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Neue Halberg Guss: Ein überraschter Schlichter meldet sich zu Wort

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    Wenn man die Statements des von beiden Seiten des Tisches anerkannten Schlichters, Lothar Jordan (Vizepräsident des Arbeitsgerichts a.D.) im Konflikt rings um die Neue Halberg Guss (NHG) genau liest, wird auf den ersten Blick überdeutlich: auch er versteht die einseitige Beendigung der Schlichtung vonseiten der Geschäftsführung der NHG nicht. Und weil dies an sich schon ein schlechtes Zeichen ist, kann man sich ja mal wieder beim „Zwischen den Zeilen lesen“ üben. Denn mindestens haben wohl die Arbeitgeberseite und der Investor Prevent ein gegebenes Wort gebrochen. Und das in einer entscheidenden Phase.

    Es ist schon bemerkenswert, was Schlichter Lothar Jordan seinen Ausführungen zum einseitigen Abbruch der Verhandlungen am gestrigen Dienstag, 12. September 2018 von Arbeitgeberseite voranstellt. Es entspräche schon dem allgemeinen Verständnis einer Schlichtung, dass nur der Schlichter diese für gescheitert erklären könne.

    Offenbar ist das der NHG-Geschäftsführung und Prevent im Hintergrund jedoch egal, denn, so Jordan weiter, er sei im Prozess der Suche nach einem Käufer oder Investor für die NHG involviert gewesen, habe diese „sehr eng begleitet. Noch am Dienstagabend habe er dem jetzigen Gesellschafter der NHG mitgeteilt, dass ein verbessertes Angebot eines potentiellen Investors zeitnah unterbreitet würde“, lässt er heute via IG Metall mitteilen.

    Heißt: Jordan hat der Prevent Gruppe mitgeteilt, dass es einen oder mehrere potentiellen Käufer für die Neue Halberg Guss gibt. Darunter könnten sich auch interessierte Kreise der Kunden der Gießereien befinden, die das Hin und Her bei den Preisen und nun einen ausgedehnten Streik bei der Prevent-Tochter NHG leid sind.

    Jordans Kenntnisstand ist demnach der gleiche, wie bei der IG Metall, welche sich gestern Abend sehr erstaunt über die einseitige Beendigung der Schlichtung seitens der NHG-Geschäftsführung zeigte. Und Jordan hat damit logisch einen anderen Kenntnisstand, als die Geschäftsführung der NHG, wenn es um eine Zu- oder Absage des Käufers geht. Im einfachsten Falle wurde er in seiner Rolle als Schlichter übergangen. Ein einmaliger Vorgang in der Geschichte der Tarifkonflikte der letzten Jahrzehnte.

    Absprachen sind Makulatur

    Denn weiter heißt es bezüglich der vorliegenden Kaufinteressen, es sei verabredet worden, „dass er (also Lothar Jordan, d. Red.) im Falle eines Ausbleibens oder ungenügenden Angebotes unterrichtet werden würde. Er sei sehr verwundert, dass diese Verabredung nicht eingehalten wurde und ihm stattdessen am Mittwochmorgen ein Vertreter des Investors eine vonseiten der Halberger Geschäftsführung ausgesprochene Fristsetzung zur Abgabe eines verbesserten Angebotes bis Montag (17.09.) mitteilte.“

    Liest man dies genau, bemerkt man, dass also auch die nicht abgesprochene Fristsetzung seitens der NHG an den Kaufinteressenten obenauf kommt. Und dass – zumindest nach Stand der Erkenntnisse heute – auch die Geschäftsführung der Neue Halberg Guss keine endgültigen Informationen darüber haben dürfte, was der Käufer letztlich für die Übernahme der Gießereien in Leipzig und Saarbrücken zahlen würde. Die Fristsetzung hätte sonst ja keinen Sinn, außer den Zeitdruck auf die Kaufinteressenten zu erhöhen.

    Was Schlichter Lothar Jordan, alles in allem betrachtet, befremdet zurücklässt, denn „vor diesem Hintergrund befremde ihn die plötzliche einseitige Mitteilung eines Scheiterns der Schlichtung doch sehr.“, so die IG Metall.

    Im Kern geht es um den Verkauf

    Der Eindruck verdichtet sich neuerlich, dass Prevent als Eigentümer der Neuen Halberg Guss seit dem Kauf Anfang 2018 eine eigene Agenda hat und sich deshalb nicht an die vereinbarten Verfahren hält. Eventuell eine, die längst nur noch eine erfolgreiche Verhandlung mit einem Käufer und eine möglichst hohe Kaufsumme beinhaltet.

    Zudem könnte man sich nun – nachdem der Streik seit drei Monaten die Beschäftigten als Mitspieler stark gemacht hat – durch eine rasche Abstoßung jede Menge Ärger vom Hals schaffen. Und die Lösung einem Nachfolgeeigentümer überlassen – einen noch immer nur unterbrochenen Streik, gesunkenes Vertrauen bei den Kunden vor allem in Prevent als Mutterfirma der NHG. Was – zu Ende gedacht – eine Übernahme durch die Kundenseite, also den Automobilfirmen mit ihren LKW-Segmenten am logischsten erscheinen lässt.

    Verfahren ist die Kiste nämlich auch, weil mit Prevent offenkundig keiner der großen Abnehmer mehr im Teilesegment Kurbelwellen und Antriebsteile zusammenarbeiten will – mit der Neuen Halberg Guss hingegen schon. Die Auftragsbücher in Leipzig und Saarbrücken jedenfalls sind voll, die Arbeitsplätze demnach nicht wirklich akut gefährdet.

    Bei einem nunmehr kurz bevorstehenden Verkauf ergäbe auch die Schlichtung unter dem Ziel eines Sozialplanes für die 700 zu entlassenen Mitarbeiter in Leipzig und die 300 Kollegen (von 1.500) in Saarbrücken keinen Sinn mehr. Weil sie dann gar nicht mehr entlassen werden müssten, der Standort Leipzig bliebe erhalten, Prevent wäre durch den Verkauf raus aus dem Spiel, womöglich mit Gewinn.

    Die Monate der Unsicherheit an den beiden Standorten wäre dann der Preis, den die rund 2.000 Angestellten gezahlt hätten, aber für Prevent wäre es dann eine schnelle „Rein-und-wieder-Raus“-Nummer binnen neun Monaten in diesem Jahr gewesen, bei der womöglich ein paar Millionen hängenbleiben. Ein kurzfristiges Investment und eine möglichst hohe Summe in kurzer Zeit.

    Gelingt Prevent der Verkauf hingegen nicht, könnten Aufträge, Arbeitsplätze und Menschen Stück um Stück abwandern oder ganz verloren gehen. Dann wäre wohl eine bis Anfang 2018 profitable Unternehmung namens Neue Halberg Guss von Prevent in der Auseinandersetzung unter anderem mit Volkswagen vor die Wand gefahren worden, auch wenn an anderen Orten die qualifizierten Mitarbeiter einen neuen Job finden könnten.

    Zum möglichen Scheitern des Verkaufs und Gesellschafterwechsels mahnt Schlichter Lothar Jordan, dass „die Schlichtung die Chance haben müsse, gleichwohl einen erfolgreichen Abschluss zu finden.“. Hierfür stünde er selbstverständlich nach wie vor zur Verfügung.

    Hintergrund (aus der LEIPZIGER ZEITUNG, Ausgabe 57, Auszug)

    Im Januar 2018 wurde die „Neue Halberg Guss“ durch eine in Deutschland ansässige Prevent-Tochter namens Castanea Rubra Assets GmbH vom Vorbesitzer, der S.D.L. Süddeutsche Beteiligungs GmbH (SDB) aus Elchingen abgekauft.

    Diese hatte selbst erst im Juli 2017 die NHG gekauft und so noch wirtschaftlich stabilisiert. Das quasi staatliche Beteiligungsunternehmen SDB mit Zweigstellen auch in Sachsen ist eine 100-prozentige Tochter der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) und trägt nach eigener Auskunft mit ihrer Arbeit „nachhaltig zur Sicherung des Wachstums und zur Stärkung des Mittelstandes bei“.

    Dass die Süddeutsche Beteiligungs GmbH (SDB) von bereits früheren Konflikten zwischen VW und der Prevent Gruppe nichts mitbekommen haben könnte, ist ausgeschlossen. Was an dem vom Kartellamt abgesegneten Verkauf der Landesbank-Beteiligungsgesellschaft an Prevent im Januar 2018, mitten hinein ins Schlachtfeld zwischen VW, Audi und Prevent nachhaltig für ein mittelständisches Unternehmen mit Gießereien in Saarbrücken und Leipzig gewesen sein soll, ist also mindestens fraglich.

    Bereits im Sommer 2016 war es zwischen den Prevent-Töchtern und der Volkswagen AG zum Streit um Geld gekommen. In der Auseinandersetzung hatten dabei beide Seiten bereits gezeigt, wohin die Reise geht. Während Volkswagen versucht, das Liefervolumen von Prevent zu verkleinern, um aus der Abhängigkeit zu kommen, machte Prevent deutlich, wie man Konflikte zu lösen gedenkt: man lieferte als Antwort auf abgesagte Projekte keine Getriebeteile und Sitzbezüge mehr an Volkswagen und legte so Teile der Produktion lahm.

    Die Unterschriften unter den Papieren waren kaum trocken, als schon der nächste Konflikt ausbrach.

    Volkswagen sah sich nunmehr in der Lage, dass zum Beispiel am Leipziger Standort besondere Motor-Legierungen gefertigt werden, die VW in den Lastkraftwagen von „Scania“ verbaut und suchte Wege, sich vom Zulieferer NHG zu lösen. Prevent hob daraufhin die Preise um teilweise das Zehnfache an, wohl ahnend, dass es mittelfristig so oder so auf eine Trennung hinausläuft.

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