Es wird wieder ein bisschen über Aufklärung diskutiert in Leipzig. Ist sie gescheitert? Oder müssen wir sie neu denken? Ist es eine abgeschlossene Geschichtsepoche irgendwo fern im 18. Jahrhundert? Oder sind die Themen, die sich einst die Enzyklopädisten um Denis Diderot setzten, heute so aktuell wie damals? - Achja: Und was hat Aufklärung mit Mathematik zu tun?

Hans Wußing wusste es genau. Er war Mathematiker und Physiker und von 1956 bis 1992 am Karl-Sudhoff-Institut für Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften in Leipzig tätig. 2011 ist er – 84-jährig – mitten in seinem jüngsten Buchprojekt gestorben: Er wollte die Geschichte der Mathematik anhand ihrer wichtigsten Persönlichkeiten und in den großen gesellschaftlichen Entwicklungsphasen erzählen. Vorausgegangen war 2008 der große Band “6.000 Jahre Mathematik. Eine kulturgeschichtliche Zeitreise”. Das war eher etwas für die Experten. Für all jene, die sich erstmals oder eher spielerisch mit der Geschichte der Mathematik beschäftigen wollen, hat er eine kleine, vierbändige Reihe konzipiert, im Taschenformat und mit Briefmarken aus aller Welt illustriert, die sich mit den großen Sternstunden der Mathematik und mit ihren berühmten Vertretern beschäftigen.

Zwei Bändchen hat er noch bis zur Veröffentlichung betreuen können. Die Manuskripte für die beiden anderen Bändchen hatte er 2010 noch vollendet. Einen davon – “Von Pythagoras bis Ptolemaios” – hat Menso Folkerts 2012 dann zur Veröffentlichung gebracht. Jetzt folgt das vierte Bändchen, das eigentlich das dritte ist. Vielleicht ist es sogar das spannendste, denn es umfasst genau jene zwei Jahrhunderte, in denen unsere moderne Gesellschaft geboren wurde – das 17. und das 18. Jahrhundert. Es war die Zeit einer wissenschaftlichen Revolution, in der sich die Wissenschaften von ihren mittelalterlichen Wurzeln lösten, in der die technische Entwicklung Fahrt aufnahm und in der nicht nur die ersten Akademien und wissenschaftlichen Zeitschriften entstanden.
Denn wenn man das Denken aus seinen religiösen Bindungen löst, hat das Folgen. Revolutionäre Folgen. Denn wenn man beginnt, die Welt zu erforschen und ihre Zusammenhänge mit mathematischen Formeln zu beschreiben, dann bleibt für Glauben bald wenig Platz. Dann werden Kräfte freigesetzt, nicht nur mechanische. Wußing erinnert daran, dass das gewaltige Projekt der Großen Französischen Enzyklopädie anfangs eher gedacht war als ein umfassender Versuch, das Wissen und die technischen Entwicklungen der Zeit zu versammeln. Doch wenn erst einmal begonnen wird, alles Wissen zu sammeln, kann man gesellschaftliche, religiöse und politische Entwicklungen nicht ausklammern. Denn eine moderne Gesellschaft braucht auch eine moderne Politik, moderne Bürgerrechte, hohe Bildungs- und Wissenschaftsstandards. Alles hängt mit allem zusammen. Das wussten Diderot und seine Mitstreiter, die sehr bald auch der Gedanke einte, dass sie “der Entwicklung einer bürgerlichen Gesellschaft voranhelfen wollten, durch Propagierung neuer Produktionsmethoden und durch Widerlegung tief verwurzelter religiöser und gesellschaftlicher Vorurteile, alles Stoßrichtungen der europäischen Moderne”.

Ein Blick auf die deutsche und die europäische Öffentlichkeit zeigt, wie aktuell das heute immer noch oder schon wieder ist. Dabei ging es Wußing ja eigentlich nur um Mathematik. Aber gerade die großen Mathematiker des 17. und 18. Jahrhunderts waren oft genug auch in anderen Wissenschaftsdisziplinen unterwegs, waren sogar regelrechte Universalgelehrte wie Gottfried Wilhelm Leibniz, Isaac Newton oder Leonhard Euler. Und trotzdem konnten sie bei den Erneuerungen der Mathematik an vorderster Spitze mithalten, beschäftigten sich keineswegs nebenbei auch mit Forschungsreisen, Astronomie und – nicht zu vergessen – den ersten echten Rechenmaschinen. So wie Wilhelm Schickard, Blaise Pascal und Leibniz, der als Erster das heute in Computern verwendete Dual-System propagierte.

Die Entwicklung der Mathematik war immer aufs engste verknüpft mit der technischen Entwicklung der Zeit, auch wenn die Kluft zwischen der Anwendung der modernsten Erkenntnisse der Wissenschaft und dem “Handwerkerstatus” in der Industrie erst im 19. Jahrhundert wirklich geschlossen wurde. Aber ganz so elitär waren die Akademien auch nicht, denn für viele Wissenschaftlicher war es selbstverständlich, auch in der Praxis zu forschen.

Natürlich erlebten auch sie Widerstände – oft genug von honorigen Kollegen, denen die kühnen Erkenntnisse dann doch zu kühn waren, und die auch ihre amtliche Position nutzten, um Entwicklungen zu bremsen, wo es ging. Und nicht jeder kluge Kopf hatte auch das Glück, leidlich gute Anstellungsverhältnisse zu finden – ein Problem insbesondere im kleinstaatlich geprägten Deutschland. Das machte insbesondere Genies wie Leibniz und Euler das Leben sauer und hat möglicherweise auch manche Forschung verhindert.

Mehr zum Thema:

Band 3 eines ambitionierten Wußing-Projektes: Von Pythagoras bis Ptolemaios
Es gibt Leute, die verschwinden mit dem …

Die Mathematik in der Industriellen Revolution: Von Gauß bis Poincaré
Dass Wirtschaft etwas mit Rechnenkönnen …

Eine 6. Auflage, überarbeitet und stark angereichert: Carl Friedrich Gauß
Es lag durchaus im Bereich des Möglichen …

Es ist schon erstaunlich, dass Deutschland im 21. Jahrhundert noch immer seine bremsende Kleinstaaterei pflegt, wo jeder Ministerialbeamte sein eigenes Finanzierungssüppchen kocht.

Wieder mit tatkräftiger Unterstützung von Wissenschaftlerkollegen ist nun auch dieser letzte Band der vierteiligen Serie fertig geworden. Ein kleines Leseabenteuer für alle, die die wichtigsten Akteure dieses Zeitalters kennenlernen und ein wenig einordnen wollen. Bis hin zur zentralen Frage, wie eng Aufklärung damals wie heute mit der Entwicklung von Wissenschaft, Technik und bürgerlicher Freiheit zusammenhängt.

Hans Wußing “EAGLE-Guide. Von Descartes bis Euler”, Edition am Gutenbergplatz Leipzig, Leipzig 2013, 14,50 Euro.

So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:

Ralf Julke über einen freien Förderbetrag senden.
oder

Keine Kommentare bisher

Schreiben Sie einen Kommentar