EM-Experte René Müller: „Die Enttäuschung liegt in der Aufstellung“

Aus und vorbei: Die deutsche Mannschaft hat nach einer schwachen Leistung den Einzug ins EM-Finale verspielt. Gegen Italien verlor die Löw-Truppe mit 1:2. Für den zweimaligen DDR-Fußballer des Jahres René Müller lag die Ursache der Niederlage in der Aufstellung von Jogi Löw.
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Herr Müller, Deutschland ist raus aus der EM. Leiden Sie?
Ich habe zu leiden aufgehört, als ich die Aufstellung gesehen haben. Mit so einer Aufstellung kann man Italien nicht begegnen. Joachim Löw hat versucht, sich nach dem Gegner zu richten und hat sich dadurch seiner eigenen Offensivkraft beraubt. Dabei sehe ich die Aufstellung von Gomez gar nicht so kritisch. Er hat die richtige Torquote in diesem Jahr gehabt und auch die Nationalmannschaft in der Vorrunde fast im Alleingang in die nächste Runde geschossen, aber über die Nominierung von Toni Kroos und Lukas Podolski kann man trefflich streiten.

Warum?
Entweder ich bringe Kroos für Özil und lege Pirlo richtig an die Kette oder ich sage, dass ich so offensiv spiele, mit Özil, mit Reus, mit Müller, dass sich Pirlo dadurch mehr um Özil kümmern muss. So war die Aufstellung aber unerklärlich für mich. Anfangs hat sich Kroos mehr um Pirlo gekümmert und Özil war über rechts aktiv, aber das hätte das Team dann auch durchziehen müssen. Mit der Nominierung von vier zentralen Mittelfeldspielern ist Löw von seinem Weg abgewichen und ist dafür bestraft worden.

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Sie gaben vor dem Turnier zu bedenken, dass es in Deutschland viele gleiche Spieler gibt. Etwas, dass sich vor allem beim Rückstand gezeigt hat.
Das ist richtig. Nur Khedira hat versucht, mit seinen energischen Läufen in die Spitze etwas zu reißen. Aber Fußball ist eben auch viel Psyche. Das 0:2 darf vor der Pause nicht fallen, aber es fällt und ist ein enormer Schlag für die Psyche. Der zweite Schlag ist die torlose Anfangsphase der zweiten Halbzeit. Zudem hielt auch noch Buffon bis auf einen Patzer in der 1. Hälfte seinen Kasten sauber. Die Fehler vor den Toren waren katastrophal, erst Hummels und dann Lahm. Das sind eklatante Fehler auf diesem Niveau. Wenn der Gegner das nicht bestraft, ist alles gut, aber sie haben ihre Chancen genutzt. Schweinsteiger wurde durch die Aufbietung von Özil, Kroos und Khedira in die Defensive degradiert, von ihm kam dadurch offensiv fast gar nichts. Die große Enttäuschung liegt allerdings in der Aufstellung, am Ende war es eine verdiente Niederlage. Wir haben auch ganz einfach nicht diese Straßenjungs, die für das Team und die Öffentlichkeit schwer zu greifen sind, wie ein Balotelli, wie ein Cassano. Deutschland hat viele Bubis, Italien hat Männer.

Was bleibt aus deutscher Sicht von diesem Turnier positiv wie negativ hängen?
Positiv auf jeden Fall, dass wir einen breiten Kader haben und eine solide EM gespielt haben. Negativ ist, dass wir keine Hackordnung haben. Ich bin ein Gegner der flachen Hierarchien und der leisen Töne, denn in wichtigen Situationen geht dann keiner voran. Du brauchst Typen, die die Fäden in die Hand nehmen, wenn es eng wird. Das Team muss dahingehend noch reifen. Ich weiß nicht, was passiert wäre, wenn Löw Klose, Reus und Müller von Anbeginn gebraucht hätte, aber so ist das als Trainer bei so vielen Alternativen: Du denkst nach, du doktorst rum.

Franz Beckenbauer schreibt in der BILD: „Halbfinale ist kein Dreck“, Matthias Sammer propagiert seit Jahren: „2. Plätze sind Kacke!“. Ist das Halbfinale nun eine Enttäuschung oder ein Erfolg?
Die Antwort liegt irgendwo dazwischen. Wenn du wie Deutschland 2002 in eine WM gehst, wo dir niemand etwas zutraut und du stehst im Finale, war es ein Erfolg. So ähnlich war es auch vor zwei Jahren. Aber nun sind wir der Gejagte, jeder fordert den Titel und dafür brauchst du Typen wie früher ein Sammer, ein Matthäus oder ein Breitner. Khedira und Özil müssen dahingehend den nächsten Schritt machen. Die Zeit der WM 2002, der EM 2008 und der WM 2010 ist vorbei.

Das Endspiel heißt nun Italien gegen Spanien. Das Spiel gab es schon in der Vorrunde, es war eines, wenn nicht das beste bei dieser EM bisher.
Italien hat schon vor zwei Wochen so gespielt wie gestern gegen Deutschland. Hätten Sie damals alle Chancen genutzt, hätten die Spanier ähnlich ausgesehen wie Deutschland gestern. Je länger die Spanier kein Tor machen, desto schwerer wird es für sie werden. Allerdings sehe ich sie aufgrund ihrer Erfahrung und der Ruhe am Ball im Vorteil. Doch Italien wird kontern und mit ihren zwei Spitzen sind sie immer gefährlich. Gegen dieses System verteidigt eine Abwehr zurzeit einfach sehr selten.


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