Zu Besuch bei wegweisenden Initiativen (5)

greater form: Über die Kunst der erweiterten Teilhabe

Für alle LeserLEIPZIGER ZEITUNG/Auszug Ausg. 62Was passiert, wenn man 20 Kids aus Grünau einen vierstelligen Geldbetrag in die Hand gibt und ihnen einen Raum zur Verfügung stellt, in welchem sie tun und lassen können, was sie wollen? Die Gruppe greater form hat kürzlich erfolgreich ein Crowdfunding abgeschlossen, um einen Raum für Experimente dieser Art zu erwerben. Ich habe mich nun mit Lina Ruske, die zusammen mit Philipp Rödel greater form ins Leben gerufen hat, getroffen.

Auf dem Weg zur erweiterten Form

Ursprünglich kam Lina als Fotokünstlerin nach Leipzig. Sie nahm ein Studium an der HGB auf und arbeitete 2013 in der Kunstvermittlung des in Markkleeberg ansässigen Vereins Kulturbahnhof e.V. das erste Mal mit Kindern und Jugendlichen zusammen. An der HGB lernte sie auch Philipp kennen, der ebenfalls für den Kulturbahnhof e.V. als Kunstvermittler arbeitete. Die Strukturen an der HGB standen für die beiden im Widerspruch mit einem zeitgemäßen künstlerischen Selbstverständnis, sodass sie mit ihrer Kommilitonin Cora Czarnecki 2014 das Hochschulprojekt AG-zkl (AG zeitgenössische künstlerische Lehre) begründeten, in welchem ein neues und freieres ästhetisches Forschen und Lernen erprobt und praktiziert werden sollte.

Beides – die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen und die Erfahrungen aus dem Projekt AG-zkl – mündete schließlich in die Idee, ein Kunstprojekt außerhalb der Räumlichkeiten, in denen Kunst in der Regel geschieht, zu entwickeln.

Das Ergebnis war ein 3-wöchiges Projekt mit Kindern und Jugendlichen aus dem Kinder- und Jugendtreff Leipzig Grünau e.V. im Juli 2015. Unter dem Titel „Und dann, um dich herum … alles Trümmer“ schrieb die Gruppe im Vorfeld eine fiktive Fluchtgeschichte, die sie gemeinsam mit den Kindern für die Bühne erarbeitete. Philipp entwarf ein sich täglich erweiterndes Bühnenbild aus Pappe, das die Kinder beschreiben, bemalen und verformen konnten, sodass sich im Laufe dieser 3 Wochen parallel zur Geschichte eine Installation entwickelte, die sich wie ein Rhizom in den Raum ausweitete.

Ziel der Gruppe war es, Kinder, die keinen Flucht- oder Migrationshintergrund hatten, mit ästhetischen Mitteln einen emotionalen Einstieg in dieses Thema und eine darauf aufbauende differenzierte Auseinandersetzung zu ermöglichen Das Verhältnis zwischen Lehrenden und Lernenden war dabei ein ständig wechselndes.

Eintauchen in den Kulturraum Grünau

Nach „Und dann, um dich herum … alles Trümmer“ stand für die Gruppe von greater form fest, dass sie Grünau nicht wieder verlassen, sondern sich in den Sozialraum einarbeiten und ihren künstlerischen Ansatz vor Ort vertiefen wolle. Zudem verspürte die Gruppe nach ihrem ersten Projekt, in welchem ja ein Status Quo thematisiert wurde, nun den Wunsch, explizit positive Alternativen im Gegebenen zu erforschen. Das 40-jährige Jubiläum von Grünau als einstigem Stadtteil der Utopie stand bevor und somit war die Idee für „Grünau in die Zukunft“, ein nun schon 4-wöchiges Projekt in Kooperation mit dem OFT Völkerfreundschaft e.V. im Juli 2016, geboren.

greater form erweiterte sich und lud nun Kids gleich welcher Herkunft dazu ein, mit künstlerischen Mitteln gemeinsam zu erforschen, wie die Zukunft Grünaus aussehen könnte. Deren Vergangenheit sollte keine vordergründige Rolle spielen. Wichtig war allein die Frage: Wer ist jetzt da und wo will man gemeinsam hingehen. Auch gab es im Gegensatz zu dem ersten Projekt hier kein festgelegtes Script, womit sich der Raum für ein gemeinsames Experimentieren öffnete.

Der Saal der Völkerfreundschaft wurde in einen ästhetischen Lernraum mit 3 Inseln umgewandelt: eine Bühne für Tanz, Hip Hop und Video-Drehs, ein Talkshow-Set, in dem die Kids mit Erwachsenen über Grünau diskutierten, sowie ein offenes Atelier zum Bauen und Verändern von utopischen Gebäuden. Diese waren, wie schon im ersten Projekt, aus Pappe, denn das hatte sich da ja bereits bestens bewährt.

Für ihr mit der Kunsttherapeutin Sophia Küster konzipiertes Projekt „neue bilder braucht grünau“, bei dem die Gruppe zusammen mit den Kids und der weiteren Bevölkerung von Grünau 2017 über einen Zeitraum von 4 Monaten im öffentlichen Raum nach den Bildern der Menschen zum Stadtteil suchte und die Ergebnisse in einer Ausstellung im Allee-Center Leipzig präsentierten sowie in den begleitenden Bildgesprächen vermittelte, wurde greater form mit dem Sächsischen Preis für kulturelle Bildung „Kultur.LEBT.Demokratie“ ausgezeichnet.

Wenige Monate später folgte mit „THE KIDS ARE ALLRIGHT – Sex, Drogen und Gewalt“ von November 2017 bis Mai 2018 das 5. Projekt, dessen videobasierte Ergebnisse ebenfalls im Allee-Center sowie im ßpatz Off-Space in Karlsruhe ausgestellt wurden und aus dem der YouTube Channel von greater form erwuchs.

Ein eigener Projektraum

Alle Projekte von greater form bauen inhaltlich und methodisch aufeinander auf, sodass sich über die Zeit eine Eigendynamik entfaltet hat, in der die Arbeitsphasen länger und die Projekte selbst zusehends freier konzipiert wurden. Als eine Konsequenz aus dieser Entwicklung kam die Gruppe, zu der nun auch der Kulturwissenschaftler Mirko Gust sowie die Kommunikations- und Medienwissenschaftlerin und -pädagogin Silke Schetelig gehören, auf die Idee, sich einen eigenen, dauerhaften Standort zu suchen.

Keinen eigenen Raum zur Verfügung zu haben, heißt schließlich, dass jedes Projekt irgendwann beendet werden muss, man das Aufgebaute wieder abzubauen hat und es folglich keinen stetigen kreativen Fluss gibt. Zudem herrschen natürlich die Regeln und Strukturen vor Ort und dadurch war jedes Projekt vorgeprägt. Doch greater form wollte etwas Neues ausprobieren, langfristig planen und arbeiten können und mit den Kids gemeinsam eigene Regeln für das Zusammensein finden. Ein eigener Raum musste also her.

Über 200 Menschen haben dann in das Crowdfunding, das unter dem Motto „Neue Orte braucht Grünau“ im Frühling dieses Jahres gestartet wurde, investiert und damit dazu beigetragen, dass greater form ihr Vorhaben ermöglichen konnte. Unterstützt wurde die Kampagne dabei unter anderem von den Künstler*innen Grit Hachmeister, Tobias Zielony und Sebastian Gögel, die eigens für das Crowdfunding Werke von sich als Gegenleistungen anboten. Den künftigen Projektraum sollen die Kids kostenlos nutzen können.

Zugleich wird eine Teilhabe ausprobiert, die an der Basis ansetzt: greater form will Praktika einführen – etwa in der Verwaltung und Organisation der Gruppe – und Stipendien vergeben, die sich an all diejenigen richten, die sich für ein bestimmtes Thema interessieren und an diesem längerfristig künstlerisch forschen wollen.

X000€ CASH PARLAMENT!

Im Juni hat greater form ihr neuestes Projekt gestartet, welches noch bis November andauern und mit einer großen Abschlusspräsentation beendet werden wird. Die Publikation zum Projekt wird im Januar 2019 in der gfzk (Galerie für zeitgenössische Kunst) präsentiert. Für „X000€ CASH PARLAMENT!“ wurde das Thema Geld in den Fokus gerückt, da dies die Erwachsenen in der Frage, wie sich all ihre Ideen in die Tat umsetzen lassen und sie gleichzeitig von ihrer Arbeit leben können, ja ebenso sehr beschäftigt, wie die Kids aus der Grünauer Platte.

Das Prinzip ist simpel: greater form stellt einen Betrag von 3.000 € in den Raum und lässt alle Beteiligten – egal seit wann sie Teil des Projektes sind und wie lange sie es bleiben wollen – gemeinsam darüber entscheiden, wie mit dem Geld verfahren wird.

Das Spannende hieran ist nun zu beobachten, wie die Kids, die durch ihr normales Leben statt selbstbestimmten Verhaltens oftmals nur bloßes Funktionieren gewöhnt sind, basisdemokratisch Verhandlungen führen und schließlich zu Entscheidungen finden. Für Lina war es auch aufschlussreich und durchaus zum Teil schwer auszuhalten, dass die Kids zunächst gewisse Grundbedürfnisse zu stillen hatten – dies in Form von neuen Turnschuhen – und sich danach überlegten, wie für die Gruppe gesorgt und in die Zukunft von greater form investiert werden könnte.

Die Kids veranstalteten eine Schwarzlichtparty, bei der angefangen von der Organisation und Bar-Planung über die Deko und Raumgestaltung, bis hin zur Playlist und DJ-Planung alles in ihren Händen lag. Danach wurde u. a. ein Doppelstocksofa auf Rollen für den neuen Projektraum gebaut.

Und wenn der Verlauf von „X000€ CASH PARLAMENT!“ am Anfang auch ungewiss war, so konnten Lina, Philipp, Mirko und Silke dennoch darauf vertrauen, dass es in der Arbeit mit den Kids im Wesentlichen darum geht, ihnen eine ernst gemeinte Aufmerksamkeit entgegenzubringen und ihnen einen Raum zu bieten, in welchem sie im geteilten Prozess künstlerisch aktiv werden können ohne es zu müssen; der Rest kommt fast von alleine.

Mehr Infos zu greater form gibt es unter: www.greaterform.supergiro.de sowie unter dem gleichnamigen YouTube-Kanal, Facebook und Instagram.

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