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Donnerstag, 21. Januar 2021

Ein Großprojekt für 2040 löst nicht die Probleme im Leipziger Nahverkehr von heute

Von Ralf Julke

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    Das ist wieder so ein schönes Thema zum Festbeißen: Braucht Leipzig einen zweiten City-Tunnel in Ost-West-Richtung? Kann man so die Leipziger Verkehrsprobleme lösen? Es ist so ein altes Leipziger Riesenprojekt, mit dem man von den eigentlichen Problemen des Tages ablenken kann. Daran erinnern mitten in dieser neuen, irrelaufenden Diskussion Grüne und Linke.

    Beides eigentlich starke Verfechter des ÖPNV. Aber der Leipziger Verkehr hat ja so viele Probleme, weil der ÖPNV selbst über Jahre auf Schmalkost gesetzt wurde. Das gesamte Nahverkehrssystem muss leistungsfähiger werden. Am Gesamt-ÖPNV in Leipzig haben die regionalen und S-Bahnen gerade mal einen Anteil von 5 Prozent. Den Löwenanteil müssen die LVB wegschaffen. Und das schaffen sie immer schwerer, weil sich immer mehr Stellen im Netz als Nadelöhr erweisen. Bei Hochlast droht die Haltestelle Hauptbahnhof völlig zu verstopfen.

    „Eine wachsende Stadt benötigt auch eine schnelle Ost-West-Verbindungen im Nahverkehr. Gerade die Stadtteile im Westen und Osten profitieren von dem bestehenden Nord-Süd ausgerichteten S-Bahn Tunnel nur unzureichend. Bis der zweite City-Tunnel Realität wird, vergehen noch Jahrzehnte. Dennoch ist es sinnvoll, für die Trasse eines kommenden Ost-West-Tunnels bereits jetzt Flächen für die zu bauenden Rampen freizuhalten“, lobt Volker Holzendorf, Direktkandidat der Grünen in Leipzig Nord zur Bundestagswahl, den Vorstoß vom OBM Jung, der eigentlich nur eine Gedankenspielerei war, auch wenn er seine Planer darüber nachdenken lässt. Aber dann kommt Holzendorf auf die eigentlichen Probleme zu sprechen, die mit einem zweiten S-Bahn-Tunnel nicht gelöst werden.

    „Allein auf einen weiteren City-Tunnel als Großprojekt für den öffentlichen Nahverkehr zu bauen, reicht aber bei weitem nicht aus, um Leipzigs Mobilität aufrechtzuerhalten“, sagt er. „Natürlich muss auch in die Leistungsfähigkeit des vorhandenen Straßenbahnnetzes investiert werden, damit endlich ernsthafte Fahrgastzugewinne erzielt werden können. Diese sind nötig, damit die Leipziger Bürger weniger Feinstaubbelastung ausgesetzt sind.“

    140 Millionen Fahrgäste transportierten die LVB aktuell im Jahr, maximal 180 Millionen kann das bestehende System verkraften – und dazu müssen schon deutlich mehr Fahrzeuge ins Netz und viele Takte verdichtet werden. Aber dann ist die Grenzlast erreicht. Was tun?

    „Kleinere Netzergänzungsmaßnahmen, wie zusätzliche Verbindungskurven, oder weitere Haltstellen, können mit geringem finanziellem Aufwand große Wirkung erzielen“, meint Holzendorf. „Auch muss endlich die Verknüpfung von S-Bahn und LVB Liniennetz deutlich besser werden, wofür die unfertige Fußgängerbrücke in Connewitz nur das augenfälligste Symbol ist.“

    Und dann sagt er etwas, was so gern vergessen wird in der Diskussion: Tatsächlich ist Leipzig gezwungen, möglichst kluge Lösungen zu finden, die einen überschaubaren Investitionsaufwand mit möglichst großer Wirkung verbinden: „Leipzig mit seinem immer noch deutlich geringerem Steueraufkommen als vergleichbare Großstädte sollte auf effektiven Mitteleinsatz besonders bedacht sein!“

    Ganz ähnlich sieht es auch Marco Böhme, Leipziger Landtagsabgeordneter und Sprecher für Klimaschutz und Mobilität der Linksfraktion im sächsischen Landtag: „Wir verschließen uns nicht der Diskussion über neue unterirdische Bahnlinien in Leipzig. Jede moderne Großstadt mit 700.000 Einwohnern hat eine richtige U-Bahn und ein gut verzweigtes Netz an ÖPNV Verbindungen. Es trägt dazu bei, den Autoverkehr in Leipzig zu reduzieren und einen Verkehrskollaps zu umgehen. Doch solche Milliardenprojekte werden nicht vor 2040 umgesetzt sein. Die Probleme die es schon heute gibt, müssen jetzt gelöst werden!“

    Denn die Diskussion über den zweiten S-Bahn-Tunnel wirkt derzeit auch wie ein Ablenkungsmanöver. Man träumt wieder von einem gigantischen Projekt in der Zukunft, unterlässt es aber, die aktuellen Probleme zu lösen. Und die schreien regelrecht nach einer baldigen Lösung.

    „In Leipzig sind die Ticketpreise für den ÖPNV mit am teuersten – und das in einer Stadt mit unterdurchschnittlichen Einkommen. Hier fahren immer noch standardmäßig über 40 Jahre alte, laute und nicht barrierefreie Tatra-Straßenbahnen. Es gibt immer noch nicht flächendeckend sichere und durchgehende Radfahrstreifen und Wege und noch zu wenige Abstellanlagen für Räder“, zählt Marco Böhme auf. „Es fehlt ein Programm für eine ordentliche Gehwegsanierung um Stolperquellen für Fußgänger zu beseitigen. Statt Straßenbahnlinien einzukürzen, müssen diese ausgebaut werden. Es fehlen Visionen für neue Mobilitätskonzepte. Seien es überdachte Radwege, wirkliche Fahrrad(schnell)straßen, mehr Tempo 30 Zonen – gerade vor Schulen und Senioreneinrichtungen – neue Lieferkonzepte für Waren und Güter statt andauernden LKW Durchgangsverkehr. Der Straßenraum muss für die Menschen geöffnet werden – mit breiteren Fußwegen und Sitzmöglichkeiten statt überdimensionierten Parkplätzen.“

    Und dann kommt er auf das liebste Kind der Leipziger Verkehrspolitik zu sprechen: das Automobil.

    „Verursacher von Staus, Lärm, Luftverschmutzung und einem erheblichen Sicherheitsrisiko müssen mehr zur Kasse gebeten werden. Es kann nicht sein, dass man in Leipzig in der Innenstadt für 3 Euro am Tag mit dem Auto parken kann, für Hin- und Rückfahrt mit dem ÖPNV aber 5,20 Euro zahlt“, kritisiert Böhme die aktuelle Preispolitik. „Die ÖPNV-Ticketpreise müssen runter, die Parkgebühren rauf!“

    Leipzigs Spitze tut sich schwer, eine Stadt mit weniger Autoverkehr zu denken.

    Und eher zeigt sich auch der OBM in der Defensive, wenn mit der wachsenden Bevölkerung jedes Jahr auch zusätzlich 4.500 Pkw auf Leipzigs Straßen fahren und stehen.

    „Die Stadt verkraftet keine weiteren 45.000 Pkw wie aktuell prognostiziert“, sagt Böhme. „Jeder Pkw benötigt allein an Parkraumfläche 13,5 qm. Hochgerechnet sind das 0,6 Quadratkilometer die in Parkhäusern und Grünflächen verwirklicht werden müssten, nur fürs Parken! Hinzu kommt die Verkehrsfläche, was über 6 km bedeutet! Es gibt so viele Konzepte und Ideen, einzig der politische Wille fehlt – im Rathaus wie auch im Land. Lasst uns endlich über die Umsetzung diskutieren!“

    Womit er auf den eigentlichen Auftrag kommt, den die Verwaltung gegenwärtig abarbeiten muss: Einen Nahverkehrsplan vorzulegen, der wirklich wieder Fortschritt für den Leipziger Nahverkehr bringt.

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    1 KOMMENTAR

    1. Schon heute ist die Stadt zum Teil verstopft, bei Großveranstaltungen geht in Richtung Innenstadt gar nichts mehr… wir würden ja gern mit dem Bus in die Stadt fahren, aber von Rückmarsdorf geht dieser nur einmal in der Stunde bis zum Hauptbahnhof. das ist nicht wirklich attraktiv. Da würde eine dichtere Taktung helfen… Ein Radweg existiert an der B181 auch nicht, das Fahren neben den Autos bzw LKW ist riskant….es gebe also auch ohne den 2. Tunnel schon heute Möglichkeiten, den Individualverkehr mit dem Auto zu reduzieren, wenn entsprechende Voraussetzungen erfüllt sind.

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