Sächsischer Arbeitsmarkt: Gesunkene Abwanderung macht Wirtschaftsminister zuversichtlich

Hat er Recht, hat er nicht Recht? - Am Freitag, 6. Januar, als die FDP bei ihrem Dreikönigstreffen in Stuttgart durch die Nachricht vom Scheitern der Jamaika-Koalition im Saarland ihr Debakel erlebte, hatte Sachsens Wirtschaftsminister Sven Morlok (FDP) zum Pressegespräch eingeladen. Seine frohe Botschaft: "Abwanderung aus Sachsen gestoppt".
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Es könnte sein, dass Sachsen 2011 tatsächlich einmal ein ausgeglichenes Saldo an Zu- und Abwanderungen verzeichnen kann. Aber das darf der Wirtschaftsminister der Wissenschaftsministerin natürlich nicht verraten. Denn das sind zu einem erheblichen Teil Studierende, die 2011 nach Sachsen kamen, weil überall in Deutschland die Hochschulen aus den Nähten platzen. Dass die Ministerin in ihrer im Jahr 2007 stecken gebliebenen Weisheit gerade dabei ist, die Hochschulen mit Personalkürzungen zu strangulieren, haben viele der Neuimmatrikulierten dann wohl erst nach der Einschreibung erfahren.

Ob irgendetwas an der Abwanderung „gestoppt“ wurde, wird man wohl erst erfahren, wenn das Statistische Landesamt tatsächlich die Zahlen für 2011 beisammen hat. Deutlich sichtbar ist der Trend erst seit 2009. Noch 2008 verzeichnete der Freistaat eine Spitzenabwanderung von 76.318, der eine Zuwanderung von 63.799 entgegen stand. Dass 2009 die Fortzüge erstmals auf 74.1l1 sanken und 2010 auf 70.994, hat einen simplen Grund, der nichts mit irgendeiner gloriosen Tat der Staatsregierung zu tun hat: Die jungen Leute aus den geburtenschwachen Jahrgängen nach dem Ereignis, das ein paar Leute so gern „Wende“ nennen, erreichten das ausbildungsfähige Alter – suchten sich einen Ausbildungs- oder Studienplatz. Und weil insbesondere die sächsische Wirtschaft nicht genug Lehrstellen anbieten konnte, gingen die jungen Leute vorher da hin, wohin nun schon rund 20 Jahrgänge gern abgewandert sind – nach Schwaben und Bayern und Hessen.

Erst seit vor zwei Jahren die geburtenschwachen Jahrgänge auch bei den ausbildenden Unternehmen ankamen, nahm diese Not ab. Jetzt ist das Lehrstellengebot größer als die Bewerberzahl. Die jungen Leute können da bleiben. Die Zahl der registrierten Fortzüge nimmt logischerweise ab.

Da kann Sachsens Wirtschafts-, Arbeits- und Verkehrsminister Sven Morlok natürlich ohne Bedenken sagen: „Der Abwanderungstrend ist gestoppt. Zum ersten Mal seit vielen Jahren wird Sachsen 2011 ein Wanderungsplus verzeichnen. Und ich gehe fest davon aus, dass sich diese positive Entwicklung stabilisiert.“

Auch er sieht die Ursachen natürlich bei den Verbesserungen auf dem Arbeitsmarkt und in der Entspannung auf dem Ausbildungsmarkt. Morlok: „Nirgendwo in Deutschland ist die Arbeitslosenquote in den vergangenen zwölf Monaten so deutlich gesunken wie bei uns in Sachsen. Auch die Lage auf dem Ausbildungsmarkt hat sich gewendet: In diesem Ausbildungsjahr hat es erstmals mehr offene Stellen als Bewerber gegeben.“

Das ist für viele Unternehmen längst ein Problem. Und vorgesorgt ist nicht.

„Die Potentiale für die Fachkräftegewinnung sehen wir vor allem bei Pendlern und Rückkehrern, die ihren Arbeitsort und Lebensmittelpunkt zurück nach Sachsen verlegen wollen“, meint Morklok. Der Minister nennt als Gründe, dass gleichzeitig „eine Vielzahl von Maßnahmen angestoßen und verstetigt“ wurden, um auch die Integration von Langzeitarbeitslosen und Die Chancen von lernschwachen Jugendlichen am Arbeitsmarkt zu verbessern.

Klingt gut. Doch fast alle Maßnahmen sind zu spät gestartet, fast alle stecken noch in der Pilotphase. Man probiert aus, was funktionieren könnte – und das vor dem Hintergrund drastischer Einschnitte bei den Eingliederungsmitteln im Bereich der Jobcenter. Die Zahl der Maßnahmen sagt nichts aus über die Zahl der neu gewonnenen Fachkräfte. Und es ist wie bei den Lehrern in Sachsen: Der Bedarf ist längst da – doch die nötigen Kapazitäten für die Nachwuchsgewinnung sind noch nicht geschaffen.Das Warnsignal blinkt – und das Wirtschaftsministerium weist auch darauf hin: Zudem wird ab 2013 die Zahl der Arbeitnehmer, die in Sachsen in den Ruhestand gehen, über mehrere Jahre höher sein als die Zahl der Berufseinsteiger. Das heißt: Der Bedarf der Wirtschaft wird immer weiter anwachsen. Mindestens bis 2020.

Dass die so genannte Erwerbsquote in Sachsen höher ist als anderswo, hat mit alledem nichts zu tun. „Im Vergleich zu Deutschland und den EU-27-Staaten hat Sachsen mit 80,4 Prozent eine überdurchschnittliche Erwerbsquote (Deutschland 76,1 und EU-27 70,3 Prozent). Auch die Frauenerwerbsquote weist mit 77,6 Prozent einen Spitzenwert aus“, betont das Ministerium.

Denn so hoch ist die Quote ja nicht, weil die Leute alle in ihren Qualifikationen beschäftigt sind, sondern weil das Lohnniveau so niedrig ist, dass sich die meisten Familien ohne Zweiteinkommen gar nicht über Wasser halten können.

Über das Thema Lohnniveau werden sich noch einige Wirtschaftsminister in Sachsen die Köpfe zerbrechen müssen. Für die Industrie in Sachsen ist längst klar: Um eine Erhöhung der Löhne kommt man in den nächsten Jahren nicht umhin, wenn man die Fachkräfte halten – oder (siehe Zuwanderung aus Osteuropa) – bekommen will. Denn nicht nur in Sachsen ist die Arbeitslosenquote zurückgegangen – auch in allen anderen Bundesländern (mit Ausnahme von Sachsen-Anhalt). Auch dort ist die Nachfrage nach Arbeitskräften deutlich gestiegen. Und wenn der Bedarf in Bayern und Baden-Württemberg um 0,6 Prozent gestiegen ist, dann kompensiert das locker die 1,3 Prozent in Sachsen. Der Freistaat ist keine Insel. Und einfach die Rückkehr von Ausgewanderten zu wünschen (oder mit Ost-Paketen zu animieren), wird nichts bringen, wenn das Lohnniveau in Süddeutschland so deutlich höher bleibt.

Eine Chance hat der Freistaat nur, wenn er den jungen Leuten zusätzlich zum Arbeitsplatz die guten Rahmenbedingungen für eine Familiengründung bieten kann, das niedrigere Lohnniveau also mit besseren Infrastrukturen und Zukunftschancen kompensieren kann. Die niedrigere Arbeitslosenquote sagt eben wenig über neu geschaffene Beschäftigungsmöglichkeiten in Sachsen aus – dafür viel über die demografischen Veränderungen in Folge der katastrophalen Wirtschaftspolitik nach 1990.

Der Puffer von „Altbewerbern“ bei der Bundesagentur für Arbeit (2011 immerhin noch gut 9.700) ist aufgebraucht. Sachsen ist ab jetzt ein Land, in dem (junge) Arbeitskräfte fehlen. Was auch für viele Bewerber gut sein könnte, die bislang immer wieder beim Jobcenter landen. Sven Morlok: „Die Bedingungen für sofort wieder vermittelbare Arbeitssuchende, einen neuen Job zu finden, sind sehr gut.“

Er fügt noch hinzu: „Das zeigt, dass der Arbeitsmarkt sich gut entwickelt hat.“

Nein. Das zeigt’s nun tatsächlich nicht. Der Arbeitsmarkt hat nun auf einmal genau die Mangelerscheinungen, die auch die Wirtschaftskammern schon vor Jahren gesehen und angemahnt haben. Das ist gut fürs Wanderungssaldo. 2008 lag es noch bei minus 12.500, 2010 dann nur noch bei minus 3.500. Vielleicht ist’s 2011 erstmals seit 1997 wieder ausgeglichen. Ob’s das bleibt, ist eine andere Frage. Denn die Landesregierung vergisst gern, dass auch ihre Einsparungen bei Personal, Infrastrukturen und staatlicher Dienstleistung Einfluss auf den „Arbeitsmarkt“ haben. Wer weiter spart, als stünde ein radikaler Bevölkerungsschwund bevor (und genau auf der Grundlage ist auch das neue „Standortegesetz“ gestrickt), der holzt genau an den Stellen, an denen der Freistaat zum Halten seiner jungen Arbeitskräfte eigentlich punkten müsste.

Denn das Bevölkerungssaldo in Sachsen bleibt auch künftig negativ. Allein die Differenz bei Geburten und Sterbefällen liegt seit Jahren um die 15.000. So viele künftige Arbeitnehmer fehlen Jahr für Jahr. Wäre ein Thema für eine bessere Familienpolitik in Sachsen. Und für eine Staatsregierung, die so kompetent wäre, dass sie begriffe, dass eine gute Familienpolitik Gold wert ist im Wettbewerb der Regionen.

Der Arbeitsmarkt in Sachsen als PDF zum download.


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