Fernverkehrskonzept für Mitteldeutschland: VCD fordert Stundentakt für alle größeren Städte

Eigentlich wäre ein Krisenpapier des zuständigen sächsischen Verkehrsministers überfällig. Oder eine Krisensitzung der drei Verkehrsminister aus Mitteldeutschland. Doch irgendwie mag man sich nicht von der Schönwetterpolitik des "Alles ist bestens" verabschieden, macht weiter freundliche Miene zu jedem Feiertermin. Nur der Verkehrsclub Deutschland (VCD) wird jetzt deutlich: Die Fernverkehrsanbindung in Mitteldeutschland hat sich in den letzten Jahren rapide verschlechtert.
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Und das hat nichts mit gesunkenen Einwohnerzahlen zu tun. Aber viel mit politischer Schwäche. Die Bilanz des VCD, Landesverband Elbe-Saale, ist verheerend.

„Die Erreichbarkeit der mitteldeutschen Städte im Fernverkehr hat sich nach Einschätzung von unabhängigen Fernverkehrsexperten in den letzten Jahren rapide verschlechtert. Seit geraumer Zeit sind Oberzentren wie Chemnitz komplett vom Fernverkehr der Bahn abgehängt. Mittlerweile wird sogar darüber gesprochen, die Deutsche Bahn plane, den bisher nur mit Nahverkehrsfahrzeugen betriebenen Sachsen-Franken-Express von Dresden nach Nürnberg komplett einzustellen“, listet der VCD auf. „Zwar investiert der Bund derzeit sehr viel Geld in die Eisenbahnknoten Erfurt, Magdeburg, Leipzig und Dresden, jedoch steht nach wie vor zu befürchten, dass mit der vollständigen Inbetriebnahme der Neubaustrecke Leipzig/Halle – Erfurt – Nürnberg, die für 2017 vorgesehen ist, weitere Städte in Mitteldeutschland vom Fernverkehr abgeschnitten werden. Nach Planungen der Deutschen Bahn werden dann Züge von Berlin nach München nur noch mit wenigen Halten in Mitteldeutschland durchfahren.“Der schnellere Weg von Berlin nach München gehe ab 2017 über Halle statt über Leipzig. Wie Halle und Leipzig konkret von der Neubaustrecke profitieren sollen und ob beide Städte am Ende gegeneinander ausgespielt werden, sei derzeit offen. Ob künftig der ICE-Verkehr ab Leipzig nach Hamburg, München und Frankfurt weiterhin jede Stunde umsteigefrei erfolge, sei derzeit ebenfalls völlig offen.

Um die Deutsche Bahn zu einer Diskussion über die zukünftige Anbindung Mitteldeutschlands an den Fernverkehr zu bewegen, hat der Landesverband Elbe-Saale des ökologischen Verkehrsclubs Deutschland (VCD) jetzt ein Fernverkehrskonzept erarbeitet. Das Konzept wird in Kürze mit allen Details vorgestellt. Der VCD orientiere sich dabei mehr am Gemeinwohl und den Kundenwünschen als an die bisher bekannten Planungen der Deutschen Bahn, die vor allem an Rendite denkt, nicht an die notwendige Absicherung eines barrierefreien Fernverkehrs. Wofür natürlich der von den letzten drei Bundesregierungen nie in Frage gestellte Kurs eines möglichen Börsengangs der DB AG verantwortlich ist. Doch seit 2006 stockt, selbst für die mutigsten Anlieger sichtbar, jeder Versuch, Anteile des Unternehmens an der Börse zu kapitalisieren. Zu deutlich sind mittlerweile die Folgen im täglichen Bahnverkehr – von ICEs, die mit ausgefallenen Klimaanlagen auf der Strecke bleiben bis hin zum zeitweiligen Zusammenbruch des Berliner S-Bahn-Netzes.

Doch kein Bundesverkehrsminister findet den Mut, den falschen Weg zu verlassen.Mitteldeutschland leidet zusätzlich darunter, dass 1991 die falschen Grundsatzentscheidungen für die „Verkehrsprojekte Deutsche Einheit“ (VDE) gefallen sind. In der großkotzigen „Wir haben es ja“-Pose wurden milliardenschwere Beschleunigungsprojekte favorisiert – ein den Notwendigkeiten angepasster Ausbau des Gleisnetzes aber wurde verpasst – was die heute klaffenden Lücken im Netz um Chemnitz oder bei der Verbindung von Sachsen nach Franken erst erklärt.

Und seit mindestens zwei Jahren läuten auch im einstigen Eisenbahnknoten Leipzig alle Alarmglocken, weil auch hier die Fernverbindungen ausgedünnt wurden. Höchste Zeit für ein neues Denken, findet der VDC.

„Unser Konzept ist wirtschaftlich tragfähig, mit realistischen Fahrzeiten unterlegt und aus Kundensicht deutlich besser als all die Pläne, die von der Bahn selbst erarbeitet wurden und nur über Umwege öffentlich bekannt werden“, erläutert Jan Krehl, Vorsitzender des VCD Elbe-Saale.

Das Konzept des VCD ist durch das freiwillige Engagement zahlreicher Verkehrsexperten entstanden. Sowohl Vielfahrer als auch Gelegenheitsnutzer haben daran mitgewirkt. Außerdem wurde das Konzept durch das Dresdner Institut für Regional- und Fernverkehrsplanung fachlich unterstützt. Herausgekommen sei ein realistischer Entwurf, der sowohl Infrastrukturmaßnahmen, Fahrzeiten und Fahrzeugmaterial, Streckenbelegung als auch die Vertaktung und Anschlussgestaltung in den jeweiligen Knotenpunkten berücksichtige.

„Unser Ziel war es, ein für die Kunden einfaches und transparentes System zu schaffen. Durch die Einbindung in einen Taktfahrplan wird Fahren mit der Bahn einfach, übersichtlich und unkompliziert“, betont Jan Krehl.

Ein besonderes Merkmal des eigenen Fernverkehrskonzepts ist laut VCD, dass es trotz Neubaustrecke gelungen ist, auch die Mittelstädte weiter an den Fernverkehr anzubinden und damit den gesamten mitteldeutschen Raum zu stärken. Kern des Konzeptes ist ein Netz von zweistündlich verkehrenden Fernverkehrslinien zwischen allen Hauptzentren, die sich auf den wichtigen Relationen zu einem reinen Stundentakt ergänzen. Durch Halte in allen wichtigen Städten der Region und unter Nutzung der neuen schnelleren Infrastruktur ist es gelungen, viele Direktverbindungen mit kurzer Fahrzeit herzustellen.

„Die Deutsche Bahn muss nun endlich Farbe bekennen und ihre Planungen für den zukünftigen Fahrbetrieb offenlegen“, fordert Clemens Kahrs, Sprecher des Arbeitskreises Fernverkehr im VCD Elbe-Saale. Während etwa die Schweizer SBB alle Pläne im Internet zur öffentlichen Diskussion stellt, behandle die Deutsche Bahn ihre Zukunftsvorstellungen wie Staatsgeheimnisse.

Clemens Kahrs: „In Zeiten von Bürgerbeteiligung und Transparenz muss die Deutsche Bahn endlich in die Diskussion einsteigen, wie Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen in Zukunft erreichbar sein werden.“

Der VCD-Netzplan Fernverkehr als PDF zum download.


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