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Wie in Leipzig wieder ein Stück Buchkultur verschwindet

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    Es ist noch gar nicht so lange her, da schwärmten die angehenden Buchwissenschaftlerinnen des Leipziger Instituts für Buchwissenschaft von der Buchhandlungsdichte auf der "Karli". Den schwärmerischen Bericht stellten sie im März auf ihren Buchmesse-Blog. Bücherwelten könnten so schön sein. Gäbe es da nicht ein gravierendes Problem: den bequemen Online-Einkauf.

    Immer mehr Menschen kaufen ihre Bücher online, die meisten beim großen Online-Händler Amazon. Das macht der Buchhandelsbranche schon seit langem zu schaffen. Denn jedes Buch, das online gekauft wird, fehlt als Umsatz im Laden. Und die einstmals reiche Landschaft der Buchhandlungen in Deutschland schmilzt dahin. Es ist ein stilles Sterben. Vor wenigen Jahren sprach der Börsenverein des deutschen Buchhandels noch von über 6.000 Buchhandlungen in der Bundesrepublik. Und war anfangs noch gar nicht alarmiert, denn dass jeder Buchhändler sein Geld wert ist, wissen Leser, die wirklich beraten werden wollen.

    Das wissen auch Leser, die die Kommentare auf dem großen Online-Portal lesen und sich hinterher fragen: Ist das jetzt kompetent oder jodelt mir hier doch wieder ein Marketing-Mensch ins Ohr?

    Mit echten Buchhändlern kann man reden, da kann man sich auch kundig machen, wenn man mal Bücher für andere Leute braucht, ohne sich mit der Titelauswahl gleich zu blamieren. Man kann auch jedes neue Buch bestellen, auch das, das nicht gleich als Stapel im Laden liegt.

    Doch vor zwei Jahren, als sich die Zahl der Buchhandlungen mit einem beklemmenden Tempo der 5.000 näherte, da schrillten auch beim Börsenverein alle Alarmglocken. Damals wurde die freche, aber auch liebevolle Marketingkampagne „Vorsicht, Buch!“ entwickelt, die nicht unbedingt fürs Buch selber werben sollte, denn Titelproduktion und Umsätze sind im Buchhandel gar nicht so sehr zurückgegangen. Trotzdem stand das Buch im Mittelpunkt der Kampagne, das Thema Buchhändler tauchte am Rande mit auf.

    Unter anderem auch mit einer Plakat- und Litfaßsäulenaktion. Als dieses Motiv entwickelt wurde, war die 5.000er-Marke schon unterschritten. „4782 Buchhandlungen. Such dir deine aus.“ steht auf dem Plakat, das auch in den letzten Wochen wieder in  Leipzig auftauchte. Ein durchaus verstörender Anblick, denn von einer Litfaßsäule an der Kreuzung Karl-Liebknecht-Straße / Richard-Lehmann-Straße sah man direkt auf „Kü’s Buchhandlung“, an deren Fensterschreiben groß zu lesen steht: „Wir machen Ausverkauf.“ Als wäre es ein Klamottenladen, der sein Sortiment wechselt.

    Aber hier wurde kein Sortiment gewechselt. Die Buchhandlung, die neben einem kleinen, feinen Belletristikangebot für die Passanten auch ein großes Spezialangebot für die benachbarte HTWK bereit hielt, nimmt keine Pakete mehr an und auch keine Bestellungen. Die Website www.kues-buch.de ist aus dem Internet verschwunden. Als traurige Erinnerung steht ein Facebook-Auftritt im Netz, der schon zu Lebzeiten eher nur sporadisch gepflegt wurde. So recht überzeugt, dass man in „sozialen Medien“ Kundschaft erreichen könnte und den Dialog mit Stammkunden pflegen könnte,  war man bei Kü’s nicht.

    Als man 2013 die Aktion „Vorsicht, Buch!“ hier bewarb und fragte „Bücher sind Emotionen. Bücher sind neue Welten. Bücher sind Leidenschaften. Was sind Bücher für euch?“, gab’s eine einzige Reaktion. Leser treffen sich zwar in großen Gemeinschaften im Netz, zumeist auf Plattformen, auf denen ihre Lieblingslektüre im Zentrum der Diskussion steht. Aber sie unterhalten sich eher nicht online mit ihrer Buchhändlerin.

    Die einzige Mini-Diskussion gab es im März 2013, als ein Foto aus der Buchhandlung gepostet wurde, auf dem ein Mann in schwarzem Mantel vorm Belletristikregalk steht und augenscheinlich in ein Buch vertieft ist. „weiss ich nicht ob ich angst hätte vor dem schwarzen Mann, kann ich dir nicht sagen“, lautet ein Kommentar, der vielleicht sogar auf den Punkt bringt, warum viele Menschen heute Buchhandlungen meiden. So, wie sie auch andere mögliche Begegnungen meiden. Die schöne neue Welt der „social media“ macht einsam. Man kommuniziert mit Menschen, denen man nicht mehr persönlich begegnet, legt sich zumeist einen Nickname zu und muss auch nicht mehr wirklich öffentlich bekennen, was man wirklich denkt und mag.

    Und Buchhandlungen sind in der Regel Orte, an denen man ein bisschen was von sich verrät. Denn Bücher zeigen, was einen fasziniert. Ob man Liebesschmonzetten liebt oder kritische Sachbücher, Grüffelo-Bücher oder Krimis, Manga oder einen richtig dicken Wälzer von Thomas Mann. Und Buchhändler kennen irgendwann auch die Vorlieben ihrer Kundschaft. Und wer wirklich intensiv liest, der weiß, wieviel Persönliches man damit preis gibt.

    Dass man bei der Online-Bestellung bei Amazon noch viel mehr von sich preis gibt – und das auch noch an einen Riesenkonzern, der mit den Informationen noch ganz andere Sachen anstellt- scheint Manchem nicht bewusst zu sein.

    Dank für 25 schöne Jahre: "Universum Buchhandlung" an der Kreuzung Kurt-Eisner-Straße. Foto: Ralf Julke
    Dank für 25 schöne Jahre: „Universum Buchhandlung“ an der Kreuzung Kurt-Eisner-Straße. Foto: Ralf Julke

    Und nicht nur in der vor einem Vierteljahrhundert von Dr. Sigrid Kücklich gegründeten Buchhandlung gehen die Lichter aus. Auch in der etwas weiter stadteinwärts gelegenen „Universum-Buchhandlung“ von Marlene Nagel ist ein Zeitalter zu Ende gegangen. Am 20. Juni haben Marlene und Reinhard Nagel nach 25 Jahren an der Kreuzung Kurt-Eisner-Straße / Karl-Liebknecht-Straße die kleine Buchhandlung geschlossen. Sie bedanken sich für „25 wunderbare Buchhändlerjahre“. Die treuesten Kunden haben sich mit großen Blumensträußen für die schöne Zeit bedankt.

    So geht auch auf der „KarLi“ ein Zeitalter zu Ende. 42 Buchhandlungen zählt der Buchhandlungsfinder von „Vorsicht, Buch!“ noch für Leipzig. Da ist die „Universum Buchhandlung“ noch dabei, „Kü’s Buchhandlung“ schon nicht mehr.

    Die Uhr tickt weiter. Die 4.782 Buchhandlungen aus der Werbeaktion des Börsenvereins stimmen schon lange nicht mehr. Der Buchfinder verzeichnet dieser Tage noch 4.738. Die Buchhandlungsdichte, die von den jungen Buchwissenschaftlerinnen im März beschwärmt wurde, hat sich deutlich verringert. Jetzt muss man schon bis zur Feinkost weiter laufen. Da findet man im Innenhof den Kinderbuchladen „Serifee“ und den eigenwilligen Laden „Kapitaldruck“, noch etwas weiter findet man die „Thalia“-Buchhandlung und – schon im Peterssteinweg – die Buchhandlung „Wörtersee“.

    Man muss also nicht darben, aber ein bisschen weiter laufen, um bei echten, lebendigen Buchhändlern echte, lebendige Bücher zu kaufen, zu finden oder auch zu bestellen. Denn alles, was es im Netz gibt, kann man sich auch in seiner Lieblingsbuchhandlung bestellen.

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    1 KOMMENTAR

    1. Ein trauriger, aber trotzdem wieder guter Beitrag. Kein Ruhmesblatt für Leipzig. Für die Karli und Connewitz gleich gar gar nicht.

      Mir tut es oftmals weh, wie wenig Bücher bzw. die Arbeit der Autoren geschätzt werden. Man möge es mir verzeihen, wenn ich dabei mein Buch „Finanzrevisor Pfiffig aus der DDR“, eingeschlossen meine dafür aufgewendete Arbeitszeit, was ich gerne gemacht habe, als Beispiel verwende. Wie mir aus vielen Quellen bestätigt wurde ist das Erscheinungsbild des Buches bzw. die Anfertigungsqualität sehr gut. Ich wollte auch kein Billigbuch. Von der Idee bis zum Erscheinen des Buches hat es 3 Jahre gedauert. Besonders schwer war es, diese Thematik in einer Form zu verarbeiten, dass diese leicht verständlich ist. Der Preis ist nach meiner Ansicht für dieses Buch/mit dieser Thematik seriös – 22,00 €. Ein sehr gutes Preis/Leistungs -Verhältnis.

      Ich kann mich als Neuautor über die Verkaufszahlen nicht beschweren. Außerdem gehört das Buch in vielen Fällen bereits zum Bestand wissenschaftlicher (sogar in den USA) und öffentlicher Bibliotheken,

      Auch wenn es wenige Fälle waren. wurde mir gesagt, dass der Preis für dieses Buch zu hoch sei.

      Oftmals wird zu „Billigbüchern“, die angeblich Bestseller sind, gegriffen, Als Bestseller werden Bücher bezeichnet, die mindestens 100.000 x verkauft wurden. Nicht nur nebenbei bemerkt: Den Nachweis für diese Verkaufszahlen wird keiner erbringen, Sie werden oftmals nicht stimmen. Viele dieser angeblichen Bestseller landen dort wo sie hingehören – im Reißwolf.

      Der überwiegende Teil dieser angeblichen Bestseller wird durch die aggressive und unseriöse Werbestrategie der Medien dazu gemacht, weil diese finanziell daran erheblich beteiligt sind. Ein sehr schmutziges und skrupelloses Geschäft, wovon ich mich seit dem Erscheinen meines Buches zur Genüge überzeugen konnte. Das Sprichwort: „Man geht über Leichen“ ist dabei nicht von der Hand zu weisen.

      Leider ist die Leipziger Buchmesse ein Spiegelbild dieses Kommerz bzw. dazu geworden. Man braucht sich oftmals nur die Listen von angeblichen hervorragenden Autoren anzusehen, die im Rampenlicht stehen bzw. stehen dürfen. Bei der letzten Leipziger Buchmesse u.a. Dolly Buster, ……u.s.w.

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