zum Insektensterben spricht. Die Studie war Ausgangspunkt für die Fraktionen der Linken und der Grünen, im Landtag zwei Anträge zum Thema „Insektensterben“ zu stellen. Die Anhörung mit Experten gab es im Umweltausschuss des Landtags am Freitag, 2. März.

    „Nach der Anhörung ist klar: Das breit angelegte, mehrjährige Monitoring, auf das sich die Umwelt- und Agrarminister der Länder geeinigt haben, dürfte erst kurz vor dem Jahr 2030 greifbare Ergebnisse bringen. Das ist zu spät“, stellt Dr. Jana Pinka, umweltpolitische Sprecherin der Linksfraktion, fest. „Der nicht wegzudiskutierende Rückgang der Populationsstärken vieler Arten und das Aussterben einiger Arten ist ein schleichender Prozess, der wohl bereits in den 1950er Jahren eingesetzt hat und sich seit den 1990er Jahren verstärkt. Die Forderungen für mehr Biodiversität sind seit 20 Jahren unverändert: Vielfalt in der Landschaft und -nutzung bedeutet Vielfalt bei den Tierarten. Dafür braucht es keine neue akademische Forschung.“

    Auf die Frage, wofür wir die Artenvielfalt bei den Insekten brauchen, führte Prof. Dr. Kaspar Bienefeld aus, dass die genetische Vielfalt als Versicherung für die Folgen des Klimawandels „absolut erforderlich“ sei. Nur durch genetische Vielfalt kann die Funktionsfähigkeit des Naturhaushaltes insgesamt langfristig gesichert werden, auch wenn wir die Funktionsweise einzelner Glieder noch nicht kennen oder wertschätzen können.

    Und Pinkas Schlussfolgerung: Eigentlich kann sich Sachsen eine Landwirtschaft, wie sie derzeit dominiert, nicht mehr länger leisten. Jetzt schon nicht. Denn bis es Ergebnisse aus bundesweiten Insektenmonitorings geben wird, ist es zu spät. Dann bekommt man nur noch Monitorings über insektenlose Landschaften. Und vogellose Landschaften. Und säugetierlose Landschaften. Und blütenlose Landschaften. Denn alles gehört zusammen. Wenn die Insekten verschwinden, wird es sehr still in Sachsen.

    „Wir müssen feststellen, dass die geltenden Rahmenbedingungen und Grundanforderungen für die Landwirtschaft die Artenvielfalt nicht mehren helfen, sondern verringern“, sagt Pinka. „Auch das von den Landwirten viel kritisierte ‚Greening‘ ist in diesem Punkt weitgehend wirkungslos, wie der Sachverständige Prof. Christian Wirth ausführte. Spätestens die gemeinsame EU-Agrarpolitik nach 2020 muss in Bezug auf die Grundanforderungen an die Landwirtschaft deutlich höhere Standards setzen. Wir werden prüfen, wie Sachsen noch vorher die richtigen Maßnahmen fördern kann, um das Insektensterben aufzuhalten.“

    Aber ausgerechnet der Fachvertreter der CDU nahm aus der Anhörung zwar die Warnung mit – aber nicht das Gefühl für Handlungsdruck.

    „Die Sachverständigen haben den gefühlten Rückgang der Artenvielfalt bei Insekten in den vergangenen Jahrzehnten bestätigt. Über den Umfang gibt es aber derzeit von der Wissenschaft noch keine belastbare und damit aussagefähige Datengrundlage. Wir unterstützen deshalb eine wissenschaftliche Untersuchung, die im Idealfall vom Bund koordiniert wird“, sagte am Freitag der agrarpolitische Sprecher der CDU-Fraktion, Andreas Heinz.

    Setzte aber auch gleich wieder das Stopp-Schild auf den Acker: „Eine Vorverurteilung der modernen Landwirtschaft lehnen wir strikt ab. Ideologische Scheuklappen verstellen nur den Blick auf eine Vielzahl von möglichen Einflussfaktoren für diese bedenkliche Entwicklung, wie beispielsweise Klimaveränderung, Lichtverschmutzung oder auch häufiges Rasenmähen.“

    Wenn er es ernst meinen würde, würde das ein ganzes Handlungspaket in mehreren Ministerien nach sich ziehen. Dann würde die Klimapolitik hier genauso Niederschlag finden wie ein durchdachtes Programm gegen die allgegenwärtige Erleuchtung der Nacht.

    Für Wolfram Günther, umweltpolitischer Sprecher der Grünen, bestätigten die Sachverständigen den dringenden Handlungsbedarf für Maßnahmen zum Stopp des ungebremsten Artensterbens. Mit Betonung auf „dringend“.

    Dabei wurde der Wert der Artenvielfalt als Kulturgut und die Bedeutung vor allem der Insekten als Bestäuber und Grundlage vieler Nahrungsketten hervorgehoben. Bei unterschiedlicher Schwerpunktsetzung und teils verbunden mit weiteren Hinweisen unterstützen die Sachverständigen das Anliegen der angehörten Anträge, die ein eigenes sächsisches Monitoring und sächsische Maßnahmen fordern.

    „Die qualifizierten Beiträge der Sachverständigen zeigen die Dringlichkeit der Situation auf. Ich fordere den Umweltminister Thomas Schmidt (CDU) auf, zügig Wege und Mittel zu finden, diese desaströse Entwicklung aufzuhalten. Wesentlich sind dabei die Ausweitung von hochwertigen Flächen und der Verbund dieser Biotope sowie eine drastische Reduzierung des Pestizideinsatzes“, nennt Günther einige Felder, auf denen der sächsische Agrarminister sich tatsächlich einmal zum Umweltminister mausern könnte.

    Günther: „Mehrere Sachverständige wiesen darauf hin, dass es schon vor mehreren Jahren ‚fünf vor zwölf‘ war. Um die aktuell bedrohten Arten zu retten, müsse sofort gehandelt werden. In zehn Jahren werden viele der Arten bereits ausgestorben sein.“

    Es sei unsere Verantwortung, die Biodiversität zu erhalten, sagt Günther.

    Der durch die Grünen-Fraktion benannte Sachverständige Dr. Matthias Nuß, Sektionsleiter des Bereichs Schmetterlinge im Senckenberg Museum für Tierkunde Dresden, erläuterte, dass seit vielen Jahren die Biodiversitätskrise im Allgemeinen und der Rückgang der Insekten im Besonderen international, national und im Freistaat Sachsen ein anerkanntes Faktum ist.

    „Dafür gibt es mehrere Ursachenkomplexe, die zum Teil ausreichend bekannt sind, um Gegenmaßnahmen sofort einleiten zu können“, widerspricht Günther dem Statement von Andreas Heinz. „Dazu gehören z. B. die Reduktion des Pestizideinsatzes, der Verzicht auf eine Komplettmahd von Wiesen in Kommunen, in Schutzgebieten und auf landwirtschaftlichen Flächen, Hilfsprogramme für vom Aussterben bedrohte Arten, die Wiedereinrichtung verloren gegangener Lebensräume und das Abschalten von Lichtquellen in der Nacht.“

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    2 KOMMENTARE

    1. „…auch häufiges Rasenmähen.“ Wieviele Jägermeister hatten die beim formulieren intus?

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