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Ein Zukunftsprojekt mit Kommunikationsproblem: Ein „Kick-Off-Workshop“ für internationales Netzwerk in Leipzig

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    Eigentlich geht es in diesem Beitrag um ein echtes Leipziger Zukunftsprojekt in Sachen erneuerbare Energien. Aber der Ärger ist schon im Titel der Pressemitteilung der Energiemetropole Leipzig angedeutet: "Kick-Off-Workshop für internationales Netzwerk in Leipzig". Und es wird nicht besser, wenn man dann auch die Projektwebsite besucht. Da fällt einem dann schnell die Lektüre der jüngsten "Sprachnachrichten" des Vereins für Deutsche Sprache ein: "Deutsch auf der Anklagebank".

    Man kann und darf die „Sprachnachrichten“ mit kritischen Gedanken lesen. Manchmal kommen die Beiträge der Zeitung zu sehr aus der defensiven Ecke – eben dieses „Deutsch auf der Anklagebank“. Was die Perspektive ändert und das Deutsche stets bedroht sieht, umlagert von einem Heer von Plagen und Feinden.

    Dabei vergisst man oft, dass die deutsche Sprache in allererster Linie eine Kommunikationsmatrix ist: Sie dient dazu, dass sich ein paar Millionen Menschen auf sehr komplexe, emotionale und vor allem klare Weise verständigen können. Das können andere Sprachen nur ergänzen. Und die klügeren unter den Forschern wissen das auch. Und denken dann, wenn sich ihnen die Aufgabe der Kommunikation stellt, auch daran, alle möglichen Adressaten auch einfach, klar und eindeutig zu erreichen.

    Zu recht kritisiert der Verein für Deutsche Sprache, dass das Deutsche nicht zu den akzeptierten Geschäftssprachen der EU gehört. Dass der Verein für Deutsche Sprache dazu den AfD-Vorsitzenden Bernd Lucke zu Wort kommen lässt, verursacht bei manchen sicher erstmal ein gewisses Autsch-Gefühl. Aber mit dem, was Lucke schreibt, benennt er jene Stelle, an der sich – nun auch mit Wahlergebnis untersetzt – immer mehr Bürger verunsichert fühlen. Man kann auch sagen: abgelehnt oder an der Tür abgewiesen.

    Und es trifft die Stelle, an der die EU für ihre Bürger ungreifbar wird. Selbst wenn sie direkt vor ihrer Nase tätig wird. Wie bei – jetzt bitte einfach weiterlesen – Transnational Renewable Energy Cluster Danube (TREC-Donau).

    Wer kein Englisch kann, ist hier schon gestolpert. Oder ausgestiegen. Wer neugierig wurde, steigt spätestens dann aus, wenn er die Projekt-Website öffnet: trec-network.eu. Die Seite ist komplett auf Englisch verfasst, obwohl kein einziges der beteiligten Länder ein englischsprachiges ist. Die drei wesentlichen Ansprechpartner zur Koordination des Netzwerks sitzen in Leipzig – beim Netzwerk Energie & Umwelt e. V., in der Wirtschaftsförderung der Stadt Leipzig und im Deutschen Biomasseforschungszentrum. Gefördert wird das Ganze vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF).

    Wer ein bisschen studiert und seine Englischkenntnisse nicht vernachlässigt hat, der findet sich durch. Er wird aber genauso das Gefühl nicht los: Denken diese Leute nicht mehr nach? Interessiert es sie nicht mehr, wer das, was sie tun, mitbekommt und lesen kann? Welche Sprache in den Zielländern gesprochen wird? Oder waltet hier schon das überhebliche Denken einer eingeweihten Kaste, die ganz bewusst Menschen ausgrenzt, die kein Englisch beherrschen oder mit technischem und wissenschaftlichem Englisch überfordert sind?

    Oder ist es das, was wir vermuten: gnadenlose Gedankenlosigkeit?

    Das Ergebnis ist das, was auch alle anderen EU-geförderten Projekte in Leipzig, Sachsen und anderswo hatten und haben: Niemand in der breiteren Öffentlichkeit interessiert sich dafür. Die Schotten sind dicht. Nur ein kleiner Kreis von Eingeweihten weiß überhaupt, worum es geht. Es mag verständlich sein, dass man sich innerhalb des Netzwerks auf die englische Sprache als Verständigungsmittel einigt. Aber warum informiert man nach außen auf Englisch?

    Das kann man eine desolate Kommunikation nennen. Man kann es auch technokratische Arroganz nennen. Es ist aber genau die Stelle, an der alle Ressentiments gegen die EU wachsen.

    Wenn es wenigstens lebendiges Englisch wäre. Aber in solchen Projekten sind fast immer Leute unterwegs, die ihre Texte mit technischen Ausdrücken vollstopfen, so dass diese steif und bürokratisch klingen. Was auch hier der Fall ist. Die Texte wirken genauso, wie sich eine Menge Leute die EU mittlerweile vorstellen – eine technokratische Sprach-Wüste.

    Die Mitteilung aus dem Cluster liest sich dann leider auch genau so: „Über 30 Teilnehmer aus neun Ländern treffen sich am 10. und 11. September am Fraunhofer Zentrum für Mittel- und Osteuropa in Leipzig, um gemeinsam FuE-Projekte im Bereich erneuerbare Energien und Bioökonomie zu entwickeln.

    Aktiv treibt der Leipziger Cluster für Energie und Umwelttechnik die internationalen Aktivitäten voran. Netzwerkmanager im Bereich der Energie- und Umwelttechnologien aus Tschechien, Ungarn, der Slowakei, Moldau, Bulgarien, Rumänien, der Ukraine und Serbien flechten ein starkes internationales Netz. Dieses bildet die Basis für transregionale Projekte und ermöglicht gemeinsam neue Partner zu finden, Märkte zu erschließen und EU-Projekte entwickeln.

    TREC-Donau soll die Kompetenzen dieser leistungsfähigen europäischen Cluster im Energie- und Umweltbereich bündeln, um sie für Unternehmen zugänglich und nutzbar zu machen.“Das hätte man auch auf Englisch lassen können. Aber versuchen wir mal eine Übersetzung: FuE-Projekte ist das Kürzel für Forschungs- und Entwicklungs-Projekte. In diesem Fall welche aus dem Bereich erneuerbare Energien und Bioökonomie. Das Wort Bioökonomie taucht noch recht selten im Sprachgebrauch auf. Es hat mindestens zwei verschiedene Bedeutungen. Eine versucht das Online-Lexikon Wikipedia so zu beschreiben: „Als Bioökonomie wird zudem in jüngerer Zeit – in der gesellschaftspolitischen Diskussion – die Entwicklung einer biobasierten Wirtschaft bezeichnet, die erneuerbare biologische Ressourcen zur Herstellung von Produkten und zur Bereitstellung von Dienstleistungen unter Anwendung innovativer biologischer und technologischer Kenntnisse und Verfahren nutzt.“ Womit man bei dem wäre, was das Biomasseforschungszentrum in Leipzig so alles erforscht.

    In Zukunft wird all das zwangsläufig in allen europäischen Ländern eine größere Rolle spielen, nicht nur weil die Zeit der fossilen Brennstoffe zu Ende geht, sondern weil sich kein Land mehr die alten Umwelt- und Landschaftszerstörungen leisten kann, die mit der Verbrennung der fossilen Ressourcen einher gehen. Die Techniken, natürliche Rohstoffe und alternative Energien besser zu nutzen, dringen mittlerweile überall in den Wirtschaften Europas vor. Der Wechsel in eine umweltschonende Wirtschaftsweise ist längst technisch möglich. Offen ist nur die Frage: Wie soll der Übergang geschafft werden?

    Dazu macht jedes Land seine eigenen Erfahrungen, hat aber oft auch schon eigene Forschungseinrichtungen und entsprechende Ergebnisse. Jetzt geht es in TREC darum, das von Leipzig aus gleich in mehreren Ländern Osteuropas auch nutzbar zu machen und damit auch Unternehmen, die schon mit diesen Technologien arbeiten, neue Märkte zu erschließen. Deswegen ist das Projekt auch bei der Wirtschaftsförderung angesiedelt. Und Fakt ist nun einmal: Es gibt einige Einrichtungen und Unternehmen in und um Leipzig, die mit den neuen Technologien und Produkten längst unterwegs sind.

    „Für Unternehmen im Themenfeld eröffnen sich einfache Wege, um im Donauraum Partner, Geschäfte und Projekte zu erschließen“, erläutert Romann Glowacki vom NEU e.V. „Über den Verein können entsprechende Kontakte zielgenau vermittelt werden.“

    Und auch für die Leipziger Forschungseinrichtungen bieten sich direkte Partnerstrukturen für EU-Projekte, da die Cluster alle mit Industrieunternehmen verknüpft sind. Im Wesentlichen handelt es sich um ganz ähnliche Netzwerke wie das Leipziger Netzwerk Energie & Umwelt e. V., im bulgarischen Plovdiv ist es die Energy Agency of Plovdiv (EAP), in Rumänien das Regionale Energienetzwerk, aus Novi Sad in Serbien ist es das ökologische Cluster Ecopanonia, aus dem slovakischen Bratislava ist es die Vereinigung für landwirtschaftliche Biomasse Agrobioenergia und aus der Region Lviv in der Ukraine die Nationale Forstuniversität. Dazu kämen noch, so teilt das Netzwerk mit, Partner in Prag und Debrecen. Aus der Republik Moldau beteiligen sich Netzwerkmanager aus Cahul.

    Organisiert wird das Projekt vom DBFZ Deutsches Biomasseforschungszentrum, NEU Netzwerk Energie & Umwelt e.V. und dem Fraunhofer MOEZ aus Leipzig. Dass man in diesen Einrichtungen überall auch die deutsche Sprache beherrscht, kann man auf den jeweiligen Websites nachlesen. Warum man bei EU-Projekten dann auf einmal all sein Tun hinter der englischen Sprache versteckt und darauf reduziert, erschließt sich nicht. Auch nicht so eine Behauptung aus den Nutzungsbedingungen, die einfach nicht passen will, auch wenn sie auf tausenden deutschen Webseiten so oder so ähnlich steht: „The author makes no guarantee regarding the currency, accuracy, completeness or quality of the information provided on this website.“

    „Currency“ soll hier für Aktualität stehen, accuracy für Genauigkeit. Aber warum veröffentlicht man eine Website, auf der die Autoren weder für Aktualität, Genauigkeit, Vollständigkeit oder Qualität einstehen?

    Aber der Satz sagt im Grunde alles und bestätigt das Unbehagen der Europäer an ihrer EU. Wenn keiner Garantien auch nur für die Richtigkeit dessen gibt, was veröffentlicht wird, wer hat dann die Verantwortung?

    www.dbfz.de

    www.energiemetropole-leipzig.de

    www.moez.fraunhofer.de

    Die TREC-Donau Projektseite: www.TREC-network.eu

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