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Dienstag, 19. Januar 2021

Netzwerken auf die leckere Art: Kaffeeklatsch und Damenkränzchen

Von Ralf Julke

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    Was macht man, wenn man als Hanseatin ins tiefste Bayern verschlagen wird? Der Liebe wegen. Passiert ja alles. Ein schönes Stück Land, ein neuer Wohnort, neue Nachbarn und das Gefühl, völlig fremd zu sein. Was tun? - In den Schützenverein eintreten? - Geht meistens schief. Also sagte sich Heidi Peter: Selbst ist die Frau. Und gründete ein Kaffeekränzchen. Wer jetzt also nur Kuchen- und Tortenrezepte erwartet, wird bestens enttäuscht.

    Es gibt viel mehr. Denn dieses Buch ist ein Ratgeber für alle, die es irgendwo an Land gespült hat. Erst recht, wenn es tiefste Provinz ist, wo sich jeder kennt und immer alles schon genauso war und die alten Vorurteile Grenzen ziehen. Manchmal direkt am Gartenzaun. Das kann man sich gefallen lassen und immer die Fremde bleiben. Aber Heidi Peter hat eine gute Schule gehabt – bei ihrer Mutter, die wie so viele nach der durch den Krieg bedingten Heimatlosigkeit in Hamburg wieder Fuß fassen wollte und sich neue Netzwerke schaffen musste.

    Ein viel strapaziertes Wort – erst recht, seit es für den Schnatterspaß im Internet inflationär missbraucht wird. Zeichen dafür, dass die meisten Leute, die drüber reden, gar nicht mehr wissen, was wirklich Netzwerke sind. Und die, die es wissen, reden nicht drüber. Es gibt ja Kaffeekränzchen auf allen Ebenen, manchmal heißen sie Club oder Verein. Die Hälfte der deutschen Politik wird in solchen Klüngelrunden gemacht. Oft ist seltsam, was dabei herauskommt.

    Aber jeder macht auch im eigenen Leben die Erfahrung, dass er oder sie ohne verlässliche Netzwerke nicht über die Runden kommt. Und das die alten, einst von großen Familien geschaffenen Rückzugsräume fast nicht mehr existieren. Aber wie schafft man sich solche Netze? – Grundvoraussetzung sind – so stellt auch Heidi Peter fest – Gespräch und Vertrauen. Wen man nicht kennt, den kann man auch nicht einbeziehen. Und so machte sie es, nachdem sie sich in Haus und neue Umwelt eingelebt hatte und ihre freiberufliche Arbeit wieder in Schwung war, nach dem Vorbild ihrer Mutter daran, strategisch durchgeplant ein eigenes Kaffeekränzchen aufzubauen.Die Zutaten sind einfach: Kuchen, Torten, Kaffee, ein schön gedeckter Tisch – und eine Einladungsliste. So bunt, wie es sich jede zutraut – oder jeder, auch wenn Männer wohl eher nicht zum Kaffeekränzchen einladen. Oder doch? Irgendwie klingen Bierabende nicht nach etwas Vergleichbarem. Vielleicht findet sich ja mal ein kreativer Bursche, der die Kaffeetafel auch für Männer erfindet.

    Noch ist – wie einst im 17. und 18. Jahrhundert – das Kaffeekränzchen ein weibliches Sujet. Auch damals luden die gebildeten (Haus-)Frauen der gebildeten Bürger ihre Freundinnen und Bekannten zum Kaffee ein, um eine Art alternative Öffentlichkeit für sich zu schaffen. Denn Öffentlichkeit und gesellschaftliche Vernetzung waren auch damals zuerst eine Männerdomäne. Frauen waren da selten oder gar unerwünscht. Aus manchem Kaffeekränzchen wurde dann ein berühmter Salon, in den dann auch die Männer eingeladen werden wollten.

    So hoch hinaus muss man ja nicht planen. Aber Menschen, die man gern öfter in der Nähe haben möchte, findet man überall – Kolleginnen, Nachbarinnen, interessante Frauen aus zufälligen Begegnungen in Vereinen, auf Festen, aus Kindergarten oder Blumenladen. Gerade in ländlichen Gegenden kommt es da ja immer noch zum Plausch, man findet sich nett, lädt unverbindlich auf einen Kaffee ein – und dann? – Heidi Peter lud die Frauen, die sie gern an ihrer Tafel haben wollte, einfach ein. Unverbindlich-verbindlich. Der Termin wurde festgemacht. Wer kam, kam. Und Entschuldigungen wurden akzeptiert. Nachgefragt wurde auch. Nur wenn man weiß, warum jemand nicht kam, weiß man, ob sich eine weitere Einladung lohnt.

    Hätte alles schief gehen können. Ging augenscheinlich nicht schief. Nach zwei Jahren scheint aus der Kaffeerunde ein lebendiges kleines Netzwerk geworden zu sein. Reihum lädt man sich ein. Und wer einlädt, überrascht seine Gäste mit leckeren Kuchen, Torten, Keksen. Eine ganze Reihe davon findet man im Buch, natürlich Heidi Peters Lieblingskuchen. Samt kleinen Geschichten zu jedem Rezept, Hinweisen auch auf die diversen Unverträglichkeiten, die heutzutage immer mehr Menschen plagen. Aber ein Notizbuch ist gut – da kann man sich das alles aufschreiben und merken fürs nächste Mal. Was nicht heißt – so betont sie – dass man sich selber überfordern darf für so eine Tafel. Niemandem ist geholfen, wenn die Gastgeberin fix und fertig am Tisch sitzt, weil sie sich zu viel vorgenommen hat. Weniger ist mehr. Gute Vorbereitung und Planung hilft. Und wenn man weiß, dass die Zeit sowieso knapp wird, sollte man auf Heldinnentaten in der Küche (oder besser Backstube) verzichten und lieber leckere Sachen machen, von denen man weiß, dass man sie aus dem Effeff beherrscht.Denn Kuchen und Deko und da und dort ein kleiner Likör sind – bei aller Freude daran – nur der Rahmen für lockere Gespräche, bei denen es auch ums Kennenlernen gehen sollte, ums Einanderverstehen und um die Pflege der Freundschaft. Ein Thema, das immer wichtiger wird, je mobiler Menschen sein müssen, je öfter sie sich in neuen Landschaften einleben müssen. Kleine Erkenntnis am Rand: Man schafft durch solchen Kaffeeklatsch auch für die schon Einheimischen, die Fremdheit zu überwinden.

    Offene Frage am Rand: Würde das auch in der sächsischen Provinz funktionieren? – Wahrscheinlich. Das Prinzip ist überall dasselbe. Und so eine kleine Ahnung schwingt mit, dass man so etwas auch als schon Eingewohnter machen sollte. Vorsorglich. Weil all das Palaver über all die „social medias“ reines Marketing ist. Ein verlogener Ersatz für die wirkliche Begegnung.

    Kann ja passieren, man fühlt sich in der Kaffeerunde dann trotzdem nicht wohl. Aber das gehört dazu. Manchmal muss man ein Weilchen suchen, bis man die Menschen um sich sammelt, die einem gut tun, zu denen man auch ein körperlich spürbares Vertrauen hat.

    Und natürlich wird sich auch nicht jede Gastgeberin eine Nuss-Marzipan-Torte zutrauen und manche auch am Rhabarber-Schmand-Kuchen verzweifeln. Man muss es nur sagen. Man lernt sich ja auch über die Dinge kennen, die jemand nicht kann. Eine fast erfrischende Erkenntnis, aber es tröstet, dass man auch in Bayern die neudeutsche Perfektion nicht übertreiben muss. Wenn man diverse TV-Serien so sieht und die entsprechenden Ratgeber-Zeitschriften, wo jedes zweite Wort „perfekt“ heißt, da kann einem schon Angst und Bange werden.

    Bestellen Sie dieses Buch versandkostenfrei im Online-Shop – gern auch als Geschenk verpackt.

    Kaffeeklatsch und Damenkränzchen
    Buchverlag für die Frau 2012, 14,90 Euro

    Es gibt eine Menge Tipps, worauf man bei einem Kaffeeklatsch und seiner Vorbereitung alles so achten kann und darf – aber viele Dinge arrangiert die Gastgeberin auch vor allem für sich. Was dann wohl auch auf den Merkzettel gehört: Man tut sich selbst etwas Gutes, wenn man sich so einen leckeren Nachmittag mit gern gesehenen Gästen organisiert. Es gibt auch einen kleinen Kaffeetafel-Knigge und hinten im Buch sogar noch ein paar Ratschläge dazu, was man mit dem ganzen Kaffeesatz dann anfangen kann.

    Die Botschaft lautet eindeutig: Leute, gründet Kaffeekränzchen, netzwerkt wieder so, wie es das Herz erfreut. Mit Zitronenschnitten und Schokoladentraum. Das Buch gibt viele Anregungen und Tipps auch für all jene, die schon beim Gedanken daran in Panik verfallen.

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