Die Filmkomödie "Der Baulöwe" mit Hauptdarsteller Rolf Herricht in seiner letzten Kinorolle und der unter anderem in Fischland-Darß-Zingst und in Seedorf auf Rügen gedrehte Kinderfilm "Das Herz des Piraten" nach einem Benno-Pludra-Buch genossen in der DDR Kultstatus. Als Dramaturgin oder Drehbuchautorin an beiden DEFA-Produktionen aktiv beteiligt war die 1948 in Leipzig geborene und seit 2003 in Stahnsdorf bei Berlin lebende Schriftstellerin, Drehbuch- und Hörspielautorin Gabriele Herzog.

Neben ihren Arbeiten für Film, Fernsehen und Radio hatte Herzog noch zu DDR-Zeiten auch zwei bemerkenswerte Bücher veröffentlicht. Beide sind jetzt bei der Mecklenburger Edition digital als E-Book erschienen.

Gleichsam eine digitale Wiederauferstehung erlebt ihr bereits 1984 geschriebener, aber erst im Herbst 1990 endlich erlaubter Roman “Keine Zeit für Beifall”. Das Buch thematisiert ein zu DDR-Zeiten höchst brisantes Thema – die Vorgänge um den von Partei- und Staatschef Walter Ulbricht persönlich befohlenen Abriss der Leipziger Paulinerkirche am 30. Mai 1968 und den mutigen Widerstand dagegen. Mit dem in der Edition digital erschienenen E-Book können die Leser nun noch einmal die Studentenproteste und die Manipulationen der Stadtverordneten für eine “demokratische Legitimation” dieser Kulturbarbarei authentisch nachvollziehen.Das gilt nicht zuletzt für E-Book-Verlegerin Gisela Pekrul selbst, die damals als Studentin nur wenige Meter von der Universitätskirche entfernt wohnte und deren Sprengung gutgeheißen hatte.

“Dafür habe ich mich später geschämt”, gesteht sie heute ein: “Vieles von dem, was ich später verdrängt habe, konnte ich in dem spannenden Buch nachlesen und noch einmal nacherleben.” Die Veröffentlichung von “Keine Zeit für Beifall” ist zugleich ein Versuch, diesem Herzog-Buch, dessen Auflage im Wendetrubel wohl größtenteils vernichtet wurde, späte Aufmerksamkeit und Gerechtigkeit zu verschaffen.

Auch das erste Buch von Gabriele Herzog hatte mit der Zensur zu kämpfen und durfte erst nach mehreren vom DDR-Ministerium für Volksbildung unter Margot Honecker geforderten Änderungen erscheinen. Dennoch hatte die Autorin für ihren 1985 erschienenen Erstling “Das Mädchen aus dem Fahrstuhl” den Debütpreis des Verlages “Neues Leben” erhalten. Und nach dem Verkauf von 100.000 Exemplaren war 1991 der gleichnamige DEFA-Jugendfilm gedreht worden.

Im Mittelpunkt von Buch und Film steht die Liebesgeschichte des aus bestem sozialistischem Elternhaus stammenden Schülers Frank Behrendt, der stets Klassenbester war, obwohl er kaum etwas für die Schule tun musste. Die Bekanntschaft mit Regine, dem “Mädchen aus dem Fahrstuhl”, das als Tochter eines Alkoholikers immer am Rande der Gesellschaft stand und auch in der Schule keine Anerkennung findet, löst bei ihm jedoch eine innere Opposition aus.

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Und als seine Lernverweigerung kurz vor dem Auswahlverfahren für die Erweiterte Oberschule nicht ernst genommen wird, wagt er einen damals unerhörten Schritt und macht seine Gedanken mit dem Wandzeitungsartikel “Über die Ungerechtigkeit in der Schule” öffentlich. Wird Frank trotzdem das Abitur machen können und zu seiner Jugendliebe stehen?

Die vor knapp 20 Jahren von Gisela und Sören Pekrul gegründete Edition digital hat sich seit 2011 verstärkt dem E-Book verschrieben. Als sein erstes digitales Erzeugnis hatte der Verlag 1994 die CD-ROM “Mecklenburg-Vorpommern digital” herausgebracht. Als erstes tatsächliches E-Book legte EDITION digital zur Leipziger Buchmesse 2011 “Schloss Karnitten” von Manfred Kubowsky vor. Insgesamt umfasst das E-Book-Programm 360 Titel (Stand Oktober 2013) von 72 DDR-Autoren, wie Wolfgang Held, Wolfgang Schreyer und Erik Neutsch sowie den Science-Fiction-Autoren Carlos Rasch und Karsten Kruschel. Jährlich erscheinen rund 200 E-Books neu, als Nächstes fünf Bücher des Rostocker Schriftstellers Rudi Czerwenka, der auch durch seine Fernsehschwänke wie “Antons liebe Gäste” bekannt wurde.

Nachzulesen ist das Gesamtprogramm unter: www.ddrautoren.de

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