Starkregen-Vorsorge in Leipzig: Siebentes Steuerungsbauwerk der Wasserwerke ist fertig

Natürlich jähren sich auch die Tage von "Jahrhundertereignissen". In Dresden klopft sich der zuständige Umweltminister am Donnerstag, 12. Juli, auf die Schulter, wie gut der Freistaat Sachsen seit der Jahrhundertflut von 2002 mit dem Ausbau des Hochwasserschutzes vorangekommen sei. In Leipzig luden die Leipziger Wasserwerke zum Abtauchen ein. Tatort: Dörrienstraße.

Seit August 2011 sorgt hier eine Baustelle für aufgeregte Nachbarn, nervöse Hotelgäste, verärgerte Verkehrsteilnehmer. Monatelang war die Straße aufgerissen. Seit dieser Woche werden die Parkbuchten wieder gepflastert. Die Baustelle nähert sich ihrem Ende. Ende August soll alles fertig sein. Die Bewohner des Grafischen Viertels können aufatmen.

Aber was haben die Wasserwerke da für 1,4 Millionen Euro unter die Straße gebaut? – Die Leipziger Journalisten durften es sich am Donnerstag, 12. Juli, mit eigenen Augen beschauen. Die Leipziger Wasserwerke hatten zur Jahres-Bau-Konferenz eingeladen. Um festes Schuhwerk wurde gebeten. Doch gebraucht wurde es nicht wirklich, denn eine stabile Metalltreppe führt sieben Meter in die Tiefe. Eine Treppe, die künftig auch die Wartungsteams der KWL nehmen werden, um das Steuerungsbauwerk Nummer 7 zu inspizieren. Schaltschränke stehen an der Wand, zwei gewaltige Rohre führen durch den betonierten Raum unter der Straße – das eine einen Meter messend im Durchmesser, das andere einen halben. Messgeräte sind zu sehen und die Platten der offenen Schieber.

Das ist die Verwirklichung einer Idee aus dem Jahr 2002, als sich Mathias Wiemann, Unternehmensbereichsleiter Netze der Kommunalen Wasserwerke (KWL) mit seinen Kolleginnen Gedanken darüber machte, wie eine Stadt wie Leipzig künftig mit Starkregenfällen fertig werden sollte. Die Regenmassen, die 2002 die Elbe und die Mulde zum Überfließen brachten, sorgten für wenige Stunden auch in Leipzig dafür, dass Gullis überliefen und etliche Straßen für Stunden unter Wasser standen, weil das Kanalnetz nicht in der Lage war, die urplötzlich auftretenden Wassermassen schnell genug abzuleiten.

Vom Prinzip her in Richtung Klärwerk Rosental. Denn das Leipziger Kanalnetz ist ein Mischwassernetz – die Abwässer aus Haushalten und Unternehmen vermischen sich in den Sammlern mit dem Niederschlagswasser. Doch wenn der Regen zu stark ist, kann das Klärwerk die Massen nicht fassen. Was passiert? – Ein Teil fließt ungeklärt in die Elster. Hochgradig verdünnt, das ja. Doch ein richtig gutes Gefühl hatten Leipzigs Wasserwerker nicht.
Anfangs stellte sich Mathias Wiemann mehrere große Auffangbecken vor, in denen das Wasser bei solchen Starkregen kurzzeitig gesammelt wird. „50 bis 60 Millionen Euro hätte das gekostet“, sagt er. „Das wäre ein Haufen Geld gewesen dafür, dass diese Bauwerke nur recht selten wirklich gebraucht würden und wir dafür wohl sogar im Naturschutzgebiet hätten Bäume fällen müssen.“ Gleich am Eingang ins Rosental wäre so ein Standort gewesen.

Doch die Lösung lag fast auf der Hand: Als die Wasserwerker des späten 19. Jahrhunderts die Abwassersammler für die rasant wachsende Stadt bauten, bauten sie nicht nur handwerklich sauber von Hand und mit Klinkern – sie bauten auch groß. Richtig groß. 2,5 mal 3,2 Meter misst so ein Abwasserkanal zum Beispiel in der Bernhardstraße in Anger-Crottendorf.

Wiemann ist froh, dass unsere Vorväter so groß gebaut haben. Denn die Kanäle sind Kilometer lang. Über 2 Kilometer Kanal in Klinkerbauweise erstrecken sich östlich des Steuerbauwerks in der Dörrienstraße. Wenn sich im Steuerbauwerk die Schieber schließen, wird das Wasser in diesem Kanal gestaut. Fassungsvermögen: 14.650 Kubikmeter. Insgesamt kann das Leipziger Kanalnetz rund 40.000 Kubikmeter aufstauen, wenn alle Steuerbauwerke die Schieber schließen.
Gesteuert werden die Schieber per Fernsteuerung. Auch der Durchfluss und der Wasserstand im Kanal werden von der Zentrale aus gemessen. Was für ein gewaltiges Ding das 1-Meter-Rohr ist, konnte beim Abstieg in den Betonbau besichtigt werden. Man ahnt, mit welcher Wucht hier im Regenfall das Wasser durchdrückt. Entsprechend langsam wird sich auch der Schieber schließen, wenn es ernst wird. Schneller geht’s mit dem kleineren Rohr. Aber das Prinzip hat sich in den schon gebauten Steuerungsbauwerken (Cottaweg, Lumumbastraße, Marschnerstraße, zwei im Klärwerk Rosental) bewährt. Ohne Komplikationen, wie Wiemann bestätigt..

Wenn der Regen runterprasselt, können die Schieber gesenkt werden, wird das Wasser in den Kanälen ein, zwei Stunden zurückgehalten, bei extremeren Ereignissen auch schon mal sechs, acht Stunden. Denn abfließen Richtung Klärwerk kann es ja erst, wenn die Kanäle wieder frei sind. Das wird, so erklärt Wiemann, in wirklich extremen Ereignislagen zwar nicht verhindern, dass trotzdem Wasser aus den Sammlern ungeklärt ins Gewässersystem abfließt. Aber für Starkregenereignisse, die dem Jahrhundertregen von 2002 ähneln, kann keine Stadt wirtschaftlich Auffangkapazitäten vorhalten.

Das jetzige System ist für „Drei-Jahres-Ereignisse“ ausgelegt. Und gekostet hat es am Ende tatsächlich nur die 2002 kalkulierten 12 Millionen Euro. Noch werden ein paar Wochen bis zur Inbetriebnahme von Steuerbauwerk 7 vergehen. Der Grund: Der Klinkerkanal östlich davon muss noch neu verfugt werden. Das tun die Maurermannschaften wie vor 100 Jahren von Hand. „Aber so können wir diese von unseren Großvätern gebauten Kanäle wieder für weitere 100 Jahre funktionsfähig erhalten“, sagt Wiemann.

Ende August will man fertig sein. Dann wird es für alle Grundstücke im unmittelbaren Rückstaubereich des Kanals interessant. Ungefähr 500 sind es. Ab September beginnt die Test- und Einfahrphase, bei der die Dichtheit der Kanäle getestet wird. Das ist die letzte Gelegenheit für die betroffenen Grundstücksbesitzer, zu prüfen, ob die Rückstausicherung in ihrem eigenen Hauskanal funktioniert.

Die Grundstückseigentümer wurden zwar alle angeschrieben, aber nur 30 Prozent haben sich auf den Aufruf hin gemeldet. Das Problem: Wenn die Rückstausicherung nicht (mehr) funktioniert, drückt das im Kanal gesammelte Wasser im Ernstfall auch in die Häuser und Keller.

Und eines ist schon bei den jetzt spürbaren Veränderungen im Klima sicher: Es wird auch in Leipzig immer öfter zu Starkregen kommen.

Was noch fehlt für das unterirdische Kanalsystem, ist eine Zentralsteuerung, die alle sieben Steuerungsbauwerke computergestützt aufeinander abstimmt. Was – so Wiemann – noch einmal 10 bis 20 Prozent zusätzliche Staukapazität im Kanalnetz ermöglicht. Für diese Verbundsteuerung werden noch einmal 400.000 Euro eingeplant. 2013 ist die Investition anvisiert.

www.wasser-leipzig.de


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