Ein großes Fest mit jeder Menge ernster Töne

Unter dem Motto „35C3: Refreshing Memories“ gab es zum Jahresende das größte Hackertreffen in Leipzig

Für alle LeserDen sonst kalten und doch recht nüchternen Messehallen richtig buntes Leben eingehaucht zu haben, war nach Weihnachten vor allem Verdienst der Community, die sich in Leipzig wieder in der Zeit zwischen Weihnachten und dem Jahreswechsel einfand. Zum 35. Jahreskongress hatte der Chaos Computer Club (CCC) geladen, Leipzig erhielt zum zweiten Mal die Ehre, denn wegen Umbau des Congress Center Hamburg konnte die Veranstaltung dort nicht stattfinden.

Inzwischen ist die Besucherzahl noch einmal deutlich gewachsen, von ca. 12.000 vor zwei Jahren auf nunmehr 17.000 Gäste. Aus dem ganzen Land und aus vielen anderen Gegenden angereist, brachten sie einen Hauch große weite Welt in die Messestadt (die mit ihrer Infrastruktur doch leicht an Grenzen geriet. Stichwort: Hotels und öffentlicher Nahverkehr – vor allem was Anschlüsse zu später Stunde betraf).

So gut besucht war der Kongress, dass vor Ort keine Tickets mehr zu bekommen waren.

Viele Mitwirkende trugen zum Gelingen bei: In den großen Hallen fanden Vorträge zu Themen der Community (und der Gesellschaft) statt, in denen es um Digitalpolitik, Cybersecurity, gemeinwohlorientiertes Handeln, Alternative Modelle für Gegenwart und Zukunft ging.

Computer-Memories - richtig zum Anfassen. Foto: Franziska Wohlgemut

Computer-Memories – richtig zum Anfassen. Foto: Franziska Wohlgemut

Hier sind einige Fragen, die der CCC im Vorfeld gestellt hatte:

„Was wird eine technisierte Zukunft bringen? Welche Auswirkungen haben maschinelles Lernen, allgegenwärtige Netzverfügbarkeit, Digitalisierung aller Lebensäußerungen, Automatisierung, Klimawandel und Globalisierung? Wie geht die Politik und die Gesellschaft mit den daraus entstehenden sozialen und politischen Verwerfungen um? Welche kommerziellen und politischen Interessen stehen lebenswerten Utopien im Wege? Wie können wir sie überwinden?“

Die Breite der Themen spricht nicht nur eine überschaubare Zahl von sogenannten „Freaks“ oder „Computernerds“ an, die sich mittels technischen Detailwissens austauschen möchten, sondern trifft den Nerv der Zeit. Die Bedeutung der Fragen zeigte sich durch das Interesse und die Vielfalt der Leute, die den Kongress besuchten.

An Informationsständen, die teils einem großen Zeltdorf nachempfunden waren, teils auch einem imaginären Segelschiff, konnten sich verschiedene Vereine und Initiativen präsentieren.

Zwischendrin fanden kleinere Workshops und 5-Minuten- Gespräche statt, sogenannte „Lightning Talks“, Wikipedia-Macher berichteten, Schwarze Löcher waren ebenso Thema, an vielen Ständen kam man leicht ins Gespräch – der Kohleabbau in der Region und im Rheinland (Hambi) war ein Thema, sowie Ressourcen und Klimapolitik.

Auf fünf großen Bühnen hatte der CCC Vorträge organisiert mit After Talk Discussions, in denen es um Gesundheitsakten, Polizeigesetze, Informationsfreiheit, um Smart Homes und Datenmüll sowie daraus resultierende „Security Nightmares“ ging, um gesellschaftliche und politische Rahmenbedingungen und Gesetze. Ebenso um Science, Art & Culture, feministische Perspektiven, Integration, Asyl, Social Credit und Grundeinkommen. Und nicht zuletzt um Resilienz und Nachhaltigkeit.

Lagerfeuerromantik auf dem Hackerkongress. Foto: Franziska Wohlgemut

Lagerfeuerromantik auf dem Hackerkongress. Foto: Franziska Wohlgemut

Und es gab einen großen Mitmachbereich: Verschiedene Experimente waren aufgebaut, mit Schall und mit Licht. So konnten an einem großen Tisch in einer Art Manufaktur kleine Dioden als individuelle Festbeleuchtung zusammengelötet werden, was sich als einigermaßen anspruchsvoll herausstellte. Grafische Impressionen mittels Pendeltischapparatur zu erzeugen, war ebenso eine hübsche Sache.

Viele künstlerische Ideen waren zu bestaunen. Auf technischem Wege umgesetzt, verzauberten sie das Publikum. Doch gab es auch wirkliche Musiker, mit Schlagzeug und E-Flöte, die mittels Impro die Kreativität zu befeuern suchten. Dazwischen Ruhebereiche mit Hängematten, Sitzecken mit Lagerfeuerromantik (natürlich nicht mit echtem Lagerfeuer), einige Bars, kleine Küchen mit Speisenversorgung, in einer etwas abgelegeneren Halle dann der Dance-Floor mit ordentlich wummerndem Techno und vielen Visual-Effekten.

Einiges an technischem Schnickschnack gab es auch, ein internes Netz zum einloggen, womit man auf dem Laufenden blieb, wo gerade etwas Neues begann. Eine Ausstellung historischer Computer, noch von Robotron aus den frühen 80ern, faszinierte ebenso Kids und junge Leute, die auf Hooverboards und mit E-Rollern über die langen Gänge fegten.

Die speziell erleuchtete Glashalle zum Hackerkongress. Foto: Franziska Wohlgemut

Die speziell erleuchtete Glashalle zum Hackerkongress. Foto: Franziska Wohlgemut

Eine große friedfertige Party – vom Donnerstag, 27. Dezember, bis Sonntag, 30. Dezember, in Leipzig.

Ob „36C3“, also die 36. Ausgabe des Chaos Communication Congress, wieder nach Leipzig kommt, ist noch nicht entschieden. Das Hamburger Congress Center, wo der Kongress zuvor stattfand, wird bis 2020 umgebaut. Berlin ist zu teuer. Leipzigs Messe hat durchaus Chancen, wieder zum Austragungsort zu werden. Nur die Stadt sollte sich etwas mehr bemühen.

Dass die LVB sogar ganze Nachtbuslinien ausfallen ließ und die Kongressteilnehmer mitten in der Nacht am Hauptbahnhof strandeten, dürfte sicher noch für einigen Ärger sorgen. Immerhin hatte man die Linie 16 verstärkt fahren lassen. Nur: Was nutzt eine Tram-Verbindung, wenn viele Kongressteilnehmer doch am Hauptbahnhof stranden?

Jetzt geht es für den CCC erst einmal ans Themensammeln, denn schon dieser Kongress hat gezeigt, wie tief die digitalen Veränderungen längst in den Alltag aller Menschen hineinreichen. Und so dürfen Vereine und lokale Initiativen jetzt ihre Vorhaben als Skizze beim CCC einreichen und dann beim nächsten Kongress vorstellen. Die Macher sind sehr interessiert an neuen Ideen, aus verschiedenen Bereichen, die alle dasselbe Ziel haben: die Gesellschaft zukunftsfähig zu gestalten.

2017: 34C3 Zwischen Sicherheitslücken, Überwachungsprogrammen und Aktivismus

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Über Leipzigs Dächern. Foto: Marko Hofmann

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