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Die Geheimnisvolle von Hildburghausen: Ein historischer Kriminalfall mit Königstochter und Revolution

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    Wenn dicke Bücher erfolgreich sind, dann wagt sich auch ein kleiner Verlag an eine Taschenbuchausgabe. 2007 veröffentlichte der Salier Verlag das Buch "Das große Geheimnis von Hildburghausen". Die Spurensuche hat nicht nur in Hildburghausen für Aufregung gesorgt. Immerhin geht es um eine echte französische Königstochter. Dass es da um ein großes politisches Geheimnis ging, das wussten auch schon die Zeitgenossen.

    Doch um welches genau, das konnten sie nur ahnen. Und meistens liegt ja die Fabulierlust des Volkes völlig daneben, wenn es solche geheimnisvollen Vorgänge gibt. In diesem Fall aber wohl nicht. Und auch deshalb dauerte es mehr als 100 Jahre, das Geheimnis so weit zu lüften, dass überhaupt fassbar wurde, was da geschehen war.

    1807 rollte eine Kutsche durchs Römhilder Tor in Hildburghausen. Darin zwei Passagiere, die für die nächsten Jahrzehnte insbesondere im Schloss Eishausen bei Hildburghausen ein mehr als zurückgezogenes Leben führen sollten, abgeschottet vor allen neugierigen Blicken – insbesondere der weibliche Teil dieses seltsamen Pärchens. Wer waren sie, woher kamen sie? Darüber zerbrachen sich schon im 19. Jahrhundert große Romanautoren den Kopf – darunter Alexandre Dumas und Ludwig Bechstein, dessen Roman „Der Dunkelgraf“ 1854 erschien. Er war es, der den beiden geheimnisvollen Gestalten diese bis heute wirksamen Namen gab – Dunkelgraf und Dunkelgräfin.

    Zumindest eine Identität wurde schon einige Jahre nach dem Tod des „Dunkelgrafen“ gelüftet – hinter dem Mann, den die Hildburghausener bestenfalls unter dem Namen Graf Vavel de Versay kannten, verbarg sich der holländische Diplomat Leonardus Cornelius van der Valk. Er war 1845 gestorben, acht Jahre nach der Frau, die er über 30 Jahre lang so erfolgreich vor allen Blicken der Öffentlichkeit verborgen hatte. Doch all die Papiere, die sie möglicherweise besessen oder beschrieben hatte, muss er nach ihrem Tod gründlich verbrannt haben. Ihr Rätsel blieb ungelöst, bis mit der Wende zum 20. Jahrhundert erste Spuren in Frankreich auftauchten, die den Verdacht begründeten, dass die Frau, die da im kleinen Herzogtum Sachsen-Hildburghausen so gut verborgen wurde, die Tochter des französischen Königs Ludwig XVI. gewesen sein könnte, jenes Königs, den die Franzosen 1793 guillotinierten.Überliefert ist die Geschichte, wie die 17jährige Marie Thérèse Charlotte 1795 nach ihrer Haft im Temple an der Schweizer Grenze ausgetauscht wurde gegen zwölf französische kriegsgefangene Kommissare. 1799 hat sie dann Louis-Antoine de Bourbon, Duc d’Angoulême geheiratet, Sohn des späteren Königs Karl X., der Frankreich bis zur Julirevolution 1830 regierte.

    Aber wie passt das zusammen, fragt sich der Leser, nachdem er 200 Seiten die akribische Spurensuche zu dem geheimnisvollen Paar in Hildburghausen verfolgt hat. Und nun auf einmal große Weltgeschichte und eine Szene in der Schweiz, die augenscheinlich einen zweiten Tausch verbirgt – den Austausch der echten Königstochter gegen eine halbechte: von Marie Thérèse Charlotte gegen ihre Halbschwester Ernestine de Lambriquet, von Ludwig XVI. ein halbes Jahr früher mit seiner Hofdame Philippine de Lambriquet gezeugt.

    Was noch nicht erklärt, warum dieser Austausch erfolgte und warum die großen Fürstenhäuser Europas – angefangen beim österreichischen Kaiserhaus – ein Interesse daran hatten, die echte Marie Thérèse verschwinden zu lassen. Und zwar so, dass sie auch dem Zugriff Napoleons entzogen wurde. Denn die Ermordung des Herzogs von Enghien 1804 hatte deutlich gemacht, dass Napoleon durchaus gewillt war, alle Thronambitionen der Bourbonen mit einer Gewehrsalve zu erledigen, wenn er dazu nur die Möglichkeit bekam. Aber war das der Grund für den Austausch?

    Augenscheinlich vermischen sich im Leben der Marie Thérèse viele Interessen. Neben Napoleons imperialen Interessen auch die alten Standesvorurteile des europäischen Hochadels, der zwar mit Inbrunst Kriege gegen seine lieben Vettern und Schwager auf den Thronen entfesseln konnten, aber es mit der so genannten legitimen Nachfolge genauer nahmen als die Buchhalter. Und Marie Thérèse scheint hier nicht nur zum Spielball ihrer Gefängniswärter im Temple geworden zu sein, die sie wahrscheinlich schwängerten und damit als Braut für den europäischen Hochadel unmöglich machten. Ihre Erniedrigung schloss sie nun auch aus den Machtspielen der Habsburger und Bourbonen aus, die mit ihrer Halbschwester zumindest einen Ersatz bei der Hand hatten. Auch wenn nicht wirklich zu durchschauen ist, wie der Tausch genau vonstatten ging und wer die Fäden zog.

    Bevor das geheimnisvolle Paar in Hildburghausen auftauchte, irrte es mehrere Jahre durch Europa. In Hildburghausen genossen die beiden augenscheinlich den Schutz der Herzöge von Sachsen-Hildburghausen. Wichtige amtliche Dokumente, die auch damals für jeden normalen Reisenden fällig wurden, fehlen. Nicht einmal beim Torwächter mussten sie sich registrieren lassen. Und über die 1837 gestorbene Frau in seiner Obhut gab van der Valck auch später keine Auskunft. So namenlos wie sie lebte, wurde sie beerdigt.

    Das ist dann wirklich Rätselstoff für Amateurforscher, die über die Jahrzehnte Puzzlestein um Puzzlestein zusammentrugen. Mit dem 1991 veröffentlichten Buch „Das Rätsel der Madame Royale“ von Friedrich Ernst Prinz von Sachsen-Altenburg nahm der Salier-Verlag die Geschichte nach der „Wende“ wieder auf und konnte mit Helga Rühle von Lilienstern auch eine Frau als Autorin gewinnen, die sich mit dem Stoff über Jahrzehnte so intensiv beschäftigt hat wie kaum ein Zweiter. Das Taschenbuch ist auch ein Geburtstagsgeschenk für die Autorin, die im Oktober ihren 100. Geburtstag feierte.Ein Rätsel freilich bleibt am Ende – und dafür hat van der Valck gesorgt: Er hat wohl alle persönlichen Äußerungen, die die im Hildburghausener Exil lebende Königstochter möglicherweise niedergeschrieben hat, vernichtet. So wie er zu ihren Lebzeiten alle Dokumente unter Kontrolle behielt, die von ihrer Existenz erzählen konnten, so sorgte er nach ihrem Tod auch dafür, dass die eigentliche Heldin der Geschichte dazu nichts mehr sagen kann.

    Vielleicht im Interesse all der involvierten Fürstenhäuser, von denen einige wohl recht spendabel dieses luxuriöse Exil finanzierten, denn über Geld verfügte der „Dunkelgraf“ immer in reicher Menge.

    Dass sich einige Schicksale quasi im Dunkel der Geschichte verlieren, kann man selbst im Wikipedia-Artikel zu Marie Thérèse nachlesen, wo auch der Mythos um Ernestine de Lambriquet noch einmal aufgegriffen wird und sogar eine doppelte Vertauschung möglich erscheinen lässt.

    Womit dann auch – wieder ein Stoff für spannende Romane – völlig unklar ist, wer dann nun in die Rolle der „Madame Royale“ schlüpfte. Die Erziehung dazu hatte die ausgewählte Person jedenfalls. Und das höchste Lob spendete ihr später Napoleon, der sie für den einzigen richtigen Mann unter all den bourbonischen Hasenherzen hielt.

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    Das große Geheimnis
    von Hildburghausen

    Helga Rühle von Lilienstern; Hans-Jürgen Salier, Salier Verlag 2012, 16,00 Euro

    Ganz aufgedröselt ist das Rätsel also noch nicht. Man merkt beim Lesen, wie viele ungeklärte Fragen es noch gibt. Aber anders als so viele der üblichen Volksmythen hat diese Geschichte eine recht nachvollziehbare historische Basis. Nur das wichtigste Rätsel wird wohl bleiben: Warum schickte sich die junge Frau in dieses im Grunde freiwillige Exil bis an ihr Lebensende und fand sich auch mit der kompletten Abschottung von ihrer nächsten Umwelt ab?

    Ein „politischer Kriminalfall“, der noch nicht ganz zu Ende aufgeklärt ist. Der aber möglicherweise eine neue Wendung nimmt, wenn die vom MDR angeregte Exhumierung in Hildburghausen stattfindet und ein DNA-Vergleich zeigt, ob es sich um eine bourbonische Prinzessin handelt oder nicht.

    Der Artikel zu Marie Thérèse Charlotte de Bourbon auf Wikipedia: de.wikipedia.org/wiki/Marie_Th%C3%A9r%C3%A8se_Charlotte_de_Bourbon

    Das MDR-Projekt zur Dunkelgräfin: www.mdr.de/thueringen/sued-thueringen/dunkelgraefin110.html

    www.salierverlag.de

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