Der Leipziger Fußball kommt bei den Traditionsclubs der Stadt irgendwie nicht zur Ruhe. Die SG Leipzig Leutzsch (SGLL) steuert nach Informationen von L-IZ.de auf eine Insolvenz zu. Grund ist die drohende Rückforderung von gezahlten Betriebskosten durch die BSG Chemie. Doch einen Hoffnungsschimmer scheint es noch zu geben. In Person des Sportbürgermeister Heiko Rosenthal (Die Linke), der ausgerechnet von den Chemikern gebeten wurde, zu vermitteln. Ärger droht der SGLL zudem vom Zoll. Die Bundesbehörde ermittelt mittlerweile wegen des Verdachts auf Schwarzarbeit im Leutzscher Holz.

Niemand möchte in der Haut von Jan Hoppe stecken. Der SGLL-Präsident ist, was die finanziellen Verhältnisse seines Vereins angeht, gelinde ausgedrückt, ahnungslos. Dass die Leutzscher seit Monaten in finanziellen Schwierigkeiten stecken, ist kaum noch zu übersehen. Im Oktober drehten die Stadtwerke im Alfred-Kunze-Sportpark sogar kurzzeitig den Strom ab – wegen nicht beglichener Rechnungen. Die Stadt überwies eiligst die letzte Rate der jährlichen Betriebskostenerstattung, die erst zum Jahresende fällig gewesen wäre. Im November freuten sich die Grün-Weißen über 20.000 Euro vom Sportamt. Verwendungszweck: Neubau eines beschädigten Wildzauns. Dieser ist in Leutzsch bis heute nicht aufgetaucht. “Gebaut wird, wenn es die Witterungsbedingungen zulassen”, versprach Schatzmeister Jamal Engel Anfang Dezember. Damals lag Schnee.

Der Vorstandssprecher gilt als heimlicher SGLL-Chef. Das operative Geschäft läuft nahezu komplett über seinen Schreibtisch. Präsident Hoppe soll nicht einmal Zugriff auf das Vereinskonto haben. Was dieser Tage von Vorteil ist. Die Verantwortlichen für die Dauer-Misere, Engel und Vorstandsvize Frank Schöllhammer, sind auf diese Weise für Fans und Mitglieder immerhin leicht identifizierbar. Dass Mitarbeiter dieser Zeitung über die wirtschaftliche Situation besser Bescheid wissen sollen als der Aufsichtsrat, spricht Bände.
Seit Vereinsgründung spielt Jamal Engel Katz und Maus mit Fans, der Öffentlichkeit und der Politik. Als Anhänger im September 2011 beim Landespokal-Spiel gegen Roter Stern Leipzig rechte Parolen intonierten, stritt der Vorstandssprecher den Vorfall erst vehement ab, anschließend waren alle anderen Schuld. Trotz eindeutiger Beweislage gegen seinen Club. Von der einst versprochenen leistungsorientierten Nachwuchsarbeit fehlt jede Spur. Der Alfred-Kunze-Sportpark wurde bis dato kaum saniert. Hilfsangebote der BSG Chemie, die auf dem Areal zur Untermiete spielt, wurden – offenbar aus Prestigegründen – nicht angenommen.

Hinter den Kulissen streiten sich die Vorstände seit über einem halben Jahr um die Betriebskostenabrechnung für das Jahr 2011. Die Chemiker zweifeln die Rechtmäßigkeit mancher Posten an. Sie wollen Belege vorgelegt bekommen, die ihnen vertragsgemäß zustehen. Also Rechnungen, Kassenbons, Quittungen. Zur Disposition steht unter anderem Jamal Engels Honorar. Der SGLL-Chef berechnete sich monatlich 1.785 Euro. Die Chemiker sollen knapp ein Viertel der Summe zahlen. Ihr Verdacht: Engel rechnet seine komplette Geschäftsführertätigkeit als Verwaltungskosten ab – also neben Verwaltungsangelegenheiten für den Sportpark auch Tätigkeiten für die SG Leutzsch. Dies wäre rechtswidrig. Engels Rechnungen könnten Aufschluss über Art und Umfang der erbrachten Leistungen bringen. Das sollte eigentlich im Interesse des Vereins liegen.

Doch der SGLL-Vorstand argumentiert hartnäckig, die Untermieter hätten alle vorliegenden Belege auf dem Sportamt einsehen können. Jene Behörde hatte im Sommer die Abrechnung geprüft. Und abgenickt. Die Unterlagen, die die Leutzscher seinerzeit vorgelegt haben, sind L-IZ.de bekannt. Engels Honorarrechnungen sind nicht darunter. Bis heute hat kein Chemiker die Papiere zu Gesicht bekommen. Offenbar hat der SGLL-Chef ein starkes Interesse, sie dem Untermieter vorzuenthalten. Dabei müsste der Vorstandssprecher nur zum Aktenschrank greifen. Aus steuerrechtlichen Gründen müssten die strittigen Papiere eigentlich in den Vereinsräumen deponiert sein. Und nicht nur dort: Als Selbstständiger muss Engel über ein zweites Exemplar in seinem Privatbesitz verfügen.

Statt klein beizugeben und dem Club einen Rechtsstreit zu ersparen, riskiert der Vorstandssprecher nunmehr lieber eine Gläubigerinsolvenz. Aus Chemie-Kreisen ist zu vernehmen, dass man beabsichtige, die Betriebskostenvorauszahlungen zurück zu verlangen. Dies ist möglich, sollte die SG Leutzsch nicht bis Ende des Folgejahres sämtliche Belege vorgelegt haben. Was offenkundig nicht der Fall gewesen ist. Um einer Klage aus dem Weg zu gehen, hat sich der Chemie-Vorstand an die Stadt gewandt. “Ein letztes Mal”, erklärt Präsident Frank Kühne. Sportbürgermeister Rosenthal soll schlichten. “Wir erwarten bis zum 15. Februar eine Reaktion. Andernfalls werden wir unsere Forderung auf dem Rechtsweg geltend machen.” Sollten die Leutzscher die rund 14.500 Euro nicht berappen können, könnten die Chemiker für die SGLL Insolvenz anmelden.

Weiteres Ungemach droht der SG Leutzsch mittlerweile auch aus Dresden. Wie L-IZ.de erfuhr, ermittelt das Hauptzollamt, weil der Verein gegen das Schwarzarbeitsgesetz verstoßen haben soll. Ebenfalls im Fokus der Beamten: Engels Honorarrechnungen. Deren rasches Auftauchen sollte spätestens seit Beginn der Ermittlungen auch in seinem Interesse sein. Andernfalls müssten die Zöllner der Staatsanwaltschaft einen Betrugstatbestand melden.

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