Wismar. Wer steigt denn in Wismar aus? Fährt man da nicht einfach durch, um schnellstmöglich an die schönen weißen Strände der Ostsee zu kommen? - Steffi Böttger hat's gewagt und ist am Bahnhof Wismar ausgestiegen. Denn es ist mit Wismar wie mit so mancher scheinbar kleinen Stadt im Land: Es hat eine große Geschichte. Und Klaus Störtebeker wurde hier augenscheinlich auch mal verprügelt.

1380 war das, da war der Saufaus und Seeräuber noch jung, gerade 20 Jahre alt, als ihm zwei Wismarer fünf blaue Stellen beigebracht haben. So steht es im Wismarer “Verfestungsbuch”. Danach hat Störtebeker noch 21 Jahre gelebt, bis ihn das Henkersbeil ereilte. Und da war er nicht der Einzige. 1427 wurden auch der Wismarer Bürgermeister Johann Bantzkow und der Ratsherr Hinrich von Haren geköpft auf dem Wismarer Markt. Wegen “schlechter Führung der Wismarer Schiffe gegen die dänischen Angreifer”, schreibt Steffi Böttger. Eine Granittafel zeigt heute noch, wo diese Hinrichtung stattfand. Und die heutigen Bürgermeister sollen diese Stelle angeblich tunlichst meiden. Schreibt Steffi Böttger.

Noch hat ja Leipzig keine Flotte. Aber was man so hört, ist man im Rathaus eifrig dabei, eine aus dem Boden zu stampfen und demnächst den Zugang zur Nordsee zu erzwingen mit einem entsprechend teuren Kanal. Wäre ja gelacht, wenn man’s nicht genauso wie die Wismarer könnte.Es lohnt sich also doch, nach Wismar zu fahren. Auch deshalb schon, um eine der alten Hansestädte, die auch in wesentlichen Teilen noch erhalten sind, zu besichtigen.- Und mit Rostock und Lübeck gehörte Wismar 1259 zu den drei Ur-Städten der Hanse, die sie gründeten, um endlich mal was zu tun für die Sicherung der Handelswege. Es war noch eine wilde Zeit. Da mussten die Städte ihren Reichtum schon selber sichern. Und reich waren die Hanse-Städte. Das sieht man heute noch vor allem an den Dimensionen der Wismarer Stadtkirchen St. Marien (von der nur noch der 81 Meter hohe Turm steht), St. Georgen (im 2. Weltkrieg zerstört und seit 1990 in einem “beispiellosen Aufbauprogramm”) und St. Nikolai. Alle drei gewaltige Inszenierungen in Backstein.

Wie der Reichtum einst erhandelt wurde, kann man im Hafen bewundern, wo die Poeler Kogge zu besichtigen und auch für Wasserausflüge zu nutzen ist – der Nachbau einer 1997 in der Wismarer Bucht gefundenen Kogge, die um das Jahr 1354 aus Kiefernholz gebaut wurde.

Aber das Schiff macht auch sichtbar, dass Geschichte was mit Geschichten zu tun hat. Besonders mit Geschichten, die man sich gut merken kann. Für Wismar ist das zum Beispiel die Geschichte Rudolf Karstadts, dem legendären Gründer der Karstadt AG. Auch ein gewisser Friedrich Wilhelm Voigt taucht hier auf – der später als Hauptmann von Köpenick berühmt Gewordene. Und am Markt lohnt sich die Einkehr im Haus Nr. 19 – heute ein Restaurant. Das Haus heißt Reuter-Haus und ist so benannt, weil hier zwei kluge Köpfe zusammenkamen, 1859 war das: der Verleger Dehtloff Carl Hinstorff, der neben seiner Buchhandlung auch einen Verlag gründete, und sein erster und wichtigster Erfolgsautor: Fritz Reuter, er hier seine “Läuschen un Rimels” veröffentlichte.Umberto Eco war nicht da – auch wenn ihn Steffi Böttger extra erwähnt, dafür Friedrich Wilhelm Murnau, der hier seinen “Nosferatu” drehte. Da und dort ist noch ein bisschen schwedische Geschichte zu sehen, denn von 1632 bis 1716 war Wismar schwedisch, da hat den Schweden aber auch nichts genutzt, dass sie die Stadt 1672 zur größten Festung Europas ausbauten. Das glauben immer nur die Kriegsherren, dass ihnen so eine Geldverschwendung irgendetwas nützt. 1716 kamen die Dänen und schmissen die Schweden raus. Und 1717 mussten die ganzen schönen 18 Bastionen abgetragen werden. Sehr wahrscheinlich von den üblichen Wismarer Malochern, deren Väter das Ding auch bauen mussten. Aber wie sagt man bis an die Zähne bewaffneten Rechthabern: Schert euch vom Acker!?

Am Ende wurde die Sache – ganz modern – wieder mal mit Geld geregelt. 1803 wurde Wismar für 100 Jahre und 1 Million Taler an das Großherzogtum Mecklenburg verpfändet. Und 100 Jahre später fragte keiner mehr danach.

Heute sieht man nur noch ein paar Reste der alten Stadtmauer mit dem alten Wassertor, mit dem man zum Hafen kam und kommt. Seinen Titel Hansestadt hat Wismar seit 1990 wieder. Und seit 2002 ist Wismar als alte, gut erhaltene Hansestadt Welterbe der UNESCO – mit stolzer Krämerstraße (wo die Pfeffersäcke einst ihre Kontore hatten), einem stilvollen Rathaus aus der Schwedenzeit und natürlich einem urigen Restaurant mit dem Namen “Alter Schwede”. Ganz, ganz zufällig 1380 erbaut, just in dem Jahr, in dem Klaus Störtebeker von zwei handfesten Wismarern verprügelt wurde. Zufälle gibt’s, die gibt es gar nicht.

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Wismar an einem Tag
Steffi Böttger, Lehmstedt Verlag 2014, 4,95 Euro

Was gibt’s dafür noch zu sehen in Wismar? – Eine hübsche Wasserkunst mitten auf dem Markt, eine Stadtwache, das übliche Stadtmuseum (im Schabbelhaus) und ein einzigartiges Knopfmuseum, in dem auch der älteste je in Mecklenburg gefundene Knopf zu sehen ist. Und wer sich alles angeguckt hat, kann trotzdem da bleiben, denn in der Umgebung ist es auch ganz nett – da gibt es zum Beispiel das alte Dorf Mecklenburg zu sehen, von dem Mecklenburg tatsächlich seinen Namen hat. Und mit der Fähre kommt man in einer Stunde rüber auf die Insel Poel. Und dazu sagt Steffi Böttger nur noch: “Für die Insel Poel sollte man sich Zeit lassen.” Wenn das mal keine Einladung ist.

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