Leipziger Reportagen aus der Werkstatt des Rasenden: Auch Kisch war hier

Er war auch in Leipzig. Mehrmals. Auch zu Zeiten Egon Erwin Kischs war es von Berlin nach Leipzig ein Katzensprung. Und einige der schönsten Leipzig-Reportagen aus den 1920er Jahren stammen aus der Feder des Rasenden Reporters. Der meist gar nicht zu rasen brauchte, um seinen Stoff zu sammeln. Es sieht nur manchmal so aus. Die Stofffülle verblüfft.
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Und möglicherweise gibt es irgendwann einmal, wenn einer sich richtig in die Archive kniet, sogar mal ein richtig umfangreiches Buch mit Leipziger Kisch-Texten. Etwa zum Tscheka-Prozess, der von Februar bis April 1925 in Leipzig stattfand und zu dem sich Kisch im Februar und März mehrere Tage in Leipzig aufhielt. Ein anderer Berühmter bezeugt sogar Kischs Aufenthalt in einem eigenen Zeitungsbeitrag: Erich Kästner. Er berichtete über Kischs Lesung am 2. März zwei Tage später im „Leipziger Tageblatt“. Eine wohl stinklangweilige Lesung, weil Kisch überhaupt keine Lust drauf hatte.

Dabei hatte die Leipziger Satirezeitschrift „Der Drache“ eingeladen. Der dann doch lieber nichts über die Lesung berichtete. Dafür verband Kisch eine wichtige persönliche Bekanntschaft mit dem „Leipziger Tageblatt“: der Verlagsdirektor Dr. Sigmund Blau, der 1924 zum Tageblatt geholt wurde und mit dem Kisch seit der Zeit beim „Prager Tagblatt“ (1906 bis 1912) befreundet war.

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So kamen wohl auch einige der Kisch-Reportagen ins „Leipziger Tageblatt“, das seinerzeit als Blatt der bürgerlich-liberalen Elite galt und deswegen einige wirtschaftliche Schwierigkeiten hatte, so dass es 1925 mit der Neuen Leipziger Zeitung verschmolzen wurde.

Für diesen kleinen Appetitmacher hier wurden sechs Kisch-Reportagen ausgewählt. Darunter die bisher nie wieder übertroffenen „Im Elternhaus der Reclam-Bändchen“ über den damaligen Reclam-Verlag im grafischen Viertel und das „Kuriositätenkabinett des Viehhofes“ über einen Besuch im Werksmuseum des damaligen Leipziger Schlachthofes. Aber berühmt bis heute ist auch Kischs Besuch in den „Giftschränken der Deutschen Bücherei“ und die eindrucksvolle Erzählung von der alten Pelz-Stadt Leipzig in „Der Brühl in Leipzig“.

Nicht in Leipzig handeln die genauso bildhaft und mit verständnisvollem Blick fürs Menschliche geschriebenen Texte „Wilde Musikantenbörse“ und „Ein sächsischer Karl Moor“, beide 1925 im Leipziger Tageblatt erschienen.Ausgespart blieben auch zwei andere Schmankerl: „Das Vermächtnis der Frau Mende“, in dem Kisch es fertig brachte, einen der wildesten Irrtümer zur Leipziger Stadtgeschichte beizutragen – wobei durchaus offen ist, woher er die Geschichte von der falschen Frau Mende hat und ob es nicht ein Leipziger Gästeführer war, der ihm den Ulk so erzählt hat. Auch bei Leipziger Gästeführern muss man aufpassen. Einige haben den Schalk im Nacken. Und vielleicht hat sich einer krumm und kringelig gelacht, als er später las, was Kisch da in allem Ernst zu Papier gebracht hatte.

Die andere Reportage, die hier natürlich fehlt, ist die über das erste deutsche Institut für Zeitungskunde, das 1916 in Leipzig gegründet worden war.

Ein 1923 erschienener Artikel mit dem Titel „Der Untergang des Buches in Deutschland“ beschäftigt sich mit den Neuerscheinungen der damaligen Buchmesse in Leipzig. Es soll auch noch einen Text über den Prozess gegen die Rathenau-Mörder im Oktober 1922 vor dem Reichsgericht geben. Wolfgang U. Schütte, der vor allem im Zusammenhang mit seinen Forschungen zur Satirezeitschrift „Der Drache“ auf die Kisch-Spuren stieß, weist darauf hin, dass es wohl noch mehr zu finden gäbe – wenn einer sich richtig in die Zeitungsarchive knien würde.

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Leipziger Reportagen
Egon Erwin Kisch, Connewitzer Verlagsbuchhandlung 2012, 12,00 Euro

Die Reihe „Fundsachen“ in der Connewitzer Verlagsbuchhandlung ist eine Entdeckerreihe. In schmalen – gerade in Zug und Bahn gut lesbaren – Heften, sind hier Kostproben versammelt, die neugierig machen auf literarische Arbeiten, die mit Leipzig zu tun haben. Schnell vergriffen war zum Beispiel Henry Handel Richardsons „Frühlingsouvertüre“, ein Heft, das zwei Kapitel aus dem Roman „Maurice Guest“ enthält. Henry Handel Richardson ist das Pseudonym der australischen Schriftstellerin Ethel Florence Lindesay Robertson. Sie studierte in den 1890er Jahren am Leipziger Konservatorium mit Hauptfach Klavier und lernte hier ihren künftigen Ehemann John Robertson kennen. „Maurice Guest“ erschien 1908 und handelt – insbesondere in den zwei ausgewählten Kapiteln – in der damaligen Kulisse des Musikviertels. Das nennt man dann Zeitgenossenschaft. Kein Wunder, dass das Bändchen sofort vergriffen war.

Weitere Autoren in der „Fundsachen“-Reihe sind Max Schwimmer, Kaspar Hauser (alias Kurt Tucholsky) und Bruno Vogel. Lauter kleine Entdeckungen, die ahnen lassen, welche literarischen Kostbarkeiten zu Leipzig zu finden sind, wenn man nur sucht. Und gerade die 1920er Jahre erzählen von einer Stadt, die durchaus lebendiger war als so Manches, was sich heute feiert.


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