Everest: Der Katalog zum neuen Panorama erzählt ein paar Geschichten aus der Werkstatt

Am Samstag, 28. Januar, eröffnete die neue Everest-Ausstellung im Panometer Leipzig. Und wie zur Amazonien-Schau erschien auch zu dieser ein Katalog, der einen zusätzlichen Blick in die Werkstatt von Yadegar Asisi und seinen Helfern ermöglicht. Gespickt mit Bildmaterial, das auch ahnen lässt, welche Möglichkeiten sich mit moderner Computertechnik für das Panorama-Bild erschließen.
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Denn zwischen dem ersten Everest-Bild, dass 2003 bis 2005 in Leipzig zu sehen war, und dem jetzt gehängten, liegen auch zehn Jahre Entwicklung der Computertechnik. Das erste Everest-Panorama hat Asisi noch wie ein klassisches Gemälde gemalt und die damals vorhandenen Computer-Möglichkeiten genutzt, es möglichst werkgetreu auf Baumwollbahnen zu bannen. Auch damals schon mit dem Anliegen, dem Betrachter in der Mitte einen Eindruck zu verschaffen, wie ihn wohl auch die Bergsteiger nicht haben, die auf 6.000 Meter Höhe im Basislager im „Tal des Schweigens“ stehen, umgeben vom Nuptse, vom Lhotse und dem vor ihnen aufragenden Everest-Gipfel. Die Sicht ist klar. Und wer jetzt das neue Bild betrachtet, wird Details erkennen, die damals nicht möglich waren. Fels- und Eisformationen sind plastischer und realistischer. So scheint es. Auch wenn der Eindruck natürlich trügt.

Computertechnik macht es auch möglich, die Dinge klarer und plastischer zu malen, als es in der Realität meist zu sehen ist. Kein Dunstschleier verwischt die Konturen, kein Schneeblenden macht das dahinter Liegende unsichtbar.

Asisi nimmt den Leser des Katalogs, der auch mit unterschiedlichen Papierarten spielt, mit in sein Atelier, auch wenn er nicht alles verrät. Nur das Wesentliche. Von ersten Bildern klassischer Expeditionen, die er zusammengesammelt hat, über erste Skizzen und den Notizen zu seiner Fahrt nach Nepal 2002, wo er das Wagnis auf sich nahm, wenigstens ins Basislager aufzusteigen. Schon dieses Stück Weg ist eines, das Menschen an ihre Grenzen bringt. Und das Tal ein Ort, in dem für Asisi das „Universelle“ sichtbar wird. Die Majestät der gewaltigen Gipfel und die Herausforderung der eisigen Höhen, die seit über 90 Jahren Bergsteiger dazu bringen, da hinauf steigen zu wollen.
Jochen Hemmleb, Geologe und Alpin-Journalist, erzählt die Besteigungsgeschichte des Mount Everest, von den ersten Erkundungen der Aufstiegsrouten über die ersten englischen Vorstöße bis zum Aufstieg von Hillary und Norgay 1953. Die wichtigsten Akteure werden porträtiert – auch George Mallory, der 30 Jahre vor Hillary tollkühn den Gipfelaufstieg versuchte – 1999 barg eine Expedition seine Leiche. Nach Hillary war der Sturm auf den Gipfel eine Materialschlacht. Große Expeditionen nahmen den Berg in Angriff, erkundeten neue Routen. Bis in die 1970er Jahre hinein, als Leute wie Reinhold Messner wieder die Rückbesinnung auf das alpine, möglichst ohne Hilfstechnik organisierte Steigen auf die 8.000er propagierten. Mit einem Erfolg, der sich wenig später in sein Gegenteil umkehrte: Der Berg wurde zum Dorado der „Schausteller und Touristen“. Was einige der Expeditionen nicht davor bewahrte, in einer Katastrophe zu enden.

Hier wird die Hybris sichtbar, die Asisi sieht, der Widerspruch zwischen dem westlich-modernen Willen jeden Gipfel zu bezwingen und ganz oben zu stehen, und der Welt der Bewohner der Täler unter dem Bergmassiv, über die der Architekt und Bauhistoriker Niels Gutschow erzählt, der seit 40 Jahren in dieser Landschaft arbeitet. „Gedanken über Berge“ nennt er seinen Beitrag, in dem er nicht nur die Glaubenswelt der Talbewohner erläutert, sondern auch ihre komplexe Beziehung zu dem, was wir für gewöhnlich als heilig übersetzen. Um heilige Berge läuft man andächtig herum – aber man besteigt sie nicht, man demonstriert an ihnen nicht seine Macht.

Dass viele derer, die auf die Berggipfel steigen, selbst Getriebene sind, ist keine Frage. Reinhold Messner hat es selbst einmal so benannt. Mancher findet hier die Herausforderungen und die Klarheit, die ihm sein Leben in einer von Regeln und Zeitdruck durchdeklinierten Welt nicht mehr gibt. Mancher sucht auch vergebens. Und der organisierte Bergtourismus ist ganz bestimmt nicht der Weg, aus der üblichen Rolle des Konsumenten und Masseteilchens herauszukommen.

Die neue Ausstellung zeigt die beiden Pole der Auseinandersetzung mit dem höchsten Berg der Erde. Und sie tut es so sinnfällig, dass man einfach nur schauen und das alles auf sich wirken lassen muss. Im Katalog kann man einige der Gedanken und Anregungen, die Asisi und seine Kuratoren diesmal beschäftigt haben, mit nach Hause nehmen. Im Mittelteil gibt es das gewaltige Panorama noch einmal in handlicher Größe zum Aufklappen. Für die Stunden, in denen man überlegt, ob man nicht einfach mal wieder eine Pause in Schnee und Eis dazwischen schiebt mitten in einer gigantischen Felswelt.

Ausstellungskatalog „Everest – Erlebnis zwischen Exposition und Tradition“, asisi Edition, Berlin 2012, 12,90 Euro.


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