Eine Gründer-Generation findet keine Nachfolger, Unternehmertum wird zur Armutsfalle

In Deutschland wird gern von „der Wirtschaft“ geredet, werden gewaltige Förderprogramme aufgelegt, die eigentlich Subventionsprogramme sind. Doch meist geht es dabei nur um die großen Unternehmen. 99 Prozent der Unternehmen, die den Laden eigentlich am Laufen halten, werden auch von der Politik ignoriert – aber eifrig abkassiert. Mit dem Ergebnis, dass gerade Kleinunternehmer in die Armutsfalle laufen. Die erste Partei, die das thematisiert, ist die Linke.

Luise Neuhaus-Wartenberg, Sprecherin für Mittelstand, Handwerk und Tourismus der Linksfraktion im Sächsischen Landtag, bezieht sich dabei auf eine Studie, die das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) am Mittwoch, 9. November, veröffentlicht hat. „Die meisten Selbstständigen betreiben Altersvorsorge oder haben Vermögen, aber etwa 700.000 sorgen nicht genügend für das Alter vor“, hatte das DIW gemeldet.

Auch wenn es dann die ermittelten Zahlen etwas relativiert: „Insgesamt haben mindestens zwölf Prozent aller Selbstständigen noch nicht hinreichend für das Alter vorgesorgt, denn sie zahlen weder in die gesetzliche Rentenkasse oder in eine private Versicherung ein, noch haben sie ein größeres Vermögen (von 100.000 Euro). Wenn man die Messlatte für das Vermögen auf 250.000 Euro legt, gilt dies sogar für 16 Prozent ­aller Selbstständigen, bei den Solo-Selbstständigen sind es fast 20 Prozent. Alles in allem sieht DIW-Forscher Karl Brenke bei den Selbstständigen nicht die Gefahr einer massenhaften Altersarmut – aber eine beachtliche Minderheit könnte später auf den Bezug der Grundsicherung im Alter angewiesen sein.“

Eine Relativierung, die Neuhaus-Wartenberg so nicht mittragen kann. Denn selbst bei diesem Thema gibt es massive Unterschiede zwischen Ost und West. Die Zahl der Selbstständigen im Osten, die keine Vorsorge betreiben, ist noch deutlich höher als im Westen. Sie haben ihre Kraft und ihr Vermögen in den Aufbau des Unternehmens gesteckt, ihr ganzer Reichtum steckt oft in Gewerbeimmobilien und Maschinen – aber das nutzt ihnen nichts, wenn sie das Unternehmen vor dem Eintritt in den Ruhestand nicht an einen Nachfolger verkaufen können. Deswegen ist auch die Unternehmensnachfolge in Sachsen ein ganz heißes Eisen.

Neuhaus-Wartenberg: „Es sind vor allem ganz kleine Unternehmen und Soloselbstständige, die von Armut im Alter bedroht sind. Sie haben oft keine Vorsorge betrieben oder betreiben sie nicht. Das aber nicht, weil sie nicht wollen, sondern weil sie nicht können. Wenn in der Regierungskoalition gerne laut über eine Pflichtversicherung nachgedacht wird, dann geht das an der Lebensrealität vorbei, vor allem der in Ostdeutschland und also auch in Sachsen. Ich denke an die Generation, die sich nach 1990 selbstständig gemacht hat, sich ein Vierteljahrhundert durchgeschlagen hat, selten Urlaub gemacht und ihre Kredite nun fast abbezahlt hat. Für die Altersabsicherung blieb nichts übrig, sie steckte im Betrieb.“

Selbst die DIW-Autoren kamen ins Grübeln beim Thema Pflichtvorsorge: „Bei politischen Interventionen hin zu einer Pflichtvorsorge ist überdies abzuwägen, ob die damit verbundenen Belastungen dazu führen können, dass Existenzgründungen unterbleiben oder eine – noch nicht lange – bestehende Selbständigkeit wieder aufgegeben wird.“

Schon jetzt gehen die Unternehmensgründungen in Sachsen zurück. Was auch mit dem anziehenden Arbeitsmarkt zu tun hat. Viele selbstständige Unternehmer wechseln lieber in eine sozialversicherte Anstellung, um einer absehbaren Altersarmut aus dem Weg zu gehen. Gleichzeitig tönen immer mehr Politiker, es gebe zu wenige Neugründungen. Aber wer geht das Risiko noch ein, wenn die Gefahr, die Investitionen nie in eine Altersvorsorge ummünzen zu können, so hoch ist? Wenn gerade in dieser Zeit immer mehr im Geschäft grau gewordene Unternehmer verzweifelt nach einem Nachfolger suchen, der den Laden kauft? Und ihn nicht finden?

„Der Preis des Betriebs sollte die Absicherung sein. Gelingt der Verkauf nicht, stehen sie vor dem Nichts. Wer sich allein auf einen Unternehmenswert als Altersvorsorge beruft, geht daher völlig an der Realität dieser Menschen vorbei“, stellt Neuhaus-Wartenberg fest. Was ja logischerweise heißt: Viele kleine Unternehmer stehen im Alter schlechter da als langjährige Angestellte. Die Zeiten, da Bundeskampagnen für mehr Unternehmertum warben, sind lange vorbei. Die jungen Leute von heute bevorzugen – zahlreiche Umfragen belegen es – lieber einen gut abgesicherten Arbeitsplatz in der staatlichen Verwaltung. Da bekommt man seine sichere Rene und muss nie im Leben auch nur das kleinste Risiko eingehen.

Dass Deutschland ein derart von Verwaltung dominiertes Land ist, hat genau damit zu tun.

Aber was folgt daraus? Der Ansatz von Neuhaus-Wartenberg: „Deshalb müssen sich Politik wie auch die Kammern und Verbände gemeinsam einsetzen für eine soziale Absicherung der Handwerker, der Selbstständigen, vor allem der Soloselbstständigen. Vorschläge dafür liegen auf dem Tisch. So muss Selbstständigen ein gleichberechtigter Zugang zur gesetzlichen Sozialversicherung gewährt werden. Der fiktive Arbeitgeberanteil muss als Betriebsausgabe steuerlich angerechnet werden. Und in vielen Branchen kann die Einnahmesituation von Selbstständigen durch die Einführung von Mindesthonoraren verbessert werden.“

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