Wie lebt es sich in einer europäischen Großstadt des Jahres 1999, wenn die Kriegsreporter in der Stadt ihr Quartier beziehen, weil ein großes Militärbündnis beschlossen hat, die Stadt zu bestrafen? Mit Bomben? - "Operation Allied Force" nannte sich die Aktion, in der erstmals seit dem 2. Weltkrieg auch deutsche Bomber in Aktion waren. Und unten in der friedlichen Stadt? - Frauen wie Sandra, Dragana, Sonja, Tanja ...

Das Besondere an diesem Buch: Es ist nicht in Belgrad erschienen, sondern in Zagreb, der Hauptstadt Kroatiens, einer jener Teilrepubliken, die sich aus dem jugoslawischen Staatsverband herauslösten und damit auch die zehn Jahre anhalten Krisen und Konflikte in Ex-Jugoslawien mit auslösten. Aus der Distanz der Bundesrepublik betrachtet eine einzige Folge von Souveränitätserklärungen und Kriegen, verantwortet durch das nationalistische Milosevic-Serbien. Doch schon die kleine Anmerkung auf dem Titelblatt zeigt, dass die simple deutsche Kolportation der Ereignisse so nicht stimmen kann: “Aus dem Serbokroatischen von Anke Ludewig” steht da.

Das Serbokroatische ist jene Sprache, die in all diesen kleinen Staaten im ehemaligen Jugoslawien gesprochen wird. Das Serbische, Kroatische, Bosnische und Montenegrinische, die von den entstandenen Teilstaaten seither forciert werden, sind nicht einmal Teilsprachen, sondern Varietäten des Serbokroatischen. Kein Kroate muss eine andere Sprache lernen, wenn er in Belgrad verstanden werden will. Nur sein Dialekt wird auffallen.

Aus der Sicht der Bomberpiloten ist das alles wesentlich simpler: Er bekommt seine Ziele zugewiesen, visiert an, löst die Bomben aus und dreht ab. Im besten Fall kann er davon ausgehen, dass die verantwortlichen Politiker sich vorher verantwortungsvoll mit der Sache beschäftigt haben. Aber daran darf man aus deutscher Sicht zumindest zweifeln. Wer sich erinnert: Es war ein obskurer “Hufeisenplan”, mit dem die Herren Scharping und Fischer seinerzeit einen deutschen Militäreinsatz gegen Serbien begründeten. Wirklich öffentlich wurde diese Papier nie – auch wenn Deutschland damals wochenlang genauso heftig diskutierte wie der Rest der westlichen Alliierten.

In Belgrad konnte man schon sehr genau mitverfolgen, wie da das stärkste Militärbündnis auf Erden ernsthaft darüber diskutierte, seine Bombengeschwader gegen das Land einzusetzen. Was sicher in den Gremien der Militärführung anders aufgenommen wurde als in dieser Millionenstadt an Donau und Save, in der die Heldinnen dieses Romans leben. Es ist eine moderne Großstadt, ein bisschen heruntergekommen in den letzten Jahren. Aber die Frauen, deren Alltag Ana Djokic aus intimster Nähe schildert, könnten genauso in irgendeiner anderen Großstadt West-, Nord- oder Mitteleuropas leben.

Sandra, die eine Talk-Sendung im Fernsehen moderiert und sowieso schon das Gefühl hat, dass den Bossen die Themen der Sendung so gar nicht gefallen. Ada, die versucht, mit einer kärglichen Rente über die Runden zu kommen und deren Tochter Tanja in Zagreb lebt, damit also Kroatin ist und dann, wenn sie ihre Mutter besucht, ein Visum braucht. Tanja lebt dort mit dem phlegmatischen Boris zusammen, dem sie eines Tages einen Zettel an den Badspiegel heftet, der ihm erklärt, dass sie jetzt einfach mit dem letzten Geld nach Belgrad gefahren sei – und wenn er sie liebe, solle er sie holen.

Dragana, die als Tierärztin einen großen Rinderzuchtbetrieb vor den Toren Belgrads betreut und dafür jeden Tag eine halbe Stunde Fahrt im stinkenden Vorortbus auf sich nimmt. Ihre Tochter Marina hat es nicht leicht. Nicht nur, dass sie ihre erste große Liebe mit einem Zigeunerjungen erlebt – sie ist auch noch hin und her gerissen zwischen der alleinerziehenden Mutter und dem konservativen Vater, der mit einer Krankenhausschwester eine neue Partnerschaft angefangen hat und nun auf einmal von den Erziehungsmethoden seiner Frau nichts mehr hält. Womit man bei den Männern wäre, die in diesem Buch eigentlich keine Rolle spielen.

Und wenn sie noch da sind – wie Sonjas Freund Igor – dann sehen sie in den Frauen nur Sexobjekte und lassen sie spüren, dass sie von dem, was sie tun, wenig halten. Und so überlegt auch Sonja, die von ihrem Igor immer wieder mit bösen Sprüchen verletzt wird, ob sie nicht doch besser ihre Sachen packt. Aber dann?

Gute Frage. Denn nicht nur in Serbien haben kluge, selbstbewusste Frauen ein Problem mit den Männern. Auch wenn das in diesem Fall noch durch die äußeren Bedingungen verschärft wird. Denn viel übrig geblieben ist von der wesentlich offeneren Gesellschaft des Tito-Jugoslawien nicht. Die Taikune haben die wirtschaftliche Macht übernommen, die Nationalisten die Macht in Militär und Parlament. Und das hat Auswirkungen auf die gesamte Atmosphäre im Land, die von nationalistischen Untertönen durchdrungen ist – aber auch von jener erzkonservativen Scheinheiligkeit, die jetzt wieder mit heiligem Ernst Dinge zum Tabu erklärt, die eben noch auch das Leben der Frauen freier gemacht haben.

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Das Leben der Heldinnen in diesem Buch ist kein heiles, erst recht kein romantisches. Selbst Sandra, die erfolgreiche Moderatorin, weiß, dass alle ihre Träume auf Sand gebaut sind. Und eigentlich interessiert sie auch die zunehmende Hysterie um die angekündigten Bombenabwürfe nicht sonderlich. Auf der Straße verteilen aufgeregte Frauen Anstecker mit dem Slogan “target” – dem englischen Wort für Ziel. Nur langsam dringt die Bedrohung in die Welt der Heldinnen ein, die eigentlich ganz andere Probleme haben und genug damit zu tun haben, den Tag zu überstehen, mit ihrer Einsamkeit fertig zu werden, die Konflikte mit den Männern zu bewältigen – oder zu verdrängen.

Es ist Ana Djokics Generation, die hier ins Bild kommt. Sie selbst wurde 1965 in Belgrad geboren, lebt heute in Zagreb, schreibt Romane, Kinder- und Jugendbücher, Hörspiele, Theaterkritiken und Drehbücher. In ihrem Buch ist Tanja diese Weltenwandererin. Was sie nicht glücklicher macht. Aber dieses intensive Fragen nach dem Glück macht den Roman dicht, füllt ihn bis obenhin mit Sehnsüchten, Träumen, Hoffnungen, Erwartungen – die sich nicht erfüllen lassen. Nicht in diesem von der Zeit gebeutelten Belgrad, nicht mit diesen Männern, nicht in diesem Jahr, in dem emotionslose Strategen den Countdown für das Bombardement zählen.

Es ist ein lebendiges Buch, in dem die Autorin auch mit intensiver Detailtreue zeigt, dass große Erzählungen keine großartigen Kulissen brauchen. Leben ist auch im zerschundenen und billigen Hier und Jetzt ein schmerzliches Abenteuer, eine Achterbahnfahrt zwischen Hoffnung und grenzenloser Enttäuschung. Was Marina am Ende körperlich erlebt: Mit den Bomben kommt die Angst. Das beginnende Bombardement nutzt Djokic zwar, um ihre Geschichte zu beenden – doch es ist kein Theaterfinale. Es hat auch nicht wirklich eine Bedeutung für ihre Heldinnen. Auch wenn man nicht erfährt, wie es danach weitergeht.

Mit Marina und ihrem Zigeunerfreund Agim sitzt man am Fluss und Marina lacht sich all ihre Panik von der Seele: “Ich lache wie eine Blöde. Und mir kann keiner mehr was!”

Es gibt Momente, da stimmt das.

Danach kommen in der Regel drei Punkte …

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