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Baubos Ohrwurm: Ein Welten-Wanderer zwischen Mangrovenwald, Troja und der gar nicht so idyllischen Schweiz

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    Ein Schweizer namens Lawrence Lee Khui Fatt, gibt's denn das? Gibt es. Auch wenn der Name verrät: Er wurde nicht in der Heimat Wilhelm Tells geboren, sondern in Malaysia auf Borneo. 1948. In die Schweiz verschlug es ihn schon 1972. Und anfangs machte er sich als Künstler einen Namen. Aber das Dichten begleitet ihn. 1988 hat er seinen ersten Gedichtband veröffentlicht: "Süßes Schwarz". Hier ist nun der zweite - in leuchtendem Gelb.

    Was nicht heißt, dass der Schweizer jetzt die Träume seiner alten Heimat neu aufleuchten lässt. Dazu lebt er schon zu lange in der europäischen Kultur, die eine schillernde, fragmentarische, nervöse ist. Wer drin lebt, weiß es ja. Europa ist ein dissonanter Kontinent. So dissonant wie die Zeit. Deswegen sind Lees Gedichte auch keine ruhigen Naturbeschwörungen. Auch keine Lieder oder Hymnen. Eher sind sie der Welt der Aphorismen, Selbstermunterungen und Glossen verwandt. Geschrieben aus der Perspektive des Dichters. Er ist überall präsent. Was er in kurze Text-Collagen packt, ist das, was er sich so denkt bei alledem. Verstört, verwirrt. So, wie es auch anderen geht, die wachen Sinnes durch diese Welt laufen, fahren, gehetzt werden, umgeben von einem Meer fragmentarischer Informationen, die aus Lautsprechern, Zeitungen, Fernsehern, Radios prasseln.Eine Botschaft schriller als die andere. Und stets verstörend, wenn man – wie Lee – doch eigentlich nur laufen, atmen, bei sich sein möchte. Was man so Kontemplation nennen könnte, wenn es noch Raum dafür gäbe. Das, was sich auch die deutschen Romantiker so sehr ersehnten vor 200 Jahren, als das Alles erst begann, als die Welt – verglichen mit der unsrigen heute – tatsächlich noch biedermeierlich war und gerade erst begann, den Schluckauf der modernen Hatz zu bekommen. Heute gibt es nicht mal, wenn man das noch will, die Ruhe, einzukehren in sich. Wie erlebt man das in einer außer sich geratenen Welt? – „Wie Flügelschwirren / seh ich mich laufend verändert / zerrissen im Schluchzen / angstbestimmt / schwappt auf einmal Sprache / Klimahandel / In die Schwarzen Löcher meines Atems.“ (Herzklopfen)

    Stünde nicht Lees Name auf dem Umschlag, man würde gar nicht auf die Idee kommen, er käme aus dem fernen Asien. Ihm geht es wie den Eingeborenen selbst. Er kann dem Geprassel der Angst machenden Botschaften nicht entkommen. Was für Lee noch beängstigender ist, weil er mit seiner neuen Sprache auch aus der Sprachlosigkeit seiner Kindheit auftauchte. „Als ich Kind war / redeten die Wörter / nicht mit mir / und ich nicht / mit ihnen …“ (Als ich Kind war)

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    Mit der neuen Sprache der selbst gewählten Heimat hat er auch die Kultur, die Legenden und Mythen der neuen Heimat aufgesaugt. Wer jetzt fragt: „Schweiz? Mythen?“, hat recht. Es ist nicht die Schweiz. Es ist die europäische Kultur, die immer schon größer und mythischer war als jedes nationale Geschwärme. In einer Dichte, wie man sie auch von anderen Dichtern kaum kennt, ist bei Lee die Götterwelt des alten Griechenland präsent, eigentlich sogar des ganz alten – der homerischen und vor-homerischen Zeit, aus der auch Baubo stammt. Eine Zeit, in der die Götter noch im Schilf sangen und die Welt noch groß war, richtig groß. Staunenswert groß: „Das Meer ist groß / Stunden Milliarden / lassen Sterne / weinen flackern / Liebe war / das Kind, das ich bin“. (Unterbleibsel)

    Hinter den Mythen Griechenlands leuchtet natürlich der Himmel seiner Kindheit. Was ihn in eine Rolle bringt, die ebenfalls längst zum Topos der europäischen Literatur gehört: die des (Welten-)Wanderers. „Mit Ebbe und Flut / sprechen meine Vagantenfüße …“

    Ein Welten-Wanderer, der auch ein Zeiten-Wanderer ist. Hinter der lärmenden Gegenwart weiß er um die in Jahr-Milliarden aufgeschichteten Fossilien. „Salz des knochendichten Meers / riecht nach Blut / Mangrovenwurzeln …“ Womit er wieder auf Borneo ist. Oder als Seelenverwandter in den großen Hymnen Whitmans, Cardenals, Nerudas. Auch wenn er keine Hymnen schreibt. Denn er kann sich nicht wirklich lösen aus dem Gelärm der irdischen Welt. Wo er – was heute selten ist – im Toben der Provinz-Politik die ungezähmten Gestalten der Ilias sieht: „Durch Altertumswirren / vaterländischer Gemeindenacht / strahlt die wireless Wut / Agamemnons und Achills …“ In der Schweizer Provinz sieht er sie wüten, die „längst verstorbenen / epische Psychopathen“, die auch schon seine „Borneojugend“ prägten. (Frequenzen)Da reist man also um die Welt und entdeckt im idyllischen Schweizer Tal dieselben vorzeitlichen Gestalten am Werk, dieselbe blinde Draufschlägerei. Vielleicht ein bisschen gezähmt durch Anzug und politisches Understatement. Das muss man erst mal sehen. Aber recht hat er: Viel größer war ja die Welt, die die alten Griechen beschrieben, auch nicht. Da wirkten auch die Provinz-Helden riesengroß und gewaltig. Die Welt ist geschrumpft seitdem. Die epischen Psychopathen aber schlagen noch genauso blindlings drein wie bei Homer.

    Was Lee immer wieder konfrontiert mit der noch viel schrilleren Welt, die ihm aus dem Radio entgegen rauscht. Da ist er gestrandet, ein bisschen wie Robinson, an fremden Gestaden, versucht irgendwie, ein bisschen Ruhe in seinen Kopf zu bekommen, doch mitten im Gedicht kommt die Störung hereingebrandet: „sind meine Laute und Bilder / zerrieselt in Ebbe und Flut / des grollenden Börsenmeers“.

    Was dann ein ganzes kleines Buch solcher Text-Miniaturen ergibt, die selbst dem nicht auf Borneo Geborenen erstaunlich vertraut vorkommen. Denn die Welt, von der Lee erzählt, ist eine, in der es die Stille und die Verwurzelung nicht mehr gibt. Alles ist durchdrungen von immer neuen Angst machenden Nachrichten. Den Takt der Zeit geben nicht Meere, Wälder und Sternenhimmel vor, sondern ein Häuflein von Gier zerfressener Spieler, die an den Börsen alles verzocken, was nicht niet- und nagelfest ist „36 Grad Celsius / ein Mundgeruch / über Gold / Platin / Scheiße und Müll“. (Börsenödipus)

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    Baubos Ohrwurm
    Lawrence Lee, edition cetera 2013, 8,80 Euro

    In der Sehnsucht nach dem „narzisstischen Lächeln“ der Mutter steckt die Sehnsucht nach einem heileren Ort. Was bleibt, ist die Wut. Und es sind stellenweise sehr wütende Gedichte oder Gedicht-Fragmente, in denen Lee deutlich macht, dass auch dem Dichter mittlerweile die Worte fehlen für das, was mit unserer Welt angerichtet wird von Leuten, denen es nur noch ums Geld geht. Wäre er Millionär, „in zähgelenkiger unsichtbarer Hand / entrollte sich wie Van der Börses Klopapier / leichtfüßig das Gehirn“.

    Was – im schweizerischen Aarau geschrieben – ganz gewiss ein deftiger Kommentar ist zum Zeitgeschehen.

    www.ed-cetera.de

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