Nachfolger/-innen für unseren Bioladen gesucht – in Großbuchstaben hängt die Botschaft in den Schaufenstern von „East Organic“ auf der Eisenbahnstraße. Vor wenigen Wochen war der 30 %-Räumungsverkauf. Jetzt ist durch die Glasscheiben nur noch der traurige Rest des Inventars zu sehen – das ebenfalls verkauft wird.

Nicht nur Andreas und sein „East Organic“-Team wurden von der Inflation hart getroffen. Laut einer stichprobenartigen Umfrage der taz bei Bioläden in Sachsen-Anhalt und Baden-Württemberg klagen alle der Befragten über Umsatzeinbußen zwischen 20 und 25 Prozent, seitdem die Inflationsrate stark steigt.

Schon seit vergangenem November, als die Energiekosten und damit auch die Preise stiegen, gingen die Umsatzzahlen deutlich zurück. Der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine hat diesen Trend nun verstärkt.

Die Marktdaten scheinen dagegen zunächst widersprüchlich. Das Analytikunternehmen GfK fand heraus, dass die Menschen in Deutschland im zweiten Quartal 2022 zwar insgesamt 5 Prozent weniger Geld für Lebensmittel ausgegeben haben. Im Biobereich scheint der Rückgang mit 3 Prozent im Vergleich zum ersten Quartal aber geringer.

Warum musste „East Organic“ dann schließen? Die Daten zeigen bei genauerem Hinsehen: Die Leute kaufen zunehmend die Bio-Marken von Edeka, Rewe oder Aldi. Bioprodukte in Discountern werden jedoch oft in großen Mengen aus fernen Ländern importiert. Sie erfüllen zwar formal die Kriterien des Bio-Siegels, ihre Nachhaltigkeit – vor allem angesichts der Transportwege – ist umstritten.

Die teureren Bioprodukte verzeichneten hingegen ein Minus von 11 Prozent. Das trifft vor allem kleinere Bioläden, die ausschließlich Herstellermarken anbieten – so wie „East Organic“.

Auch Malte Reupert spürt die Auswirkungen der steigenden Preise. Er betreibt vier Biosupermärkte in Leipzig. „Wir mussten das Personal ein Stückchen verringern“, sagte er neulich gegenüber dem Mitteldeutschen Rundfunk.

Vor der Inflation ging es ihm und der restlichen Biobranche sehr gut. Die Umsätze stiegen, Personal konnte eingestellt, die Geschäfte erweitert werden. 2020 stiegen die Umsätze um 22 Prozent, 2021 setzte sich der Trend fort.

Das LZ Titelblatt vom Monat August 2022. VÖ. 26.08.2022. Foto: LZ

Die Bioläden profitierten in der Pandemie, so die Begründung des Marktforschungsinstituts GfK. Die Menschen solidarisierten sich mit regionalen Läden und waren mangels anderer Freizeitaktivitäten bereit, mehr Geld für gute Bio-Lebensmittel auszugeben.

Aber seit die Leute wieder mehr unterwegs sind, die Inflation die Preise für Lebensmittel im Rekordtempo steigen lässt und viele wegen der Energiekrise in Sorge vor dem nahenden Winter sind, hat sich das Blatt gewendet.

„Die Folge ist, dass gesunde, mittelständische und regional verwurzelte Bio-Händler aktuell durchaus in Bedrängnis kommen können“, sagt auch die Geschäftsführerin des Bundesverbands Naturkost Naturwaren (BNN), Kathrin Jäckel. Der BNN vertritt bundesweit 200 Bio-Händler.

Es sei jetzt wichtig, die Bioläden zu unterstützen – als Käufer/-in, wenn finanziell möglich, aber auch seitens der Politik. Die Bundesregierung solle die Mehrwertsteuer auf pflanzliche Bioprodukte streichen, um die Nachfrage anzukurbeln, so BNN. Pro Euro würden die Bioprodukte dann um 7 Cent günstiger.

Das Bundesfinanzministerium sagte jedoch in einer Stellungnahme, dass das „nicht umsetzbar“ sei, weil es nur unter „enormen Bürokratieaufwand möglich wäre“. Damit sieht BNN jedoch das Regierungsziel in Gefahr, den Bio-Anteil bis 2030 auf 30 Prozent zu steigern – derzeit macht Bio etwa 10 Prozent der Anbaufläche aus.

Eine gute Nachricht gibt es jedoch: Die Biopreise sind trotz Inflation weniger stark gestiegen als die der konventionellen Produkte. Vielleicht ein Hoffnungsschimmer für den ehemaligen Bioladen an der Ecke Eisenbahnstraße/Einertstraße. Denn Andreas und sein Team suchen nun nach interessierten Einzelpersonen oder kleinen Kollektiven: „Wir werden euch sehr vermissen, aber hoffen sehr, dass der Bioladen Eisenbahnstraße weiter leben wird.“

„Vorbei mit dem Bio-Boom? Wie Leipzigs Bioläden unter der Inflation leiden“ erschien erstmals am 26. August 2022 in der aktuellen Printausgabe der Leipziger Zeitung (LZ). Unsere Nummer 105 der LZ finden Sie neben Großmärkten und Presseshops unter anderem bei diesen Szenehändlern.

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Es gibt 2 Kommentare

Ich glaube, dass zu diesem Sterben auch ein strategischer Fehler beigetragen hat. In der Eisenbahnstraße sind ausreichend Wochenmärkte vorhanden. Auch ist das äußere Erscheinungsbild nicht ansprechend.

Miete, Strom, Sprit, Essen und Trinken wo greift die Inflation als erstes an. Wo ist der Schmerz am Hefigsten. Naturgemäß bei Essen und Trinken. Der Durst kann ja am Wasserhahn, zumal wir bestes Wasser aus der Leitung haben, gesund und umweltschonend ohne zusätzliche Transportkosten, gestillt werden. Beim Essen sieht es schon anders aus. Die Zeiten sind vorbei, als das Halbe Kilo Nudeln 47 Cent kostete. Dann wird natürlich gespart beim nicht nötigen als dem deutlich teureren. Man kann nur das für Besonderes zur Verfügung stellen , was übrig ist. Wir erleben gerade, dass die Umwelt-und Ökorevolution die Protagonisten einer naturverträglichen Landbewirtschaftung auffrisst. Was den Umweltbewussten aber bleibt ist und was auch kommen wird, dass das Obst auf Streuobstwiesen oder an der Straße gesammelt und verarbeitet werden wird. Auch das Stoppeln, welcher Öko weiss was das mal eigentlich war, also das Absuchen nach Ernterückständen (Kartoffeln, Getreide, Mais) wird wieder kommen. Nur der Wirtschaftsmais ist als Popkorn leider nicht geeignet. Ich liebe diese schwelenden Rauch der Kartoffelfeuer im Oktober (Kartoffelferien)und möchte auch wieder einen Bratigel genießen. Dahingehend war die arme DDR eben doch öko, als wir noch mit dem Fahrrad von Knauthain nach Knautndorf fuhren und für uns und unsere Hausschwein Kartoffeln suchten und fanden. Ich komme aus der DDR und damit aus der Zukunft…

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