Es reift gerade ein Problem heran – und es hat, wie so oft, mit der Verachtung für menschliche Arbeit tun. Im Leipziger Stadtkrankenhaus St. Georg droht deshalb gerade ein Streik des nichtärztlichen Personals. Die BARMER orakelt davon, das eh schon überlastete Personal an Schwerpunkten zu konzentrieren. Und das St. Elisabeth-Krankenhaus Leipzig zeigt, dass man Pflegekräfte nicht mit noch mehr Effizienzdruck gewinnt, sondern mit Achtung vor ihrer Einsatzbereitschaft.

Das Krankenhaus im Leipziger Süden übernimmt erneut alle Absolventinnen und Absolventen der hauseigenen Krankenpflegeschule, teilt es jetzt mit. Erster Arbeitstag der 18 frisch examinierten Gesundheits- und Krankenpflegerinnen und -pfleger ist der heutige 1. September 2018. Zeitgleich nehmen 31 neue Schülerinnen und Schüler ihre Ausbildung in der Krankenpflegeschule des St. Elisabeth-Krankenhauses auf.

Es ist ein Zeichen gegen den wachsenden Pflegenotstand, den das St. Elisabeth-Krankenhaus Leipzig in diesen Tagen setzt, betont die Krankenhausleitung. Wie bereits in den Jahren zuvor übernimmt es 2018 alle Absolventinnen und Absolventen seiner Krankenpflegeschule, die sich darum beworben haben. Hierfür hält das Haus jährlich eine entsprechende Anzahl sogenannter Absolventenstellen vor.

„Diese Stellen sind zunächst befristet, aber die Chancen stehen gut, anschließend im St. Elisabeth-Krankenhaus zu verbleiben“, sagte Geschäftsführer Albrecht Graf Adelmann bei der feierlichen Verabschiedung der frisch examinierten Gesundheits- und Krankenpflegerinnen und -pfleger.

So viel Engagement spreche sich herum, ebenso die Qualität einer Ausbildung am St. Elisabeth-Krankenhaus, die sich an den Gegebenheiten des Krankenhauses orientiere: an den vorhandenen Fach- und Funktionsbereichen und den humanistischen Werten, für die die katholische Einrichtung steht. Tatsächlich besonders mache die dreijährige Ausbildung die enge Anbindung der Schule an das Krankenhaus.

„Diese räumliche Nähe ermöglicht uns eine Ausbildung auf der Höhe der Zeit“, sagt Karin Krause, die Leiterin der Schule, „eine Ausbildung, in der, gemäß dem Leitsatz unserer Schule, wir sind ein ‚voneinander lernendes System‘, Impulse aus der Theorie umgehend in der Praxis aufgegriffen werden und sich Anregungen aus der Praxis zügig in der Theorie wiederfinden.“

Nicht zuletzt dieses Konzept habe in den vergangenen 42 Jahren dafür gesorgt, dass die Zahl der Bewerberinnen und Bewerber um einen Ausbildungsplatz an der Krankenpflegeschule des St. Elisabeth-Krankenhauses Leipzig immer größer war als die Zahl der angebotenen Plätze. Derzeit hat die Schule Kapazität für 75 Auszubildende. Interessierte sind am 21. September 2018 zwischen 10 und 14 Uhr herzlich zum Tag der offenen Tür in der Krankenpflegeschule eingeladen.

Und das Kontrastprogramm lieferte just am Freitag, 31. August, der Chef der sächsischen BARMER, Dr. Fabian Magerl.

Selten hat ein Sprecher einer Krankenkasse so deutlich gesagt, dass man das Pflegepersonal in den Krankenhäusern für Hochleistungs-Profis hält, die man aber nur noch in Schwerpunktbehandlungen eingesetzt sehen möchte. Ein sehr seltsames Verständnis vom Gesundheitswesen, das die Krankenkassen eigentlich finanzieren sollen.

Gerade die Alterung der Gesellschaft gepaart mit der Behandelbarkeit von immer mehr Erkrankungen stelle das Gesundheitssystem nicht nur vor finanzielle, sondern auch große personelle Herausforderungen, meldete die BARMER am Freitag. Im internationalen Vergleich gebe es in Deutschland nach wie vor zu viele Krankenhausbetten und Fachabteilungen in Kliniken. Parallel dazu würden medizinisches Fachpersonal und qualifizierte Pflegekräfte rar.

„Ohne zusätzliche Anstrengungen lässt sich der Mangel an Pflegekräften und medizinischem Fachpersonal nicht beheben. Die wertvollen und begrenzten Ressourcen müssen da eingesetzt werden, wo sie zusätzlichen Nutzen stiften“, fordert nun Dr. Fabian Magerl, Landesgeschäftsführer der BARMER in Sachsen. Aufgrund der Entwicklung in der Medizin sowie im Sinne der Qualität und Sicherheit der Versorgung von Patientinnen und Patienten sei es daher notwendig, die Kräfte zu bündeln und planbare medizinische Behandlungen an qualifizierten Zentren zu erbringen.

Dass die kommunalen Krankenhäuser darunter leiden, dass sie die allgemeine Versorgung der Patienten nicht mehr sicherstellen können, ist augenscheinlich im Krankenkassenkosmos nicht mehr bewusst. Immer weniger Pflegekräfte müssen immer mehr Patienten betreuen.

Gerade die Krankenkassen haben gegenüber den Krankenhäusern einen enormen Effizienzdruck aufgebaut, der genau zu dem geführt hat, was Magerl jetzt fordert: der zunehmenden Konzentrationen auf Schwerpunktkliniken, die sich auf Spezialbehandlungen konzentrieren, die auch entsprechend hoch dotiert sind in der Krankenkassenvergütung, während die Allgemeinversorgung in den klassischen Stadtkrankenhäusern längst an ihre finanziellen Grenzen stößt. Die ganz normale Patientenbetreuung durch geschultes Pflegepersonal gilt – wie man sieht – als nicht mehr honorabel.

Aber der Fokus der Krankenkassen liegt immer mehr auf Spezialkliniken.

Gingen Patienten für eine geplante Operation ins Krankenhaus, müssten sie sich darauf verlassen können, dass sie je nach Erkrankung die bestmögliche Versorgung erhalten, meint Magerl. Und erklärt dann, wie so ein Krankenhaus dann eigentlich Geld verdienen soll.

„Wenn ein Krankenhaus spezialisiert ist und bestimmte Eingriffe häufig durchführt, wird dadurch die Patientensicherheit deutlich verbessert. Routine und Erfahrung erhöhen die Qualität. Aktuell ist die medizinische Versorgung in den Kliniken jedoch durch zum Teil große Qualitätsunterschiede geprägt. Es ist daher erforderlich, dass schnellstmöglich klare Qualitätskriterien für Krankenhäuser festgelegt und umgesetzt werden“, fordert Magerl im Grunde eine Mehr-Klassen-Medizin.

Und wird dann noch konkreter: Er fordert die Festlegung von Mindestmengen, die Krankenhäuser bei der Behandlung von schweren und seltenen Erkrankungen nachweisen müssen. Eine Bindung an Behandlungsmindestmengen trage dazu bei, die Qualität der Behandlung im Krankenhaus zu sichern.

„Wo und in welchem Umfang stationäre Leistungen erbracht werden, darüber muss zukünftig die Qualität der medizinischen Versorgung entscheiden“, meint Magerl.

So prallen Welten aufeinander. Die eine, die das Leistungsangebot für „normale“ Patienten schon dauerhaft vermindert hat und die – nicht mehr vergüteten – Leistungen einem zunehmend überlasteten Pflegepersonal aufbürdet, und die klassische Position eines katholischen Krankenhauses, wo man noch weiß, dass eine gute Betreuung aller Patienten die Grundlage jedes Heilungserfolges ist.

Das St. Elisabeth-Krankenhaus Leipzig ist eine gemeinnützige GmbH in Trägerschaft des Kirchenlehens St. Trinitatis und akademisches Lehrkrankenhaus der Universität Leipzig. Das Klinikgelände mit dem schönen Patientenpark liegt im Stadtteil Connewitz im Süden Leipzigs. In zwölf medizinischen Abteilungen mit 340 Betten wurden 2017 ca. 21.200 Patientinnen und Patienten stationär behandelt. In der Geburtsklinik kamen 2.662 Kinder auf die Welt. Das St. Elisabeth-Krankenhaus bildet 75 Pfleger und Schwestern in der angeschlossenen Krankenpflegeschule aus.

Ein Streik des Krankenhauspersonals kann dem St. Georg das Genick brechen

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