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Wenn eine Geschichte noch nicht erzählt werden kann: Wo die Vögel schlafen

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    Kann man mit 24 Jahren eigentlich schon Romane schreiben? Hat man das Zeug dazu? Oder fehlen einem dazu eigentlich noch die Erfahrungen? - Gute Frage. Mancher Autor der Weltliteratur würde die These natürlich leicht widerlegen. Da ist auch schon der erste lange Erstling ein Meisterwerk. Es bleibt trotzdem eine recht kritische Frage - gerade weil Veröffentlichen heute so einfach geworden ist.

    Das geht digital noch flotter als auf Papier. Mit mehr als 10.000 Autorinnen und Autoren aus 89 Ländern und über 100.000 Beiträgen wirbt die Plattform e-Stories.de, die für etwas ambitioniertere Autoren sogar Dienste im Lektorat und fürs Marketing anbietet. Seit er 19 war, ist der in der Nähe von Münster lebende Sebastian Brinkmann dort aktiv, veröffentlicht dort kurze Texte. Geboren ist er in Telgte. Da denkt man natürlich an Günter Grass‘ „Treffen in Telgte“.

    Aber das ist nicht ganz die literarische Welt, in der der junge Westfale zu Hause ist. Und mit 26 ist man noch jung. Da prägen einen oft noch die Leseerlebnisse der Kindheit, all die Abenteuer-, Märchen- und Fantasy-Bücher, mit denen die Jugendbuchabteilungen heute zugestopft sind. Und wer diese Welt kennt, weiß, dass Joanne K. Rowlings „Harry Potter“-Bände mit zum Besten gehören, was die Abteilung zu bieten hat. Genauso wie die Bücher von Michael Ende oder Otfried Preußler.

    Darunter gibt es ein durchaus eindrucksvolles Reich von Autorinnen und Autoren, die mit gängigen Mustern durchaus spannend erzählen können. Und darunter steht breit und wuchtig ein Berg des Trivialen, in dem es wimmelt von Vampiren, Geistern, Prinzessinnen, verkannten Kindern aller Art, bösen Hexen, finsteren Zauberern, Drachen, pfiffigen kleinen Pfadfindern, tapferen Mädchen und einsichtsvollen sportlichen Jungen, die auf der letzten Seite den immer verkannten kleinen, pickligen Jungen mit Tränen in den Augen in ihre Mannschaft aufnehmen. Wo ja kleine picklige Jungen immer hin wollen.
    Man wird all das nicht wirklich leicht los. Manche Autoren schaffen es ihr Leben lang nicht. Viele Leser ebenfalls nicht. Mancher kann von den beliebten Mustern gar nicht lassen, zieht gern immer wieder aus mit dem Helden so eines Buches, die eben noch im geschützten Raum ihres Elternhauses ein bisschen Ärger hatten und auf einmal in eine Welt geraten, in der Wölfe und Schattenmänner hausen, die Tiere sprechen und der finstere Mummelmann den Nebel über das Dorf im Wald geschickt hat, das er beherrschen will. Aber dazu braucht er die Phantasie der Kinder, denn nur wenn die Kinder an den Schwarzen Mann glauben, ist er mächtig …

    Er lebt in einer finsteren Burg, hat lauter schattenhafte Helfer, die Burg muss erobert werden, denn in der Burg hält er nicht nur die Kinder gefangen, sondern auch das Licht, ohne das er keinen Schatten hätte. Die Kinder tun sich mit den Tieren des Waldes zusammen, der Mann im Mond spielt mit. Und Rastaban, der Junge, den es in das Nebelreich verschlagen hat, zeigt sich dabei nicht nur als tapferer, mutiger Junge, der erfolgreich gegen den Mummelmann und seine Schattenmänner kämpft, er kommt dabei auch dem Problem auf die Spur, das ihn eigentlich quält …

    Es ist wirklich nicht leicht, sich aus diesen Erzählmustern zu lösen. Erst recht nicht aus diesem Muster vom tapferen Jungen, der im Kampf gegen einen bösen, mächtigen Widersacher nicht nur Freunde findet, sondern am Ende auch die tiefe Erkenntnis über sich selbst … übrigens ein ur-amerikanisches Muster. Die Hälfte aller Hollywood-Filme lebt von diesem Muster.

    Hinter der Fantasy-Geschichte steckt hier eigentlich eine Abschiedsgeschichte. Deswegen heißt das Buch dann auch „Wo die Vögel schlafen“ und nicht „Rastaban besiegt den Mummelmann“.

    Und Abschiedsgeschichten sind keine leichten Geschichten. Sie haben mit tiefen Gefühlen von Schuld, Trauer und Verunsicherung zu tun. Erst recht, wenn Kinder so etwas erleben. Und da braucht es wohl tatsächlich die große Erfahrung eines reiferen Lebens, um das stimmig und plastisch erzählen zu können. Manchmal stört dann einfach auch all das, was man da so in jungen Jahren in sich hineingelesen hat. Der Kopf ist voller Gestalten, flotter Dialoge, romantischer Kulissen. Sie sind ja auch noch durch Kino und Fernsehen omnipräsent. Da ist es nicht leicht, sich so herauszunehmen, wie es ein Roman eigentlich braucht – und auch das Eigene zu trennen vom Angelesenen, Gehörten und Gesehenen. Denn was so überbordend allgegenwärtig ist, das sind ja die einfachen Stereotype, die simplen Muster für eine Welt voller Helden.

    Aber so ist ja das Leben nicht. Das Erzählenswerte schon gar nicht. Die Nuancen merkt man erst, wenn man sich wirklich herausnimmt und das Dauergeplapper abstellen kann – was heute noch viel schwieriger ist als im letzten oder vorletzten Jahrhundert. Aber zugegeben sei: Die Zeit und die Konzentration wird kaum noch jemandem gewährt. Und die Leichtigkeit, mit der man heute Texte veröffentlichen kann, verführt dazu, das Schnelle zu bevorzugen. Doch die Leichtigkeit trügt.

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    Wo die Vögel schlafen
    Sebastian Brinkmann, Einbuch Buch- und Literaturverlag Leipzig, 12,60 Euro

    In diesem Roman steckt eine gute Geschichte, die noch zu schreiben wäre. Wahrscheinlich sogar eine Kurzgeschichte. Aber die sind ja bekanntlich noch viel schwerer zu schreiben.

    Das andere ist dann eine einfache Fantasy-Geschichte, die auch ein illustriertes Kinderbuch ab 8 Jahre oder so abgeben könnte. Manchmal ist die schwerste Wahl für Autoren, sich zu entscheiden. Manchmal muss man sich diesen Ruck einfach geben: Aus eins mach zwei. Hat ja keiner gesagt, dass Schreiben ein einfaches Handwerk ist. Auch wenn es hier bestimmt schwer fällt, denn wie schreibt man die Geschichte, die einem wirklich weh tut und auf der Seele brennt? – Gerade solche Geschichten brauchen eine Menge Zeit zum Reifen.

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