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Verirrt auf einem Meer der Täuschungen: Julia Veihelmanns einsame Helden in einer zu Talmi gewordenen Welt

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    Auf hoher See ist der Schiffer einsam. Und früher, als er sich mit Sextant und Kompass behelfen musste, war er noch einsamer. Erst recht, wenn der Himmel bewölkt war und die Sterne nicht zu sehen. Auf gewisse Weise geht es den Bewohnern der Gegenwart nicht viel anders. Der Vergnügungspark Deutschland ist für eine Menge Zeitgenossen nichts anderes als ein einsames Kreuzen bei bewölktem Himmel auf hoher See. Und nirgendwo ist Land in Sicht.

    Die 1984 in Stuttgart geborene Julia Veihelmann hat in Leipzig am Literaturinstitut studiert und in Berlin Asienwissenschaften und Sinologie. Dort lebt sie auch. Und das Anschauungsmaterial hat sie natürlich vor der Nase. Im Grunde macht sie es ein bisschen wie Michael Schweßinger in Leipzig: Sie studiert die Individuen um sich herum wie eine Ethnologin. Was wird aus Menschen, wenn die klassischen Lebensmodelle für sie nicht mehr funktionieren?

    Das „für sie“ muss man an dieser Stelle betonen, denn es gibt ja nach wie vor eine gut gefütterte Mittelschicht in Deutschland, die gern so tut, als sei das von ihr gelebte Lebensmodell auch für alle anderen nicht nur lebbar, sondern geradezu Gesetz. Auch wenn zur Erfüllung des Gesetzes ein paar Grundbedingungen gehören, die einem wachsenden Teil der Bevölkerung einfach entzogen werden – angefangen von einem Auskommen, mit dem man eine Familie gründen und ernähren könnte, über eine vollwertige Bezahlung all der Jobs, für die Manche jahrelang studiert haben. Wie will man ein bürgerliches Lebensmodell leben, wenn die Bezahlung nicht mehr bürgerlich ist? Und selbst Fürsorgeeinrichtungen wie das Jobcenter sich durch ein paar verlogene Reformen in Strafanstalten verwandelt wurden, die Arbeit als zumutbar definieren, auch wenn der Betroffene dafür alles hergeben muss – Sicherheit, Heimat, Familie, Freizeit. – Das steckt dann oft in solchen Vokabeln wie Mobilität und Flexibilität.Und wer nicht bereit ist, sich in dieser Maschine verschleißen zu lassen, dem geht es so wie den Protagonisten in Julia Veihelmanns Erzählungen: Sie laufen wie Falschgeld herum in den Kulissen einer schön geschminkten Welt. Die elementare Angst, einfach so von einem Loch in der Zeit oder im Alkohol zu verschwinden, ist sofort da, wenn der Held der ersten Geschichte durch die ihm gewohnte Stadtlandschaft spaziert und eines Tages erlebt, wie mitten zwischen Ruinen eine Karibik-Bar aufgebaut wird, in der sich schon beim näheren Betrachten alles als Talmi und Fälschung erweist. Der Protagonist merkt selbst, wie sehr er stört, dass auch diese falsche Karibik mitten in der Stadt nicht für ihn aufgebaut wird, sondern für andere, die noch bezahlen können für diese hingebauten falschen Träume.

    Nicht besser ergeht es der jungen Verkäuferin in der nächsten Geschichte „Strichlisten“, die selbst beim An-der-Kasse-Stehen spürt, wie falsch sie an diesem Ort ist, dass das nicht das Leben ist, das sie sich wünscht. Und im falschen Leben ist auch die Heldin der Geschichte „Schritte, Stolpern“ gelandet, eine Geschichte, in der eigentlich nichts geschieht, auch wenn die in einem verlorenen Provinzkaff Gelandete noch ein bisschen Legitimation aus ihrem Leben bezieht, wenn sie sich morgens hinaus auf die Bank an der Bushaltestelle setzt zu den drei Jugendlichen, die hier abhängen und warten, dass das Leben kommt oder vergeht oder sonstirgendetwas passiert, was sie aus ihren Schleifen holt.

    Peter und Molly sind die Rebellen in diesem Buch. Sie haben beschlossen, den ganzen Kokolores mit Liebe und Küsschen und Händchenhalten, diesen Traum des bürgerlichen Zeitalters von der absoluten Liebe, nicht ernst zu nehmen und sich darüber in gemeinsamen und zum Teil sehr rigiden Aktionen lustig zu machen. Eine Grundbedingung dafür: Selbst niemals auf dieses Märchen von der Liebe hereinzufallen und sich dem ganzen Gebalze und Geflirte zu enthalten. Aber wie das so ist mit den falschen Waren der Gegenwart: Sie waren ursprünglich alle mal echt, bevor sie den Fälschern und Hehlern in die Hände fielen. Auch die Liebe und die Verführung. Und natürlich kommt es am Ende, wie es kommen muss: Einer von beiden – in diesem Fall Peter – fällt aus der Rolle. Und die Geschichte der beiden Rebellen gegen die Talmi-Romantik ist zu Ende. Irgendwie. Denn wirklich zu Ende sind Veihelmanns Geschichten natürlich nie. Sie enden auch nie mit Pointe oder Knalleffekt, eher mit einem stillen Seufzen, das fast klingt, als wolle die Autorin noch anmerken: Ich weiß zwar nicht, warum ich das jetzt erzählt habe, aber …

    Das Erzählenswerte steckt in diesem Aber, in dem Wissen darum, dass die meisten Menschen gar keine Geschichten mehr erzählen, weil alles schon vergeben, besetzt, verkauft, reglementiert ist. Sie bewegen sich in einer durchreglementierten Welt, in der fast alles anderen Leuten gehört. Aber die Reglementierung vereinfacht ihr Leben nicht, weil das Wesentliche darin nicht mehr stattfinden kann. So wie in „Sieben Seen“, wo dann das Zitat mit der Navigation zu finden ist, die schon im Meer der Zweisamkeit versagt.Da bleibt dann eigentlich nur noch, die Geschichten zu erzählen, die im geregelten Weltgefüge nicht mehr stattfinden. So wie es Sophie in „Heldinnen“ tut, fleißig, gut organisiert, aber weit davon entfernt, die Emotionen der Kioskgeschichten, die sie emsig herunterschreibt, auch nur im Ansatz zu empfinden. Schon der Ort ihres Arbeitens scheint ein Ort der Scham zu sein, an den sie sich am liebsten ungesehen schleicht. Ein recht klares Bild für die Gefühlswelt und die Beklemmungen, die Veihelmanns verirrte Heldinnen und Helden erleben: Zwischen sich und der Wirklichkeit haben sie ganze Labyrinthe trister Mauern, Gänge und Treppen und kalter Flutlichtbeleuchtung. Eine verwandte Seele ist nicht zu sehen, ein erfülltes Leben, über das man nicht mehr nachdenken muss, nicht erreichbar. Dafür blüht die Phantasie und das Nicht-Gelebte übersteigt sich in deftigen Geschichten für Groschenhefte. Die selbst im digitalen Zeitalter nicht vom Aussterben bedroht sind, im Gegenteil: Sie werden wie vor 100 Jahren in Massenauflagen produziert. Und wer sich in diese Mühle der falschen Emotionen und Geschichten begeben will, der hat ein dankbares und immerhungriges Publikum sicher. Die Sehnsucht nach den großen Emotionen wird auf dem Markt des Alles-ist-käuflich bestens bedient. Wobei in diesem Fall die in der Geschichte erzählte Geschichte, die Sophie schreibt, geradezu kulminiert und überläuft in einer Fabel, die so lebensfremd ist, dass die Leser(innen) völlig abtauchen können aus dem realen Es-ist-nicht-so.

    Die beiden letzten Geschichten im Band erzählen dann weitere Beispiele missglückter Versuche, in einer von „Sparzwang“ und Anpassungsdruck geprägten Arbeitswelt Fuß zu fassen, ohne die eigenen Wünsche, Träume, Ansprüche zu verraten. Es geht in beiden Fällen schief. Ganz langsam, eher wattig. So, wie es tausende junge Menschen erleben, die nach einer langen Ausbildung versuchen, Tritt zu fassen in einer Gesellschaft, in der das Erste, was ihnen an den Kopf geknallt wird, der Spruch ist: „Wir müssen sparen.“

    Oder gleich in der Kopplung: „Wir brauchen sie eigentlich. Aber wir müssen sparen.“

    Und zeitversetzt dazu die grauen Berater in den Jobcentern, die all die Jobs, von und in denen keiner leben kann, den immer wieder Enttäuschten aufnötigen, weil sie „zumutbar“ sind.

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    Die Grundprinzipien der Navigation
    Julia Veihelmann, Reinecke & Voß Verlag 2014, 11,00 Euro

    Dieses Gefühl, dass wir in einer unzumutbaren Gesellschaft leben, taucht immer wieder auf in Julia Veihelmanns Geschichten. Und diese müden, gezeichneten Gestalten hat man alle schon gesehen. Und ihre Ratlosigkeit in diesem Meer der vergeblichen Kurssuche hat man auch schon gehört. Das ist alles nicht neu, verbindet sich aber in diesem Erzählungsband zu einem gespenstischen Reigen, aus dem auch der Erzähler der eingeflochtenen Rahmenerzählung nicht ausbrechen kann, obwohl er tatsächlich konsequenterweise eines Tages aussteigt und nur mit einem Geigenkasten voller Marschverpflegung aufbricht, um der Mühle zu entkommen. Dass er schnell ganz unten ist und sich hilflos als Obdachloser und Vertriebener wiederfindet, ist beinah schon logisch. Reuevoll kehrt er zurück und weiß doch, dass gar nichts besser wird. Dass sein Schiff auf trostloser See ohne Ziel unterwegs ist.

    Und das ist wohl das Beklemmendste, was man über das sagen kann, was für manche Leute heute der Normalzustand einer Gesellschaft ist: Sie hat kein Ziel. Und sie kann den Suchenden keines bieten. Und es hilft auch nichts, den Herumirrenden die Freiheit als Morgengabe zu versprechen, denn es ist eine Talmi-Freiheit, in der alles Ware ist und zur Ware wird. Kein tröstliches Buch, aber – bei aller Einsamkeit – ein sehr wahres.

    www.reinecke-voss.de

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