Ein Dankeschön-Büchlein in Rot: Liebe Mama …

Bei Manchem wird so ein kleines Buch in diesem Jahr unter Baum liegen, im Strumpf stecken oder sogar am Baum hängen. Vielleicht sogar zwei - eins in Rot, eins in Blau. Je nachdem, wie gut sie alle sich noch vertragen, die sich da versammeln zu Kerzen, Punsch und Nüsseknacken. Auf dem Roten steht: "Liebe Mama ..." Es ist eine Sammlung von Gedichten und Zitaten für Mama, über Mama, über die Familie.
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Auch wenn es da oben im kalten Berlin ein paar Damen und Herren gibt, die Familie irgendwie immer wieder neu erfinden wollen und dafür opulente Gesetze schreiben – das Leben selbst ist ja ganz einfach. Zuerst lieben sich zwei, lernen sich vertrauen, zeugen ein Kind oder zwei, wenn das erste schon gut gelungen war, träumen von drei, heiraten oder heiraten auch nicht. Das ist wirklich unwichtig, auch wenn es ein Zeichen ist. Das in der Regel nicht viel länger hält als das, was die gestrengen Leut vor Jahren noch eine „wilde Ehe“ nannten und was zu Kaisers und Königs und Goethes Zeiten noch strafbar war. Erst recht, wenn dem auch noch Kinder entsprangen.

Aber wenn sie dann alle da versammelt sind etwas später, die Kinder selbst schon groß und mit Plänen im Kopf, manchmal sogar die ganze bunte Runde so gepatchworkt, dass manche Kinder stolz auf drei Väter und vier Mütter und sieben Omas sind, dann können sie sich alle angucken, und es ist wieder ganz einfach: Jeder hat eine richtige Mama, die sie oder ihn geboren hat. Irgendwann früher in Zeiten, als alles ganz anders war und nicht so herrlich modern wie heute. Und jeder hat, was man im Leipziger Milieu so einen Erzeuger nennt. Was impliziert, dass das nicht so dolle wichtig ist. Eher Zufall, wer nun wirklich beitragen durfte zu diesem glücklichen Produkt.Aber das Geborenwerden ist das eine. Für Manchen so schwer belastet wie es Herr Professor Freud sich mal ausgedacht hat, für andere etwas so Selbstverständliches, dass man den Gedanken, man könnte die Heimstatt, die Mama immer ist, irgendwann verlieren, ganz weit von sich schiebt. Während die junge Frau, die da die Geburtenstatistik bereicherte und den Sozialbürgermeister in Nöte brachte, erst gar nicht merkt, wie sie mit dem Kind selbst etwas anderes wird. Eine Respektsperson. Natürlich. Zuerst sorgt sie sich schrecklich, damit es dem kleinen Pummel nicht schlecht geht.

Dazu gibt es herrliche Gedichte, in denen sich Dichterinnen und Dichter auf ihre Weise für dieses Umsorgtsein bedanken. Von Goethe, von Heine und selbst von diesem rotzfrechen Kurt Tucholsky, hinter dessen Borstigkeit sich die ganze Liebe zur Mutter und ihren abgearbeiteten Händen versteckt.

Das Thema kann man auch auf den Kopf stellen. Denn wo die Kleinen die große Sorgende sehen, sieht die große Liebende diese kleinen Schwerenöter und Hitzköpfe heranwachsen. Aus der Frucht der Liebe wird eine Lebensaufgabe mit ungefähr sieben Millionen Unbekannten. Können auch ein paar mehr sein. „Kinder sind k(l)eine Engel“. Und wenn sie schon mal da sind, kommen sie natürlich auch zu Wort. Manuela (7 Jahre): „Viele Dinge können Erwachsene auch nicht besser als Kinder. Sie wollen das bloß nicht zugeben.“

Darf man sich ertappt fühlen? – Natürlich. Irgendwann sind die Knirpse sowieso so weit, dass sie sich nichts mehr vormachen lassen. Erstaunlich, dass das kein eigenes Kapitel in diesem Büchlein wurde. Vielleicht wird’s mal ein Buch. Denn die Großen wissen ja irgendwann, dass sie sich mit den kleinen Engeln richtige Raufbolde, Quälgeister und Ausprobierer ins Leben geholt haben. Das Bemuddeln wird ihnen irgendwann lästig, sie werden bockig, maulfaul, ungehobelt, widerwortig …

„Bei uns hast du das nicht gelernt!“Es gibt natürlich auch diese komischen Eltern, die irgendwie flugs mit dem Trauschein vergessen, wie das mal bei ihnen war. Die noch an Dinge wie Zucht und Ordnung glauben und eine Katastrophe für jede Kindheit sind. Man wundert sich, wie die immer wieder neu entstehen. Diese Art Eltern kommt öfter als Zeuge vor Gericht. Wenn das so gründlich schief gegangen ist, wie nie gewollt.

Und die anderen sitzen unterm Baum, sind froh, dass aus dieser jungen Frischverliebten eine geworden ist, die sie immer noch gern haben und knuddeln möchten. Die letzten Kapitel sind eigentlich eins, handeln im Grunde alle drei vom selben Grundprinzip: „…nichts geht über gute Freunde“, „… Liebe ist ein Lebenselexier“, „… wenn das Glück kommt, halt es fest“.

Das Lebenselexier ist Liebe. In jeder Form. Denn wenn man etwas lernt von Mama, dann ist es die Vielfalt der Liebe. „Wer ohne Liebe lebt, ist lebendig tot“, zitiert Barbara Brüning, die die Sammlung zusammengestellt hat, ein Sprichwort. Das haben auch Psychologen mittlerweile als Grundkonstante begriffen: Es ist die Liebe in der Kindheit, die Menschen einen festen Charakterkern gibt und sie stärkt für die Sturmwinde des Lebens. Und zwar nur die bedingungslose Liebe, das Ur-Vertrauen, das Mütter meistens geben.

Womit man wieder bei den steifen Tänzen der Damen und Herren in Berlin wäre, die sich den ganzen Tag den Kopf zergrübeln über die Bedingungen einer Familie. Und dabei glauben, sie müssten das reglementieren. Als stünde ihnen das zu. Tut es nicht. Am Anfang ist nur die Liebe. Und auf die haben sie alle keinen Einfluss. Und danach ist das, was Mama und Papa in der Lage sind, an Liebe und Vertrauen zu geben. Völlig selbstlos. Weil sie selber wissen, dass nur selbstlose Geschenke welche sind, die ihnen selbst die Freude geben, beschenkt zu sein. Manche Kinder nutzen das aus, manche wissen es gar nicht.

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Liebe Mama…
Barbara Brüning, Buchverlag für die Frau 2012, 5,00 Euro

Manche merken es, wenn sie selbst wieder Mama oder Papa sind. Dann kann man so ein kleines Buch an den Baum hängen. Vorn ist Platz für eine kleine Widmung, hinten für „… was ich dir schon immer mal sagen wollte“. Aber nur zwei Seiten. Den ganzen Rest muss man dann wohl unterm Weihnachtsbaum sagen. Zumindest, so weit man kommt, bevor man die Papiertaschentücher holen muss. Oder Mama ganz aufgeregt aufspringt, weil sie jetzt noch den Eierpunsch reinholen muss. Oder den Plumpudding aus der Röhre.

Familie ist ein Abenteuer. Wahrscheinlich bekommen die Mädchen deswegen so gern Kinder. Man weiß ja wirklich nie, was dabei rauskommt. Außer, dass es die ganze Zeit nie wirklich langweilig werden kann.


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