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Erntestart in Sachsen unter schlechten Vorzeichen: Sachsens Landwirte müssen sich auf ein anderes Klima umstellen

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    Alles hängt mit allem zusammen. Das ist vielleicht der Satz, den Schüler in Sachsens Schulen am häufigsten zu hören bekommen sollten. Er wird ihr Leben bestimmen. Als Klimawandel, als gefährdete Nahrungsgrundlage. Auch als Flüsse und Meere, in denen sie nicht mehr baden können. "Klimawandel vergrößert Todeszonen in der Ostsee", meldete "Spiegel Online" am Montag, 2. Juli. Und Sachsens Umweltminister ließ melden: " Akzeptanz für nachhaltige Landwirtschaft steigt stetig".

    Während „Spiegel Online“ darüber berichtete, wie der permanente Nährstoffeintrag durch Überdüngung in den angrenzenden Ländern das Algenwachstum in der Ostsee antreibt, glaubt Sachsens Umweltminister, der gleichzeitig auch für die Landwirtschaft zuständig ist, die sächsische Landwirtschaft sei „nicht nur vielseitig und wettbewerbsfähig, sondern sie ist auch noch vorbildlich im Umgang mit der Natur.“

    Am 2. Juli hat Landwirtschaftsminister Frank Kupfer ganz offiziell den diesjährigen Erntestart eingeläutet. Gleichzeitig empfahl er den aktuellen Agrarbericht seines Ministeriums. Der würde, so Kupfer, die hohe Bereitschaft der Landwirte zu freiwilligen Agrarumweltmaßnahmen wie zum Beispiel zu stoffeintragsminimierenden und bodenschonenden Bewirtschaftungsverfahren belegen.

    Im vergangenen Jahr bewirtschafteten rund 3.300 Landwirtschaftsbetriebe ihre Flächen nach dem sächsischen Agrarumweltprogramm. Auf mehr als 353.500 Hektar Landwirtschaftsfläche (2010: rund 326.500 Hektar) wendeten Landwirte freiwillig nachhaltige Bewirtschaftungsmethoden an, die über die gesetzlichen Verpflichtungen hinausgehen. „Hier sind wir auf einem guten Weg zu einer echten Partnerschaft zwischen Landwirtschaft, Umwelt und Naturschutz“, sagte der Minister. Der Freistaat Sachsen hat dieses Engagement allein im Jahr 2011 mit rund 44 Millionen Euro unterstützt.

    Ganz so freiwillig tun sie es nicht. Das weiß Kupfer genau. Erst vor wenigen Monaten hatte er vor dem Bodenverlust gewarnt, den Sachsen jedes Jahr aufgrund Jahrzehnte lang gepflegter intensiver Bodenbearbeitung erleidet. 3 Millionen Tonnen sächsischen Ackerbodens werden jedes Jahr in die Flüsse gespült. Was auch dazu beiträgt, dass der größte Teil der sächsischen Fließgewässer die von der EU vorgegebenen Grenzwertbelastungen überschreitet. Unter anderem bei Nitraten.

    Welche Unterschiede es macht, ob ein Acker ökologisch oder konventionell bewirtschaftet wird, kann, wer will, ab Seite 75 im Agrarbericht nachlesen. Und gerade der westsächsische Raum gehört zu jenen, in denen die Bodenbelastung durch Düngung besonders stark ist – Schwerpunkte im Raum Nordsachsen und im Gebiet der Mulde.Viel zu langsam vollzieht sich der Umbau der sächsischen Landwirtschaft hin zu einer nachhaltigen Landwirtschaft. 3,9 Prozent der Flächen werden erst ökologisch bebaut.

    „Zuerst bangen die Landwirte beim Wetter, dann um die Preise für ihre Produkte und schließlich auch noch bei den Vorgaben durch die Politik“, so Kupfer zu seinen sächsischen Landwirten. „Da ist es schon beachtlich, wenn sie so viel freiwilliges Umweltengagement zeigen.“

    Viel ist nicht gleich viel. Manches ist schlicht der Versuch, die Rahmenbedingungen nicht noch weiter zu verschlechtern. Und die späte Einsicht, dass es in der alten Weise einfach nicht weitergeht. Denn den Klimawandel bekommen Sachsens Bauern längst zu spüren. Was in der Statistik für den normalen Stadtbewohner noch wie ein gewöhnlicher Witterungsverlauf aussieht, bekommt der Landwirt als heftigen Einschnitt in seine Arbeit zu spüren. Niederschläge fallen nicht mehr recht gleichmäßig im Jahr, sondern kommen immer öfter als Starkregen – wie in den letzten Tagen wieder erlebt. Ist der Boden ungeschützt, nimmt der Regen nicht nur die kostbare Krume mit, sondern auch gleich noch die Saat.

    Viele natürliche Wasserspeicher fehlen, wurden im Zuge der Großlandwirtschaft beseitigt – Nassbiotope, Gehölze, begrünte Feldraine, die allesamt auch Rückzugsräume für allerlei Tiere und Insekten waren, die jetzt vom Aussterben bedroht sind. Viele Nutztiere darunter.

    Wie sehr die Witterung und die mit ihr einhergehende Erosion die Qualität vieler Äcker schon beeinträchtigt haben, haben Sachsens Landwirte bei den Getreideerträgen der letzten Jahre gespürt – die Hektarerträge sanken, während sie im Bundesdurchschnitt stiegen. Sachsen, das in einigen Landesteilen die besten Böden Deutschlands hatte, verliert diese Böden gerade.

    Auch diese Entwicklung der Hektarerträge findet man im Agrarbericht. Genauso wie eine sehr ausführliche Analyse zur wirtschaftlichen Lage der sächsischen Bauern. Wirklich gut geht es ihnen nicht. Mit etwas über 800 Millionen Euro tragen sie nur ein knappes Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei. Die Zahl der in der Landwirtschaft Beschäftigten sinkt seit Jahren.

    Die wirtschaftliche Situation der sächsischen Landwirte habe sich nach der allgemeinen Finanz- und Wirtschaftskrise zwischenzeitlich zwar etwas entspannt, schätzt das Umweltministerium ein. „Bestehen bleiben jedoch die Unsicherheiten, wie sie die globalen Märkte mit sich bringen. Starke Preisschwankungen – wie zurzeit beim Milchpreis – sowie anhaltend hohe Betriebsmittelpreise (Treib- und Schmierstoffe, Energie, Dünger) verlangen das ganze Können der Unternehmen. Kostenmanagement, Marktbeobachtung und Vertragsgestaltung gehören zum Handwerkszeug auch in der Landwirtschaft.“Der Milchpreis schwankt übrigens nicht, weil irgendein obskurer Markt immer neuen Turbulenzen ausgesetzt ist. Er schwankt, weil es eigentlich keinen Wettbewerb mehr gibt auf diesem Markt. Es sind die großen Lebensmittelketten, die über den Milchpreis immer wieder versuchen, sich gegenseitig Marktanteile abzujagen. Leidtragende sind die Bauern, die den Druck natürlich versuchen, durch noch intensivere Milchwirtschaft irgendwie auszugleichen.

    „Unser Vorteil sind unsere Strukturen. Die Vielfalt an Rechts-, Erwerbs- und Betriebsformen zeichnet Sachsens Landwirtschaft aus“, sagt Landwirtschaftsminister Kupfer. „Diese guten wettbewerbsfähigen Strukturen würden für Sachsen allerdings zum Nachteil werden, wenn die jetzt bekannten Reformvorschläge für die europaweite Gemeinsame Agrarpolitik umgesetzt werden. Vor allem die Einführung einer Obergrenze bei den Direktzahlungen ist eine klare Benachteiligung der gewachsenen Agrarstruktur in Sachsen und muss verhindert werden. Hier lassen wir nicht locker.“

    So ist er, der Minister. Von guten Strukturen reden und im nächsten Satz eingestehen, dass die sächsische Landwirtschaft ohne die Beihilfen der EU so auf keinen Fall mehr funktionieren würde. Ein kleiner Federstrich in Brüssel, und eine Reihe sächsischer Betriebe kommt in arge wirtschaftliche Schwierigkeiten. Wer so knapp kalkulieren muss, hat natürlich nicht viel Spielraum, seinen Betrieb auf ein nachhaltiges Regime umzustellen.

    Und die nächste Ernte verspricht keine besonders gute zu werden.

    Für die Ernte 2012 müssen die Landwirte aufgrund von teilweise schwierigen Wetterbedingungen seit Herbst 2011 mit Ausfällen rechnen, so das Umweltministerium. Gewarnt hat es dazu schon in der vergangenen Woche. Grund: Geringe Niederschläge führten im Herbst zu Trockenschäden. Im Januar und Februar schädigte strenger Dauerfrost großflächig die Getreidebestände. – Aber auch das hängt mit der großflächigen Struktur der sächsischen Landwirtschaft zusammen.

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    „Sollte es tatsächlich weniger Erträge geben, ist wieder einmal das Verkaufsgeschick unserer Landwirte gefragt, um mögliche Verluste auszugleichen“, wahrsagt der Minister und begrüßte erneut die Idee einer Risikoausgleichsrücklage, die es Landwirten ermöglicht, in guten Zeiten steuergünstig Rücklagen für schlechte Zeiten zu bilden. „Ich werde mich weiter auf Bundesebene dafür einsetzen“, so Kupfer.

    Man ahnt, warum sich immer mehr Landwirte gezwungen sehen, eine „konservierende Bodenbearbeitung“ zu pflegen, neue Grünstreifen anzulegen, Zwischensaaten zu säen, Ackerland in Grünland umzuwandeln oder „bodenschonenden Ackerfutterbau“ zu betreiben. Alle Zahlen findet man ab Seite 74 im Bericht. Das ist so freiwillig nicht, wie Kupfer gerne lobt. Da ist ein Lernprozess in Gang gekommen. Selbst wenn Sachsens Bauern unter dem irren Druck der globalisierten Märkte nicht Land und Hof verlieren – wenn sie nicht schnell umdenken und anders wirtschaften, geht ihnen der Boden einfach mit dem Regen verloren.

    Den sächsischen Agrarbericht für 2011 findet man unter: https://publikationen.sachsen.de/bdb/artikel/15330

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