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Sachsens neue Jobs entstehen nicht in der Industrie und auch nicht am Bau

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    Für Freikäufer2017 waren so viele Sachsen in Arbeit wie seit dem Jahr 1991 nicht, meldete in dieser Woche das Statistische Landesamt. Die Wirtschaft im Freistaat wächst. Es werden tausende Arbeitsplätze geschaffen - nur nicht da, wo man es eigentlich erwartet hätte. Im Gegenteil: Die derzeitige Boom-Branche in Sachsen baut sogar tausende Arbeitsplätze ab.

    Durchschnittlich 2,053 Millionen Erwerbstätige hatten im Jahr 2017 ihren Arbeitsplatz im Freistaat Sachsen. Das waren rund 18.000 Personen bzw. 0,9 Prozent mehr als im Jahr 2016. Gleichzeitig wurde das höchste Niveau bei der Erwerbstätigkeit seit dem Jahr 1991 erreicht, meldet das Statistische Landesamt.

    Und die Erwerbstätigenzahl in Sachsen würde sogar noch stärker wachsen – wenn nicht noch alte Verkrustungen zu lösen wären. Denn noch immer schiebt das Land einen riesigen Berg an marginal Beschäftigten vor sich her. Lauter Menschen, die in den vergangenen Jahren gezwungen waren, prekräre und zumeist miserabel bezahlte Jobs anzunehmen. Sie wechseln mit der steigenden Nachfrage in richtige Vollzeitstellen – ebenso wie viele Selbstständige die Chance ergreifen, wieder in eine sozialversicherungspflichtige Anstellung zu kommen.

    Deswegen kann das Landesamt nun melden: Die aktuelle Entwicklung im Vergleich zum Vorjahr prägten ein überdurchschnittliches Plus bei der Zahl der Arbeitnehmer ohne geringfügig Beschäftigte sowie ein weiterer deutlicher Rückgang der marginalen Beschäftigung.

    Und natürlich denkt man – man ist ja diese Bilder so gewohnt – bei Arbeitsplätzen an gut bezahlte Fachleute in der Industrie oder emsige Bauarbeiter.

    Aber gerade hier werden gar keine neuen Jobs geschaffen. Nach Branchen betrachtet zeigte die aktuelle Entwicklung in Sachsen vor allem einen Anstieg der Erwerbstätigenzahl in den Dienstleistungsbereichen um 18.700 Personen bzw. 1,3 Prozent gegenüber 2016. Besonders positive Impulse waren dabei im Bereich Gesundheits- und Sozialwesen zu verzeichnen.

    Im Produzierenden Gewerbe hingegen blieb die Zahl der Erwerbstätigen nahezu unverändert. Was übrigens seit 2014 so ist: Ab 2010 hat die Industrie in Sachsen zwar über 25.000 neue Stellen geschaffen. Aber seit 2014 ändert sich da nicht mehr viel. Die Industrie meldet zwar das größte Problem bei der Gewinnung neuer Fachkräfte. Aber sie baut ihre Belegschaften nicht weiter aus. Man schafft die laufende Produktion ohne mehr Personal.

    Was schon einmal zu denken geben sollte. Denn keine Branche wird so frühzeitig den Weg in die Prodsuktion 4.0 gehen wie die Industrie. Immer mehr Roboter übernehmen die Fertigungsstrecken.

    Und am Bau?

    Da sollte man ja eigentlich mit einem „Jobwunder“ rechnen. Alle Auftragsbücher sind voll, die Unternehmen sind ausgelastet mit Bauaufträgen. Städte wie Leipzig bekommen ihre Aufträge immer öfter nicht mehr platziert. Aber am Bau werden keine zusätzlichen Stellen geschaffen. Im Gegenteil: Seit 2011 ist die Zahl der Bauarbeiter in Sachsen um 6.500 gefallen. 6.500 Jobs sind einfach verschwunden – aber an einen Ausbau der Kapazitäten denken Sachsen Baufirmen gar nicht.

    Möglicher Grund: Die schlechten Erfahrungen aus den 1990er Jahren, als alle Medien vom „Boom“ im Osten tröteten und die Baufirmen ihre Kapazitäten ausweiteten – um dann, als das Strohfeuer Ende der 199er Jahre erlosch, reihenweise Pleite zu gehen.

    Deutsche Politik ist eine Politik der unberechenbaren politischen Wellen. Die hohe Kunst, in schwachen Zeiten mit Konjunkturprogrammen gegenzusteuern, hat man verlernt. Also entstehen regelrechte Schweinezyklen, in denen sich Zeiten mit mieser Auftragslage mit Jahren abwechseln, in denen alle Reserven ausgereizt sind. Wo es aber nicht einmal eine staatlich verlässliche Investitionsstrategie gibt (und Sachsen ist ja das beste Beispiel für falsches Sparen, wenn eigentlich Investitionen drängen), gibt es natürlich auch keine verlässliche Planung im Bau.

    Die heutige Kapazitätknappheit ist das Ergebnis falscher Landespolitik. Worunter natürlich Städte wie Leipzig leiden. Leipzig wird mit seinen Bauprojekten immer mehr in Verzug geraten.

    Wo sind dann aber die ganzen neuen Jobs entstanden?

    Auch in der Land- und Forstwirtschaft, Fischerei natürlich nicht. Dort verschwinden immer mehr kleine Betriebe und die großen, industriell arbeitenden Agrarfabriken bleiben zurück – mit viel Technik und wenig Personal. Ergebnis: Die Zahl der hier Erwerbstätigen verminderte sich übers Jahr um weitere 800 Personen bzw. 2,8 Prozent.

    Der am stärksten wachsende Bereich mit fast 40.000 neuen Stellen seit 2010 ist der Pflegebereich (Gesundheits- und Sozialwesen). Allein 2016 entstanden hier 10.000 neue Stellen. Die öffentliche Verwaltung, die eh schon nicht mehr ihre Aufgaben bewältigen kann, hat seit 2010 sogar massiv Personal abgebaut – bis in den Bildungsbereich hinein, wo man einfach mal 5.000 Stellen verloren gehen ließ.

    Diese selbstverschuldeten Lücken aufzufüllen, wird ganz schwer. Denn jetzt haben sich ja nicht nur die Ausbildungsjahrgänge halbiert – das Bildungssystem ist in weiten Teilen regelrecht zermürbt und nicht mehr in der Lage, kluge, selbstständige Absolventen hervorzubringen, dafür weiterhin 10 Prozent Schulabgänger ohne Abschluss. Ein Armutszeugnis.

    Und im Westen Deutschlands geht erst recht die Post ab. Dort kann man die klügsten Köpfe noch mit ganz anderen Gehältern locken: Insgesamt nahm die Erwerbstätigenzahl in Deutschland 2017 um 1,5 Prozent bzw. 638.000 Personen zu. Während in den fünf neuen Ländern die Zahl der Arbeitsplätze im Vergleich zum Jahr 2016 um 44.000 Personen bzw. 0,7 Prozent anstieg, erhöhten sie sich in den alten Ländern (ohne Berlin) um knapp 538.400 Personen bzw. 1,5 Prozent.

    Die wirtschaftliche Schwäche des Ostens erweist sich selbst in einer solchen Aufschwungphase als Handicap.

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