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Die Welt des Wissens: Das nächste Schwarwel-Paket mit Karikaturen zu den Schaumschlägereien der Zeit

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    Es passiert selbst einem schnellen Zeichner wie Schwarwel, dass ihn die Ereignisse überholen. Tag für Tag bannt er die wilden Purzelbäume der Menschheit in kleine, manchmal abgrundtief schöne Cartoons. Einmal hat er aus diesen Tageskarikaturen schon ein Buch gemacht, 2011. Jetzt liegt ein zweites vor. Das Vorwort schrieb Schwarwel im Oktober. Die Beerdigung der "FTD" hat die Drucklegung des Buches überholt.

    Denn mit der „Financial Times Deutschland“ begann 2010 seine Rückkehr zur Tageskarikatur. Die „FTD“ feierte damals ihren 10. Geburtstag mit einer Sonderausgabe, zu der sie auch die besten Karikaturisten der Republik einlud. Schwarwel gehörte dazu, war vertreten in der „FTD“, die am 22. Februar 2010 erschien – und war ganz beiläufig einen Deal eingegangen: von nun an täglich einen bissigen Kommentar zum Tagesgeschehen zu zeichnen. Für die „FTD“ und auch für andere Medien – darunter auch die Leipziger Internet Zeitung.

    Am 7. Dezember 2012 wurde die letzte gedruckte „Financial Times Deutschland“ verkauft. Die Website bietet noch einmal alles, was es zu dieser Zeitung und ihren 12 Jahren am deutschen Markt zu sagen gibt. Fast vergessen, dass es 2000 eine andere, ebenso innovative Zeitung war, die die „FTD“ seinerzeit mit berechtigter Skepsis begrüßt hatte: „Die Woche“ – 1993 gegründet – 2002 eingestellt. Aus denselben Gründen, die jetzt die „FTD“ zur Einstellung zwangen.

    Schwarwel erinnert sich in seinem Nachwort an die ermutigende Atmosphäre beim „FTD“-Geburtstag. An den Leuten, die das Blatt gemacht haben, lag’s wirklich nicht. Auch nicht an den Lesern. Während andere Zeitungen seit Jahr und Tag über Leserschwund jammern, konnte die „FTD“ in den letzten Jahren ihre Auflage über 100.000 halten, sogar noch leicht steigern. Doch sie litt unter einem anderen Phänomen, das nichts mit Leserakzeptanz und Qualität zu tun hat – mit Qualität vielleicht doch: dem Anzeigenschwund. Die Werbeumsätze sind abgewandert, dorthin, wo keine kritische Berichterstattung droht, keine Überraschung im Wirtschaftsteil, keine Hintergrundreportage. Die Werbeumsätze sind ja in Deutschland nicht wirklich gesunken. Und sie sind nicht einfach „ins Internet“ abgewandert. Dann wäre der große Wechsel des Mediums ja kein Problem.Aber die seit den 1990er Jahren installierten Manager-Generationen haben Angst – Angst vor Kritik, vor einer ernsthaften Auseinandersetzung mit ihrem Tun. Das bekamen in den letzten Jahren auch wirklich starke Medien wie „Der Spiegel“ zu spüren: Eine kritische Reportage genügt, und schon storniert ein großer Dauerkunde seine komplette Werbung. Bei den meisten Medien sorgt das dann für „Einsicht in die Notwendigkeit“. Man einigt sich und eine solche Reportage erscheint nie wieder.

    Womit man bei der Qualität wäre. Die Jungs und Mädels von der „FTD“ haben sich so wenig einschüchtern lassen wie die damals von „Die Woche“.

    Das haben sie nun davon.

    Das haben wir nun davon.

    Manches von dem Denken, das mittlerweile in die Konzernspitzen Einzug gehalten hat, hat Schwarwel ja übers Jahr gnadenlos spitz karikiert. Schon auf dem Umschlag das so sinnfällige Bild von zwei Kerlen, die eine Bank unter den Schirm schleppen, weil’s regnet: „Tut mir leid, aber wir sind nur für die Rettung der Bank zuständig.“ Eine einzige Sprechblase genügt, um das nicht nur in Bankvorständen üblich gewordene Denken zu entlarven. Es herrscht auch anderswo. Es hat die Erde wieder zu einem Ort gemacht, an dem Verantwortungslosigkeit regiert und jedem das eigene Hemd am nächsten ist. Auch wenn es ein hübsches Schwarzgeldkonto in der Schweiz ist.

    Bei etlichen Karikaturen aus Schwarwels Werkstatt fühlt man sich ins 19. Jahrhundert zurückverschlagen. Nicht nur was den Zeichenstil betrifft, der durchaus an einige der Größen etwa der französischen Pressekarikatur erinnert – an die der deutschen zum Glück nicht. Es sind die Themen, die irgendwie genauso uralt-wieder-da wirken, die Bilder kleinkarierter und von gewaltigem Ego geplagter Politiker, die sich auf dem großen Parkett benehmen, als wären sie in einem Kindergarten.Ihre Rollenspiele sind oft so durchschaubar, dass selbst ein guter Karikaturist seine Probleme hat, sie überhaupt noch einigermaßen mit biederer Würde zu zeichnen. Diesem Quäntchen Pathos, das den Mummenschanz wieder als Mummenschanz erkennbar macht. An den Größenverhältnissen kann auch Schwarwel nichts ändern: Da ist nichts groß. Das alles sind nur die Kofferträger der Burschen, die nur wieder auf den Moment warten, an dem einer ruft: Langt zu! Holt den großen Löffel raus!

    Manche langen auch zu, ohne dass einer gerufen hat. Geiz und Gier sind für diese Leute nicht nur Werbesprüche – es ist ihre Lebenshaltung. Und sie schämen sich nicht einmal mehr dafür, wenn sie beim großen Zugreifen ertappt werden. Im Gegenteil: Unverfroren reichen sie dann auch noch die Klage ein, weil ihnen irgendein Vertragswisch den Nachschlag garantiert.

    Logischerweise spielt Griechenland in diesem Band der Karikaturen, die im Herbst 2011 einsetzen und im Sommer 2012 enden, eine wiederkehrende Rolle. Es spielen auch Typen eine Rolle drin, von denen man fast das Gefühl hatte, sie seien schon ewig aus dem Rampenlicht verschwunden – aber eigentlich war der flotte Abgang des Karl Theodor von und zu gerade eben erst. Nur dass er in einem Jahr nun drei gefühlte Wiederauferstehungen erlebte, das verblüfft schon.

    Noch nicht betrauert ist in diesem Band der kleine Dschungel-Camp-Star Dirk Bach, der am 1. Oktober 2012 diese bunte Bühne für immer verließ. Hier lächelt er noch – und lädt Herrn von und zu samt seinem Anwalt ins Dschungel-Camp ein. Hier zerrt auch noch ein Nicolas Sarkozy den französischen Wahlkarren „mehr nach rechts“. Und ein Büttenprediger namens Sarrazin ernennt Frank-Walter Steinmeier zum SPD-Kanzlerkandidaten.

    In der Rückschau erweisen sich ganze Medienkampagnen als geglückte Schaumschlägerei. Von der wir künftig noch viel mehr bekommen werden, denn die meisten Leute, die von „Qualitätsjournalismus“ faseln, wollen gar keinen. Das wäre zu ernüchternd für manche Vorgänge in diesem Land. Mit Schaumschlägerei fahren sie zufriedener. Niemand nervt am Telefon mit ungewollten Fragen.

    Und der Titel reißt natürlich ein völlig neues Thema an: den Versuch einiger interessierter Kreise und Cliquen, auch das Internet zu zensieren und unter ihre Kontrolle zu bringen. Sozusagen als Einstimmung aufs nächste Jahr. Am Ende werden dann wohl die deutschen Michel und Michaelas zufrieden sein, wenn sie nur eine Gebühr dafür bezahlen müssen, dass sie sich mit verstörendem Wissen über die Allmächtigen und Allgewaltigen nicht mehr herumschlagen müssen. Wir sind der „Schönen, neuen Welt“ ein weiteres Stück näher gekommen.

    Schwarwel „Die Welt des Wissens. Zensurpedia. Karikaturen & Cartoons 2011 / 2012“, Glücklicher Montag, Leipzig 2012, 12,80 Euro

    Letztes von der „FTD“: www.ftd.de

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