Auch Sachsens Regierung hat in den vergangenen Monaten das Thema „Afrikanische Schweinepest“ immer wieder kommuniziert. Die Seuche ist zwar bei sächsischen Wildschweinen bislang noch nicht nachgewiesen worden und hat auch noch keine Hausschweinbestände dezimiert. Aber zuweilen konnte man tatsächlich den Eindruck bekommen: Es gibt verflixt zu viele Wildschweine in Sachsens Wäldern. Aber wer hat sie gezählt?

Genau das wollte nach all den Warnungen Susanne Schaper nur zu gern wissen. Sie ist auch tierpolitische Sprecherin der Linksfraktion im Sächsischen Landtag. Und wenn nicht nur Bauernverbände fordern, es sollten jetzt – einfach zum Selbstschutz – unbedingt mehr Wildschweine geschossen werden, sondern auch die maßgeblichen Politiker in dasselbe Horn tuten, dann muss es ja irgendwo jemanden geben, der die Wildschweinbestände in Sachsens Wäldern erfasst.

Aber den gibt es nicht, teilt nun Agrarminister Thomas Schmidt (CDU) auf die Anfrage von Susanne Schaper mit.

„Angaben zur Entwicklung und Höhe des Wildschweinbestandes im Freistaat Sachsen für die letzten 20 Jahre sind nicht bekannt, da sich Wild im Regelfall nicht mit vertretbarem Aufwand und hinreichender Genauigkeit flächendeckend zählen lässt. Insoweit dienen indirekte Weiser zur Einschätzung für die Entwicklung der Wildbestände.

So deuten die über die letzten 20 Jagdjahre (Zeitraum: 1. April bis 31. März) angestiegenen Streckendaten des Schwarzwildes auf einen zunehmenden Wildschweinbestand hin. Demnach wurde im Jagdjahr 2017/2018 im Freistaat Sachsen mit 2,91 Stück Schwarzwild/100 Hektar Jagdfläche das 2,5-fache mehr erlegt als im Jagdjahr 1998/1999 (1,17 Stück/100 Hektar Jagdfläche).“

Das heißt: Das, was die Jäger schießen, gilt als Hinweis auf die Zahl der Wildschweine, was dann wieder den Bedarf bestätigt, wie viel geschossen werden kann. Zumindest klingt es in der Antwort so.

Wobei Schmidt in seiner Antwort ausgerechnet das Jahr mit den zweitniedrigsten Abschusszahlen mit dem Jahr mit den höchsten Abschusszahlen vergleicht: 16.852 zu 45.318, was dann ungefähr das 2,5-fache ist.

Die gezählten Schwarzwildstrecken der letzten 20 Jahre in Sachsen. Grafik: Freistaat Sachsen
Die gezählten Schwarzwildstrecken der letzten 20 Jahre in Sachsen. Grafik: Freistaat Sachsen

Wer aber die Tabelle mit allen 20 Jahren betrachtet sieht, dass die durchschnittlichen Abschusszahlen eher zwischen 25.000 und 33.000 liegen. Die Spreizung liegt für gewöhnlich also eher beim 1,3-fachen, hat also nicht ansatzweise die Schwankungsbreite, die Schmidt suggeriert.

Das Jahr 2017/2018 fällt mit 45.318 getöteten Wildschweinen eindeutig aus dem Rahmen. Und es deutet einiges darauf hin, dass sich hier schon die seit 2017 geschürte Aufmerksamkeit auf das Thema auswirkt. Denn nach Litauen (2014) wurde die Afrikanische Schweinepest mittlerweile auch in Rumänien, Ungarn und Belgien in Einzelfällen nachgewiesen. Fälle, die darauf hindeuten, dass der Erreger durch Menschen weiterverbreitet wurde, nicht durch die Wildschweine selbst.

Zwar hat auch der Sächsische Jagdverband seit 2017 ein Augenmerk auf das Thema. Aber er teilt die Forderungen des Bauernverbandes nicht, nun auf Teufel komm raus Wildschweine zu schießen: „Die Forderung, den Bestand um 70 Prozent zu reduzieren, ist haltlos, weil keine Bezugsgröße genannt wird – weder räumlich noch zeitlich.

Die Zahl beruht ausschließlich auf mathematischen Modellen der europäischen Lebensmittelsicherheitsbehörde EFSA für den Fall eines Ausbruchs der Schweinepest und hat nichts mit der praktischen Umsetzbarkeit zu tun. Bezugsgröße ist hier lediglich das klar umgrenzte Seuchengebiet. Maßnahmen wie Aushungern, Vergiften oder Schießen sind nur einige, die infrage kommen, um dieses Ziel im Ernstfall möglichst zu erreichen.“

Genauso argumentieren ja auch die Forscher aus dem UFZ in Leipzig: Denn wenn ein Fall von Afrikanischer Schweinepest entdeckt wird, muss an Ort und Stelle schnell und rigoros gehandelt werden. Ein flächendeckendes Abschießen der Wildschweine macht überhaupt keinen Sinn.

Und eine drastische Erhöhung der Jagdzahlen auch nicht. Auch darauf weist der Jagdverband hin: „Derzeit gibt es noch keine wissenschaftliche Methode, um Wildschweine zu zählen. Lediglich grobe Schätzungen sind möglich. Ausgehend von der durchschnittlichen jährlichen Reproduktionsrate von 230 Prozent (Tierärztliche Hochschule Hannover) und der DJV-Streckenstatistik (2016/17: knapp 600.000 Wildschweine) liegt der Frühjahrsbestand bei etwa 300.000 Tiere. Diese Schätzung basiert auf der Annahme, dass Jäger nahezu den gesamten Nachwuchs abschöpfen. Bezogen auf den Herbstbestand erlegen Deutschlands Jäger also bereits jährlich zwei Drittel der Schweine.“

Heißt im Klartext: Die Bestände bleiben stabil.

Nur scheint Minister Thomas Schmidt da so seine eigene Meinung zu haben, eher die eines Bauern, der glaubt, dass man mit einer Reduzierung der Bestände die Gefahr der Schweinepest mindert.

„Die Staatsregierung sieht in der Intensivierung der Schwarzwildbejagung zur Reduzierung des Schwarzwildbestandes eine wesentliche Präventivmaßnahme, um das Risiko eines Eintrages der Afrikanischen Schweinepest in den Wildschweinbestand des Freistaates Sachsen zu verringern“, antwortet er tatsächlich auf die Frage von Schaper.

Augenscheinlich hat er in Biologie nicht wirklich aufgepasst, was man ja auch schon in seiner Haltung zu den sächsischen Wolfsbeständen sah. Wildtierbestände können zwar kurzfristig dezimiert werden – aber wenn ihre Lebensräume genug Futter und Rückzugsräume bereithalten, passt sich die Bestandsgröße immer wieder dem vorhandenen Angebot an. Der Natur ist es völlig egal, wie jagdeifrig menschliche Minister sind. Ihre Lebewesen sind immer bestrebt, alle Möglichkeiten ihres Refugiums auszuleben und zu nutzen. Wenn genug Nahrungsangebot da ist, vermehren sich also auch dezimierte Tierarten wieder verstärkt, bis Besatz und Angebot im Gleichgewicht sind.

Das würden die Wildschweine auch dann tun, wenn die Jäger keine Lust mehr auf Schweineschießen hätten. Die Bestände würden sich „ganz von allein“ regulieren. Wenn Schmidt also die jägerische Reduzierung der Bestände fordert, sorgt er eigentlich nur dafür, dass sich die wilden Schweine emsiger vermehren. Denn dann ist ja mehr Futter für ihren Nachwuchs da.

Schaper verwies dazu auf eine Studie. Aber Schmidt wischt das Argument forsch vom Tisch: „Es wird vermutet, dass sich die Frage auf die Studie ,Pulsed resources and climateinduced variation in the reproductive traits of wild boar under high hunting pressure‘ von Servanty et alii (veröffentlicht im Journal of Animal Ecology, 2009) bezieht. Diese Studie ist in deutscher Übersetzung im Internet auf den Seiten der ,Initiative zur Abschaffung der Jagd‘ zugänglich. Sie ist der Staatsregierung bekannt. Die Studie ist nicht geeignet, Rückschlüsse in Bezug auf Frage 4 zu ziehen, da sie keine wissenschaftlich gesicherten Erkenntnisse enthält.“

Auch zur Forderung, die Wildschweine mit Nachtsichtgeräten zu jagen, hat der Jagdverband Stellung genommen. Die Haltung ist eindeutig: „Der Einsatz von Nachtzielgeräten ist waffenrechtlich verboten. Ob mit deren Einsatz ein langfristiger Jagderfolg zu erreichen ist, bleibt fraglich. Der Einsatz von Sauenfängen ist unter Tierschutzaspekten und Effektivität kritisch zu hinterfragen. Abgesehen von wenigen Ausnahmeregelungen ist der Einsatz von Saufängen in Deutschland verboten.“

Und es ist nicht der einzige Vorschlag übereifriger Politiker, den selbst die Jäger für Unfug halten. Auch Schmidts „präventive Bestandsreduzierung“ gehört dazu: „Es gibt kein Allheilmittel gegen die Afrikanische Schweinepest. Ganz besonders wichtig ist die Früherkennung: Wenn ein Ausbruch umgehend gemeldet wird, können Maßnahmen eingeleitet werden, um die Verbreitung sofort zu unterbinden.“

Was Schmidt empfiehlt, ist also eher höherer Unfug. Wenn ein Ausbruch erkannt wird, muss punktuell und massiv reagiert werden. Weshalb alle geschossenen Wildschweine auch auf Afrikanische Schweinepest untersucht werden sollen. Den eigenen Verbandsmitgliedern gibt der Jagdverband auch Hinweise, wie man möglicherweise befallene Tiere erkennt. „Bezugsgröße ist hier lediglich das klar umgrenzte Seuchengebiet.“

Aber Thomas Schmidt ist halt Bauer, ausgebildeter Agro-Ingenieur. Und wer seine Vita liest, der merkt, dass Schmidt sich in der Regierung vor allem und fast ausschließlich als Vertreter der Bauernschaft sieht.

Was tun, wenn tatsächlich ein infiziertes Wildschwein in Sachsen gefunden wird?

 

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