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Eine Line ziehen macht glücklich und gesund: Slacklinen in Leipzig

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    LEIPZIGER ZEITUNG/Auszug Ausgabe 81, seit 31. Juli im HandelSie sind unter uns, man kann sie sehen – jeden Mittwoch im Clara-Park oder sogar auch schon am Karl-Heine-Kanal: Slackliner. Diese Menschen, die über ein schmales Seil balancieren und dabei die komischsten Verrenkungen machen, um nicht herunterzufallen. In Polen werden die Lines sogar an Kirchtürme und Rathäuser gespannt, in Tschechien hängen sie zwischen Felsen. In Leipzig versucht der Verein Slacknetz Leipzig e. V., den Sport prominenter zu machen. Vielleicht klappt das ja bald zum Stadtfest? Ruthger Fritze gehört dem Verein an und erklärt die Faszination des Sportes.

    Herr Fritze, immer häufiger sieht man über dem Karl-Heine-Kanal Slacklines hängen. Was passiert da?

    Der Karl-Heine-Kanal, Höhe Stadtteilpark Plagwitz, ist bisher der einzige Spot in Leipzig, wo man in dieser Höhe slacklinen kann. Das haben wir erstmals vor etwas über einem Jahr ausprobiert. Zuvor hatten wir umfangreich gescoutet, um einen Platz für das Highlinen zu finden. Mittlerweile ist das ein sehr, sehr guter Trainingsspot für uns geworden. Nun sind wir fast jede Woche mindestens einmal dort, spannen die beiden Slacklines und trainieren.

    Wie sind die Reaktionen der Leute, die vorbeikommen?

    Die Spanne ist sehr, sehr groß. Aber es sind überwiegend positive Reaktionen. Es gibt Leute, die etwas überrascht und ein wenig unverständig reagieren. „Wie kann man so etwas machen?“, „Die sind ja verrückt!“. Aber die meisten Reaktionen liegen im Bereich: „Das ist ja toll. Cool, was ihr macht.“ Für die Bootstouren auf dem Karl-Heine-Kanal sind wir immer ein Highlight. Die Bootsfahrer kündigen uns fast immer mit an und interagieren mit uns. Da gibt’s dann für das Publikum einige Lacher und wir machen extra Quatsch. Auch die Spaziergänger und Fahrradfahrer am Kanal bleiben oft stehen und schauen eine Weile zu, weil sie es so noch nie gesehen haben.

    Ziel erreicht, denn Ihr Training dort ist doch auch Werbung für die eigene Sache, oder?

    Klar, das lässt sich nun auch nicht vermeiden, es ist ja ein recht vielbefahrener Ort. Tatsächlich machen wir uns manche Tage aus, gerade am Wochenende, wo wir etwas mehr Show, auch mal mit kleiner Moderation dazu machen, um zu zeigen, wer wir sind. Wir bitten ab und zu um Spenden für den Verein, weil es ein relativ materialintensiver Sport ist und wir so neben den Mitgliedsbeiträgen eine weitere Einnahmequelle haben. Mit den Spenden können wir dann unter anderem auch mal das Benzin in die Sächsische Schweiz bezahlen, um dort zu highlinen.

    Sie sprachen den Verein an. Wie kann man sich einen Slackline-Verein vorstellen?

    Unser Verein heißt Slacknetz Leipzig e. V. Uns gibt es seit 2014. Wir haben knapp 50 Mitglieder und reisen auch zu internationalen Veranstaltungen. Wir sind offen für Fortgeschrittene wie für Anfänger und auch passive Mitglieder.

    Sind mit internationalen Veranstaltungen Wettkämpfe gemeint?

    Es gibt keine richtigen Wettkämpfe im Slacklinen. Am meisten noch in der Kategorie Tricklinen. Da wird ein breiteres, straffes, aber nur 20 bis 25 Meter langes Band gespannt. Darauf wird gesprungen. Das ist sehr, sehr artistisch, im Prinzip wie beim Trampolinspringen. Aber in dem Bereich sind wir weniger vertreten. Die internationalen Projekte sind dann Erschließungen von neuen Highlines. Zum Beispiel schaut man sich Täler aus, wo 400 Meter und längere Slacklines möglich sind.

    Der Aufbau dauert dann ein paar Tage und dann wird zwei, drei Tage probiert durchzulaufen. Wir fahren auch jedes Jahr – außer dieses – nach Polen. In Lublin findet immer das sogenannte Urban-Highline-Festival statt. Innerhalb der Altstadt, im Rahmen eines Stadtfestes, sind viele Slacklines gespannt, zum Beispiel zwischen Rathaus und Kirche. Die sind nicht ultralang, aber es ist etwas fürs Auge.

    Das wäre doch mal etwas für Leipzig!

    Definitiv! Wir versuchen bereits, mit Leuten in Kontakt zu treten, um so etwas zu realisieren, sei es zum Stadtfest oder Stadtteilfesten. Wir sind auf der Suche nach Spots, waren schon in Verbindung mit der LWB und den Vermietern der Lofts in der Nonnenstraße. Bisher hatten wir noch nicht so richtig Erfolg. Das ist aber aktuell meine Motivation beim Slacklinen, meine Leistung noch weiter zu pushen, um letztendlich an interessanten Orten zu highlinen.

    Prinzipiell ist es ja überall möglich, auch in der Stadt. Man kann auf Dachstrukturen Betonpfosten oder ähnliches nutzen und mit Industrieschlingen Verbindungen zu Verankerungspunkten legen. Es gibt aber auch die Möglichkeit, im Fenster sogenannte T-Balken aus Holz zu verklemmen, so funktioniert das auf den Festivals in Lublin. Auch an denkmalgeschützten Gebäuden ist dies schadfrei möglich. In Polen zeigen sie jedes Jahr, dass das geht.

    Haben Sie Gruppen, in denen Sie trainieren?

    Noch ist es freizeitmäßig organisiert. Wir haben keine Sektionen oder feste Jugendarbeit. Dafür sind wir noch zu klein. Im Clara-Park findet aber immer mittwochs, ab 16, 17 Uhr zwischen Sachsenbrücke und AOK ein offenes Treffen statt. Wir sind auch öfter im Volkspark Kleinzschocher. Es wäre prinzipiell möglich, mit kleinen Kindern anzufangen. Aber da sind wir wie gesagt noch nicht gut aufgestellt. Für die Älteren gibt es Unisport-Kurse, die auch von Mitgliedern des Vereins angeboten werden, und wir haben schon dreimal ein Slackfest im Clara-Park organisiert. An diesen Wochenenden haben wir Slackliner aus Berlin, Chemnitz und Halle eingeladen und Lines durch den Park gespannt.

    Das Titelblatt der LEIPZIGER ZEITUNG Nr. 81, Ausgabe Juli 2020. Foto: Screen LZ

    Ist es eine Aufgabe, die Welt nach Slackline-Spots abzusuchen?

    Auf jeden Fall. Das ist für mich persönlich ein Traum, an besonders schönen Orten etwas zu machen. Es muss nicht die längste Highline der Welt sein. Aber zum Beispiel vor einem Wasserfall oder einer Alpin-Landschaft ist es am schönsten. Es sind oft Weltklasse-Highliner, die entsprechende Spots finden. Es gab vor ein paar Jahren einen Weltrekord im Slacklinen: In einem Tal in Frankreich lief ein Slackliner eine 1.000 Meter lange Slackline.

    Da muss beim Aufbau viel beachtet werden: Kriegen wir die Line durchs Tal durchgezogen? Was müssen wir aufbauen, um die Slackline zu befestigen? Und so weiter. Aber auch im Park sollte man einiges beachten: der Baumdurchmesser sollte über 40 Zentimeter liegen, damit der Baum nicht durch die Zugbelastung geschädigt wird. Wenn man die Schlinge herumlegt, muss ein Baumschutz dran sein, es braucht auch die richtige Befestigungsart, und natürlich sollte man keine Slackline quer über einen Weg spannen.

    Sie reden von Slacklinen und Highlinen. Ab wann beginnt Highlinen?

    (lacht) Darüber wird in der Community erbittert gestritten. Was wir am Kanal machen, würde man eher als Midlinen bezeichnen, ab 20 Metern ist es Highlinen. Für mich ist alles, was mit Klettergurt gesichert abläuft, Highlinen. Dabei ist mehr zu beachten, weil man ja mit seinem Leben an der Line hängt. Dort ist der Hauptaspekt, dass alles redundant, also doppelt hintersichert ist. Das ist im Prinzip wie beim Klettern.

    Auch wenn wir am Kanal sind, bauen wir grundsätzlich zwei unabhängige Systeme auf, damit das zweite sichert, wenn das erste versagen sollte. Es gibt also eine zweite Line unter der obersten. Slacklinen ist der Übergriff für das Balancieren auf einem Band, aber eben auch der Begriff für das, was man auf der niedrigen Line im Park macht. Neben Slacklinen, Highlinen und Tricklinen gibt es übrigens noch weitere „Disziplinen“.

    Welche denn?

    Das Waterlinen. Man geht also über das Wasser, mit der Möglichkeit, gefahrlos reinzufallen. Das kann über dem Swimmingpool oder am See sein. Es ist noch mal ein anderer Leistungsaspekt, weil es im Kopf etwas anderes macht, als wenn man nur im Park über Gras läuft. Das Wasser macht es auch von der Optik her schwerer. Und es gibt noch das Rodeolinen.

    Dort werden die beiden Ankerpunkte sehr hoch eingehängt, so 3–4 Meter etwa, und die Line ist in der Mitte fast über dem Boden und dann kann man auf der Line hin- und herschwingen. Da geht es weniger ums Laufen. Man versucht stattdessen zu surfen, die Line also wie ein Pendel hin- und herzuschwingen und darauf stehen zu bleiben.

    Wie sind Sie zum Slacklinen gekommen?

    Über die Uni. Als ich Lehramt studierte, wurden dort im Rahmen von Lehrer-Gesundheitstagen Workshops angeboten, unter anderem Slacklinen. Das hat mich sofort begeistert. Ich hab mir zu Weihnachten eine Slackline gewünscht und immer mal geübt. So richtig los ging es erst ab Gründung des Vereins, ich war bis dahin einer der wenigen Slackliner in Leipzig. Ich hab zuerst mit dem Tricklinen angefangen. Aktuell verbringe ich die meiste Zeit auf Highlines.

    Ich bin Grobmotoriker, kann ich dennoch slacklinen?

    Es ist definitiv eine Übungssache. Slacklinen im Park kann jeder mit normalen körperlichen Voraussetzungen. Das Wesentliche ist in einer halben bis Stunde erlernbar. Es ist ein sehr, sehr gutes koordinatives Training und dadurch auch empfehlenswert für andere Sportarten. Skifahrer trainieren mit Slacklines, auch Fußballer stehen mal mit einem Bein auf der Line und spielen den Ball zurück. Andere Disziplinen, wie das Tricklinen, sind schwerer.

    Man fängt aber auch hier klein an, ehe man zu Drehungen und Salti kommt. Beim Highlinen braucht man eine gewisse sportliche Konstitution. Aber man kann da auch relativ schnell hinkommen. Wenn man sich wirklich das Ziel setzt und ein bis zwei Mal die Woche etwas macht, kann man das auch in einem halben Jahr schaffen.

    Herr Fritze, auf welchen Slackline-Höhepunkt freuen Sie sich derzeit?

    Wir machen Anfang August einen Vereinsausflug nach Ostrov in Tschechien. Das ist ein Mekka des Highlinens in Europa. Dort kann man Highlines zwischen 15 und 100 Metern nutzen. Eigentlich wären jetzt auch Festivals in Polen, Italien und Frankreich, aber die sind leider alle abgesagt.

    Zur Homepage des Vereins:
    www.slacknetzleipzig.de

    Slackline-Training in luftiger Höhe über dem Karl-Heine-Kanal. Foto: Marko Hofmann
    Slackline-Training in luftiger Höhe über dem Karl-Heine-Kanal. Foto: Marko Hofmann

    Fakten zur Slackline

    Slackline ist Englisch und bedeutet frei übersetzt „locker gespanntes Band“.

    Die Herkunft:
    Ursprünglich aus der Kletterszene im Yosemite-Nationalpark in Kalifornien stammend. Seit 2006 in Zentraleuropa groß geworden, von da aus verbreitet sie sich über die Welt.

    Das Material:
    Typische Slacklines sind aus Polyester oder Polyamid (Nylon) gewoben.
    Breite: 2,5 bis 5 cm
    Zugkraft: von 100 bis 1.500 kg, typischerweise rund 300 bis 800 kg
    Reißt bei: 2.500 bis 5.000 kg, je nach Slacklinetyp

    Varianten und Disziplinen:
    Einsteiger-Slacklines: so fängt jeder an – kurz und tief
    Longlines: Konzentration und Ausdauer sind gefragt
    Tricklines: Akrobatik pur und die bisher einzige Wettkampfdisziplin
    Rodeolines: quasi eine Schaukel zum Draufstehen
    Waterlines: über Wasser; viel schwieriger als man denkt
    Highlines: die Königsdisziplin in der Höhe

    Quelle: Flyer „Die vielseitige Welt der Slackline“, 1. Auflage 2014, herausgegeben vom Schweizer Slackline-Verband und Österreichischer Slackline-Verband.

    International Slackline Association
    http://www.slacklineinternational.org/

    Im Weltverband sind derzeit 15 aktive Mitgliedsverbände organisiert:
    Deutschland, Schweiz, Österreich, Niederlande, Tschechien, Finnland, Litauen, Lettland, Türkei, USA, Iran, Chile, Kanada, Japan, Australien.

    Deutscher Slacklineverband
    https://deutscherslacklineverband.org

    Hierzulande gibt es aktuell 9 Mitgliedsvereine:
    Leipzig, Halle/Saale, Dresden, Brandenburg, Berlin, Hamburg, Stuttgart, Bremen, Tübingen.

    Die neue Leipziger Zeitung Nr. 81: Von verwirrten Männern, richtigem Kaffee und dem Schrei der Prachthirsche nach Liebe

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