Man muss den roten Faden nur umdrehen, schon wird aus dem Stadtrandgemecker eine Gebrauchsanweisung fürs Glück. Schnee im Leipziger Neuseenland! Nicht dieser halbherzige Puderzucker, der nach zwei Tagen von der Realität weggeweint wird, sondern richtiger Schnee. Weiß. Kalt. Knirschend. So einer, bei dem man plötzlich denkt: Ach ja, deshalb habe ich das alles mal aufgehoben.

Das letzte Mal, dass man hier ernsthaft Ski fahren konnte, ist fünf Jahre her. Dazwischen: Winter, die ihren Namen nicht verdient haben. Also steige ich auf den Dachboden und suche meine Langlaufskier. Ergebnis der Bestandsaufnahme: Bei einem Paar ist ein Ski gebrochen, bei einem anderen die Bindung ausgerissen.

Improvisation ist gefragt. Ich kombiniere die Überreste zu einem neuen System: zwei unterschiedliche Ski, zwei unterschiedliche Bindungen, zwei unterschiedliche Schuhe. Symmetrie ist überbewertet. Hauptsache gleiten.

Unten auf der Straße wird bereits Schnee geschoben. In einigen Einfahrten klingt das Schaben metallisch, begleitet vom vertrauten Grundrauschen der Unzufriedenheit. Der viele Schnee nerve, hört man. Offensichtlich. Ich ziehe den Reißverschluss höher und denke: Ich möchte heute mal nicht meckern.

Am Störmthaler See finde ich sie dann: eine Loipe. Auch vor fünf Jahren gab es hier eine, damals professionell gespurt vom lokalen Laufsportverein, mit Maschine, Präzision und dem leisen Stolz der Ehrenamtlichen. Dieses Mal stammt sie von meiner Nachbarin – wie sich später herausstellt. Handgezogen, unperfekt, aber mit Haltung. Insgesamt werde ich an diesem Tag acht Skiläufer*innen treffen. Acht. Ohne mich gerechnet. Eine Massenbewegung sieht anders aus.

Es ist ein herrlicher Tag. Minus sechs Grad, strahlender Sonnenschein. In Bewegung wird einem warm, beinahe zu warm. Stehenbleiben dagegen ist keine Option – die Kälte meldet sich sofort zurück. Ich treffe ein Paar, das sich ebenfalls an den Schnee von vor fünf Jahren erinnert. Damals hatten sie sich extra Langläufer gekauft. Heute kommen sie endlich zum Einsatz. Sie sehen aus, als hätten sie jahrelang auf genau diesen Moment gewartet.

Zwischen den Aussichtspunkten auf der Störmthaler Seite wird es voller. Viele Fußgänger. Die Loipe wird zertrampelt. Kennt man. Muss man sich nicht mehr drüber aufregen. Augen zu, Spur halten, durch. Hinter Störmthal wird es wieder einsam. Die Loipe ist hier fast makellos, der Schnee unberührt, die Landschaft still.

Dann treffe ich die Nachbarin. Sie ist schon auf dem Rückweg und hat bis zum Abzweig des Störmthaler Kanals gespurt. Kurzer Plausch, mehr ist nicht drin. Die Smartwatch drängelt, und außerdem ist es zu kalt, um lange stehen zu bleiben. Weiter geht es, vorbei an den Weinbauhängen. Wo gibt es eigentlich den Störmthaler Wein? Die Frage nehme ich mit nach Hause.

Kurz darauf begegne ich auf Ski einer ehemaligen Kollegin – mit Mann und Hund. Jahre nicht gesehen. Sie erzählt, sie habe der Medizin den Rücken gekehrt und arbeite jetzt als Pädagogin. Ich erzähle, ich habe deeskaliert, arbeite nur noch 80 Prozent. Der Partner stellt fest, er sei wohl noch der Einzige, der arbeite. So war das nun auch wieder nicht gemeint. Aber es ist ohnehin zu kalt zum Plauschen. Wir gleiten weiter.

Der Kanalweg ist eigentlich gesperrt, wegen der Sanierungsarbeiten an der Kanuparkschleuse. Doch der Zaun liegt bereits flachgedrückt, ein paar Stampfen im Schnee markieren einen inoffiziellen Übergang. Eine Einladung. Ich setze meine eigene Skispur dazu.

Der letzte Winter mit ausreichend Schnee und der Beginn der Probleme an der Kanuparkschleuse fallen ins gleiche Jahr: 2021. Damals, als man hier noch einmal Ski fahren konnte und zugleich begann, was man heute Sanierung nennt. Seitdem wartet man im Leipziger Neuseenland auf beides: auf Winter, die tragen, und auf Lösungen, die bleiben.

Stattdessen prägen Provisorien das Bild – Zäune, Rohre, Sicherungsdämme – und Winter, die ihren Namen nur aus Höflichkeit tragen. Vielleicht ist das kein Zufall. Vielleicht hat sich damals entschieden, dass hier vieles nicht vollendet werden will: das Eis auf den Seen, die Wege zwischen den Ufern und diese junge Landschaft, die noch Zeit braucht, um zu sich zu kommen.

Über einen provisorischen Sicherungsdamm gelange ich auf die andere Seite. Ab hier muss gespurt werden. Es gibt nur eine einzelne Kfz-Spur im Schnee. Später stelle ich fest, dass man darin erstaunlich gut fahren kann – eine ungewohnt enge Skiführung, aber es funktioniert. Das Spuren selbst war deutlich anstrengender.

Gegenüber dem Dispatcherturm auf der Deponieseite liegt ein kleiner Rehraufen-Picknickplatz. Hier gönne ich mir eine kurze Pause. Ein Skifahrer-Pärchen überholt mich. Die Frau schaut, als würde sie auch gern stehenbleiben, aber sie ziehen weiter. Ich bleibe bei heißem Ingwertee aus der Thermoskanne und einer Käseschnitte. Eigentlich schön. Eigentlich. Aber es ist einfach zu kalt für lange Pausen.

Schwäne am Westufer des Störmthaler Sees. Foto: Frank Beutner
Schwäne am Westufer des Störmthaler Sees. Foto: Frank Beutner

Weiter geht es direkt am Ufer entlang. Zwischen den Schilfinseln sammeln sich Schwäne. Viele Schwäne. Ich gehe davon aus, dass es Familien sind: schneeweiße Erwachsene, daneben Tiere mit noch gräulichem Gefieder, typische Jungschwäne. Drei- bis sechserweise. Insgesamt sicher mehr als fünfzig. Wahrscheinlich Überwinterer aus dem hohen Norden – im Sommer sind es hier nie so viele.

Nach drei Stunden biege ich zurück ins Dorf ein. Im Schnee sind weitere Skispuren zu sehen. Offenbar haben noch mehr Menschen etwas mit diesem seltenen Stoff anfangen können. Ich freue mich darüber.

Und was gibt es nun zu meckern? Ich überlege lange. Mir fällt nichts ein.

Vielleicht gleiche ich irgendwann die Leserzahlen ab. Meckermeldung gegen Gutmeldung. Einfach aus Interesse.

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