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Kulturschock für einen Kulturmenschen: Wie der Thüringer Eckhard Ullrich seinen Wehrdienst in der NVA erlebte

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    Da ist die tiefe Zäsur programmiert. Ein schriftstellerisch und journalistisch ambitionierter thüringischer Abiturient wird zu Beginn der 1970er Jahre zum Wehrdienst in ein Infanterieregiment einberufen. Dienstort Rostock, Angriffsziel Hamburg. Die Briefe des Eckhard Ullrich an Eltern und Freunde sind erhalten. Sie erschienen unlängst im Berliner Links-Verlag.

    Regina hat es gut. Die gebürtige Thüringerin, Jahrgang 1953, absolvierte als junge Studentin im Spätsommer 1972 pflichtgemäß ein ZV-Lager. Aus diesem schrieb sie ihrem ehemaligen Klassenkameraden Eckhard Ullrich, dem Helden und Autoren des hier zu besprechenden Buches. Doch kein Springer-Journalist macht aus Reginas ZV-Lager-Aufenthalt eine Schlagzeile.

    Das ist bei der nahezu gleichaltrigen Angela Dorothea Kassner, heute Merkel, ganz anders. Die Bundeskanzlerin in jungen Jahren uniformiert, lächelnd und marschierend. Das war eines der „Enthüllungsfotos“ von „Bild“ in den letzten Monaten.

    So lange solche biografischen Details aus der Zeit der deutschen Teilung skandalisierend verbreitet werden, tun Zeitzeugenberichte Not. Auch jene, die die Durchmilitarisierung der deutschen Nachkriegsgesellschaften schildern.

    ZV stand für Zivilverteidigung. Und das war in der DDR mehr als Katastrophenschutz und Sanitätsdienst, sondern eben auch Teil der Landesverteidigung. Die Teilnahme an Lagern der Zivilverteidigung gehörte zum Pflichtprogramm der beruflichen und akademischen Ausbildung in der DDR. Sie schloss – ganz geschlechtergerecht – junge Frauen wie selbstverständlich ein.

    Für den männlichen Teil der Gesellschaft galt die allgemeine Wehrpflicht, seit 1962 abzuleisten in der Nationalen Volksarmee NVA, die 1956 gegründet worden war. Der Grundwehrdienst dauerte 18 Monate. Die Möglichkeit, aus Gewissensgründen einen nicht-militärischen Ersatzdienst abzuleisten, bestand nicht.Bericht aus steingrauer Vorzeit

    So sind die Jugendbriefe des Ilmenauer Literaturkritikers Eckhard Ullrich, Jahrgang 1953, ein Bericht aus steingrauer Vorzeit. Und zwar in zweifacher Hinsicht: Deutschland gab es, wie erwähnt, noch doppelt. Und beide Teile hielten sich als Frontstaaten ihrer Blöcke gegenseitig militärisch in Schach. Bei so viel antizipierter Bedrohung ließen sich die vielen Kasernen im geteilten Land nur mit Wehrpflichtigen füllen. Die gibt es seit 2011 in Deutschland auch nicht mehr.

    Einer der jungen Wehrpflichtigen in den Reihen der NVA war Eckhard Ullrich. Als Thüringer also DDR-Bürger. Der junge Abiturient ist dichterisch und journalistisch ambitioniert. Seine Gedichte schickt er regelmäßig Redaktionen und Verlagen zu. Über die Mitarbeit bei der Regionalzeitung „Freies Wort“ will er den Weg in den Journalismus finden.

    Ein Studienplatz der Journalistik an der hiesigen Universität scheint so gut wie sicher. Doch zuvor ruft das sozialistische Vaterland Eckhard Ullrich Anfang November 1971 zu den Fahnen und den Waffen.

    Für den „Kulturmenschen“ Ullrich werden die ersten Monate im Mot.-Schützenregiment 28 in Rostock zum „Kulturschock“. Nicht nur, dass für das gedruckte und geschriebene Wort in seinem Dasein als „deutscher Edelmucker“ anfänglich kaum Zeit, noch Muse sind. Der zwischenmenschliche Umgang bringt seinen Glauben an das Humane im Sozialismus doch mächtig ins Wanken.

    Ganz offenherzig schreibt der junge Eckhard darüber seinen Eltern, Freundinnen und Freunden. Denn auf Grundlage dieser Briefe soll einmal ein Tagebuch entstehen. Erst 2013 legte Ullrich das Buch vor.

    Ebenso offene Worte schickte Genosse Soldat Ullrich damals an die Redaktion des „Freien Wort“. Ullrichs potenzielle Kollegen von der SED-Bezirkszeitung mit Hauptsitz in Suhl mochten so viele freie Worte dann doch nicht. Schlussendlich wurde die Zulassung zum Journalistikstudium wieder zurückgezogen. Eckhard Ullrich wird später Philosophie studieren.

    Ullrichs Briefe zwischen November 1971 und April/Mai 1973 sind auch Stücke über das Erwachsenwerden. Sie handeln von literarischen Versuchen und dem Bemühen, diese in den Poetenzirkeln der NVA und den Redaktionen der damaligen Zeitungen und Zeitschriften an den Mann zu bringen. Sie handeln von der Suche nach dem künftigen beruflichen Weg und den Ansprüchen an das eigene Leben. Und von dem Bemühen zu lieben und geliebt zu werden. Und schließlich von der Erkenntnis, dass auch junge Männer Kartoffeln schälen können.

    Daneben gibt es ganz viel derbe Prosa über den militärischen Alltag, den Alkoholkonsum und die unter Soldaten wohl unvermeidliche Tagezählerei. Die militärische Karriere des jungen Autoren ist schnell erzählt: erst die aufreibende Ausbildung zum Mot.-Schützen, also Infanteristen. Der Versetzung zu einem Baukommando an der innerdeutschen Grenze entging Ullrich wegen der West-Verwandtschaft seiner Mutter, beim Ernteeinsatz seiner Kompanie im Sommer 1972 war er auch nicht dabei. Hingegen verbrachte er mehrere Monate in Ost-Berlin, um als Flötist an der Militärparade zum 1. Mai 1972 teilzunehmen.

    Es folgte die Verwendung als Kompanieschreiber und schließlich, zum Gefreiten befördert, der Einsatz als Gruppenführer chemische Abwehr in der Stabskompanie seines Regiments. Die Entlassung aus dem Wehrdienst mit dem Dienstgrad Unteroffizier scheiterte auf der Zielgeraden an einem „Wachvergehen“.

    Kann Mütterchen in den Westen reisen?

    Briefe sind Zeitdokumente und spiegeln damit Zeitläufe. Die Teilnahme an den Weltfestspielen in Ost-Berlin im Sommer 1973 nannte Ullrich mehrfach als das erste große Vorhaben nach dem Armeedienst. Die „Anerkennungswelle“ der DDR im Zuge der Entspannungspolitik und des deutsch-deutschen Grundlagenvertrags kommentierte Ullrich positiv. Ebenso die vielen Medaillen für die DDR bei den Olympischen Sommerspielen im September 1972 in München. „Unsere Nationalhymne wird zum Hit in der guten Bundesrepublik“, schrieb er damals an seine Eltern.

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    Kulturschock NVA
    Eckhard Ullrich, Christoph Links Verlag Verlag 2013, 19,90 Euro

    Doch gut sechs Wochen später trieb Ullrich der Grundlagenvertrag zwischen der Bundesrepublik und der DDR um. „Was bringt er für unsere Familie ein? Kann Mütterchen jetzt im Falle der Fälle in Richtung Westen bzw. Norden reisen?“, fragte er sich und seine Eltern. Mütterchen durfte bald auf Westreise. Die mitgebrachte Schokolade aus dem Land des aus NVA-Sicht potenziellen Aggressors mundete dem Vaterlandsverteidiger sehr.

    Apropos Aggressor. Die damals für die Sowjetarmee und die NVA gültige Militärdoktrin formulierte als Auftrag, eben jenen Angreifer auf seinem Territorium zu vernichten. Der Thüringer Eckhard Ullrich wurde in Rostock Soldat. Seinem Regiment war als Angriffsziel Hamburg zugewiesen, wie den Briefen zu entnehmen ist.

    Erklär das mal heutigen Heranwachsenden.

    www.eckhard-ullrich.de

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