„Bürokratieabbau“ hat einen wirksamen Gehölzschutz in Sachsens Großstädten fast unmöglich gemacht

NABU Sachsen fordert vom neuen Landtag die schnelle Abschaffung des „Baum-ab-Gesetzes“ von 2010

Für alle LeserEs war wieder so ein Gesetz unter dem verführerischen Label „Bürokratieabbau“, das die CDU/FDP-Regierung vor fast zehn Jahren beschloss. Tatsächlich hebelte das Gesetz die Kontrollmöglichkeiten der lokalen Umweltschutzämter aus. Tausende Bäume fielen seitdem allein in Leipzig der Säge zum Opfer. Und mit dem Wohnungsneubau wird der Baumverlust immer spürbarer. Der NABU Sachsen schlägt jetzt Alarm.

Wenn Städte wachsen und sich weiterentwickeln, müssten sie dennoch für die Menschen lebenswert bleiben, findet der NABU. Dazu gehöre das Grün in der Stadt mit Wiesen, Sträuchern und großen alten Bäumen. Sie dienen nicht nur den Menschen als Orte der Erholung, sie sind vor allem auch Lebensraum für die Tierwelt und essenziell für ein gesundes Stadtklima. Gerade vor dem Hintergrund der Klimakrise mit Dürresommern und Starkregen-Extremen müsse das städtische Grün erhalten und gefördert werden – gleichranging mit Infrastruktur und Wohnraum, fordert der Naturschutzbund. Eine nachhaltige Stadtentwicklung funktioniere nur mit einer intakten Stadtnatur.

Doch die Realität in Sachsens Städten sieht oft anders aus. Nahezu täglich wenden sich verzweifelte Menschen an den NABU in der Hoffnung, Sträucher vor der Rodung oder Bäume vor der Fällung zu bewahren.

Leider gelingt das in vielen Fällen nicht, weil die rechtlichen Möglichkeiten in Sachsen überschaubar sind und zudem in vielen Fällen von den zuständigen Behörden einfach ignoriert werden, benennt Naturschutzbund ein Dilemma, das mit dem Baum-ab-Gesetz tatsächlich erst verschärft wurde.

„Die Bedeutung des Grüns für die Stadtentwicklung wird von den Verantwortlichen ausgeblendet“, sagt Bernd Heinitz, Landesvorsitzender des NABU Sachsen. Und es gebe zwei weitere Probleme: „Zum einen wird häufig auch das Bundesnaturschutzgesetz ignoriert, das in vielen Fällen Sträucher und Bäume als Lebensstätten schützt und zudem eine Fällung grundsätzlich nur unter Beachtung des Artenschutzes erlaubt; zum anderen macht sich insbesondere das ‚Baum-ab-Gesetz‘ negativ bemerkbar.“

Der NABU Sachsen fordert daher eine gesetzliche Neuregelung mit dem Ziel, den Baumbestand zu erhalten und zu schützen, und appelliert an die künftige Landesregierung sowie die Fraktionen des neugewählten Landtags, das „Baum-ab-Gesetz“ schnellstmöglich abzuschaffen.

Bäume sind Schattenspender, Staubfilter, Lärmschutz und CO2-Speicher

Denn Bäume sind schützenswert, betont der NABU. Sie sind ein Naturgut an sich, sie bieten Tieren Nahrung und Unterschlupf, und sie sind wichtig für den Klimaschutz. Deshalb gab es bis zur „Reform“ im Jahr 2010 zu Recht einen relativ strengen Gehölzschutz. Er sorgte einerseits dafür, dass Bäume nicht ohne Genehmigung gefällt werden dürfen und im Falle einer Genehmigung dafür, dass es den notwendigen Ausgleich in Form von Neupflanzungen gab. Vor diesem Hintergrund gab es auch ausreichend Personal in den Behörden, die für den Baumschutz zuständig waren.

All das ging unter dem Deckmantel eines „Bürokratieabbaus“ verloren. Seitdem sind dieser Gesetzesreform in Sachsen tausende Bäume ersatzlos zum Opfer gefallen. Die negativen Folgen für das Wohlbefinden der Menschen, für Tierwelt und Klima sind vielerorts spürbar. Bäume spenden Schatten, was in unseren heißer werdenden Städten besonders wichtig ist, sie sind unter anderem auch Staubfilter, Lärmschutz und Kohlenstoffspeicher.

„Der Verlust von Bäumen ist auch ein Faktor für das zu beobachtende Insektensterben. Viele Arten sind auf Totholz, Ritzen, Spalten, Mulm und damit auf genügend alte einheimische Bäume angewiesen, in denen sie Quartier oder einen Ort für die Fortpflanzung finden, sie benötigen Blätter und Blüten als Nahrung“, erklärt René Sievert, Vorsitzender des NABU Leipzig und Vorstandsmitglied des NABU Sachsen.

Ein Beispiel seien die Weidenbäume, die verursacht durch das „Baum-ab-Gesetz“ beliebig gefällt werden dürfen.

„Die fehlende Weidenblüte im Frühjahr führt zum Nahrungsmangel bei Insekten, die nach dem Winter darauf angewiesen sind. Der Verlust der Insekten hat wiederum negative Folgen für Insektenfresser, wie Vögel und Fledermäuse, verschlechtert aber auch den Zustand des Ökosystems insgesamt, was weitere negative Folgen hat, letztendlich auch für die Menschen“, so Sievert.

Die Wiedereinführung eines wirksamen Baumschutzes in Sachsen sollte naturschutzpolitisch zu den wichtigsten Zielen zählen. Zugleich sei es eine gesetzgeberisch leicht zu realisierende Maßnahme, die wirksam wäre für den Schutz der Biodiversität und des Klimas, betont der NABU. Besonders spürbar seien die Folgen des mangelhaften Baumschutzes in wachsenden Großstädten wie Leipzig, Dresden und Chemnitz.

NABU bringt Lebensraumzerstörungen in der geplanten Parkstadt Dösen zur Anzeige

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