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„Paranoia“ von Viktor Martinowitsch: Ein echter Big-Brother-Roman eines eindrucksvollen Autors aus Belarus

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    Es ist nicht das erste Mal, dass der Verlag Voland & Quist in seiner Reihe Sonar fündig wird und einen der wichtigen Schriftsteller Osteuropas für den deutschen Buchmarkt bekannt macht. Doch bislang fanden diese Funde vor allem im Südosten Europas statt. Jetzt ist mit Viktor Martinowitsch wohl die derzeit wichtigste Stimme Weißrusslands auf dem Markt und mit "Paranoia" ein Buch, das in der Liga von Kafka und Orwell spielt.

    Man könnte auch Garcia Marquez nennen, denn auch dessen „Der Herbst des Patriarchen“ fällt einem ein, wenn man diese Geschichte liest. Die Beklemmung ist von Anfang an da. Denn Jelisaweta ist verschwunden und verzweifelt versucht der Schriftsteller Anatoli, ihr Nachrichten zukommen zu lassen, auch wenn er eigentlich ahnt, dass es zu spät ist, dass Lisa nicht einfach nur verschwunden ist. Und von Anfang wird der Leser mitgenommen auf die Ebene derer, die mehr über Anatoli und Jelisaweta alias Gogol und die Füchsin wissen, als sie selbst. Denn die Briefe werden fein säuberlich vom allgegenwärtigen Ministerium für Staatssicherheit MSS gesammelt und ausgewertet. Der verzweifelte Schriftsteller Anatoli Newinski ist längst mitten im Beobachtungsfeld. Und auch das weiß er eigentlich. Er kennt ja sein Land und seine Stadt, die – auch wenn sie nicht beim Namen genannt wird – mit dem heutigen Minsk, der Hauptstadt Belorusslands, sehr viel Ähnlichkeit hat.

    Und auch der allmächtige Minister Murawjow wird den Bewohnern des heutigen Belarus sehr vertraut vorkommen, auch wenn Martinowitsch seinem allmächtigen Minister ein paar Züge verpasst hat, die ihn vom real existierenden Alleinherrscher der letzten quasi-sozialistischen Diktatur auf europäischem Boden doch deutlich unterscheiden, ihn wahrscheinlich sogar menschlicher und lebendiger machen. Denn er spielt nicht nur die scharfkantige Rolle des gefühllosen Diktators. Deswegen fällt einem auch Garcia Marquez ein und sein zuweilen fast liebevoller Versuch, das Seelenleben der lateinamerikanischen Diktatoren zu ergründen.Auch für Martinowitsch ist das ein wichtiger Aspekt seiner Geschichte, die gerade dadurch brisant wird, weil die geheimnisvolle Jelisaweta augenscheinlich eine Menge mit dem allmächtigen Murawajow zu tun hat. Und so ist die Liebesgeschichte des einsamen Anatoli mit Jelisaweta von Anfang an eine Ménage à trois, von der er anfangs gar nicht richtig wissen will, wie nun Lisas Beziehung zum Allmächtigen genau aussieht. Doch das hält er nicht lange durch, da gehen die Emotionen mit ihm durch, auch wenn von Anfang an der Verdacht da ist, dass das MSS auch in ihrer Liebeshöhle mithören könnte. Die Paranoia schleicht sich mitten in die intimsten Gespräche, auch wenn Anatoli gern darüber scherzt. Lebt er denn nicht in einem Land, in dem man sich sicher fühlen muss, weil die tapferen Haudegen des MSS ihre Arbeit tun und Staatsfeinde und Schädlinge schon wegfangen, bevor sie ihr Unheil anrichten können?

    Wer immer noch glaubt, das MfS sei eine Eigenkreation der DDR gewesen, der lernt hier sehr plastisch ein Pendant dazu kennen, das aus dem selben Eimer kommt. Und der heißt nun einmal KGB, auch wenn er über die Jahrzehnte immer wieder einmal seinen Namen geändert hat. Das Prinzip ist das alte, wie es unter Stalin seine Ausfeilung erlebte und bis heute in einigen Staaten des Ostens die Gesellschaft durchzieht. Das MSS ist allgegenwärtig, hat nicht nur seine Trutzburgen mitten in der Stadt stehen, sondern beherrscht auch die öffentlichen Räume. Man staunt eigentlich, wie sehr Anatoli die Allgegenwart der schwarzen Autos mit den getönten Scheiben zu verdrängen versucht. Dabei probieren Anatoli und Jelisaweta tatsächlich mit viel Phantasie, einer möglichen Überwachung ihrer Liebe zu entgehen.

    Doch während sie nach glücklichem Liebesakt im Bett über den mutmaßlich mitlauschenden Abhöroffizier flachsen, wird jedes Wort, das sie sprechen, vom MSS eifrig protokolliert – da und dort auch schon einmal abgeklopft auf die Verwertbarkeit des Materials in einem Prozess gegen Anatoli. Der Leser darf alles mitlesen und fragt sich irgendwann nicht mehr, ob das Alles vielleicht wahr ist oder nur die wilde Phantasie des Autors. Die Gegenwart – die jüngst zurückliegende und die just passierende – hat zu deutlich gezeigt, dass Geheimdienste in den Staaten dieser Zeit genau so agieren. Und zwar nicht nur die in den erbsengrünen Nachfolgediktaturen der zersplitterten Sowjetunion. Die Paranoia wirkt selbst dann vertraut, wenn man sich nicht direkt an die Schnüffelarbeit des MfS oder die Aktionen der NSA erinnert fühlt.

    Tatsächlich ist die Frage nicht, ob diese Liebe in überwachten Zeiten eine Chance auf Erfüllung hat. Eher ist die Frage: Haben die zwei eine Chance, ihre Menschlichkeit zu bewahren? Welche Spielräume lässt so ein komplett überwachtes System, in dem selbst die Überwacher konspirativ werden müssen, wenn sie ihren Freunden eine letzte Hilfe erweisen wollen? Und wo werden die Grenzen zwischen einem noch als normal gelebten Alltag und der tatsächlichen Paranoia der Überwacher fließend? Gibt es diese Grenzen überhaupt? Oder sind die Überwachten nicht selbst schon Teil des administrativen Misstrauens?Es ist, als hätte Martinowitsch hier ein Buch geschrieben, das sich scheinbar nur mit einer dieser seltsamen Rest-Diktaturen da im Osten beschäftigt (so wie sich auch Orwells „1984“ und die „Farm der Tiere“ scheinbar nur mit Stalins bedrohlichem Reich beschäftigten), aber zugleich auch eine Mahnung geschrieben für die ach so zufriedenen Bewohner der „freien Welt“, in der diverse Geheimdienste und Möchtegern-Dauer-Präsidenten ganz ähnliche Strukturen schaffen, wie sie im Murawjow-Reich der erlebte Alltag sind, mit all seinen öffentlich nicht mehr sagbaren Abgründen. Denn dass Dissidenten in Murawjows Land spurlos verschwinden können, das wissen alle Akteure in diesem Spiel. Und Anatoli gibt sich lange dem guten Glauben hin, das alles würde ihn vielleicht doch nicht betreffen. Ganz der berühmte K. aus Kafkas bizarren Geschichten.

    Der dritte Teil dieser Geschichte – schlicht betitelt „Ich“ – belehrt ihn eines Besseren und er lernt die Abgründe des Apparates kennen, an dessen Spitze dieser scheinbar so musische und zu Emotionen fähige Murawjow agiert. Und eigentlich legt Martinowitsch auch genügend Spuren, die auf den eigentlichen Täter verweisen, auch wenn gerade die Szenen, in denen er den Diktator als empfindsamen Romantiker zeigt, die verstörendsten sind. Man kann doch reden mit ihm. Er hat doch Gefühle. Sogar Verständnis kann er aufbringen …

    Martinowitsch erzählt so nebenbei, dass gerade solche Sichtweisen den Blick auf das Funktionieren solcher Machtapparate verstellen. Selbst Anatolis eigener Ermittler zeigt menschliche Seiten, Mitgefühl geradezu. Als wenn solche Systeme nur mit gefühllosen Erfüllungsgehilfen zu bauen wären, solchen Typen, wie sie am Ende Anatolis Wohnung heimsuchen, um eine Hausdurchsuchung zu inszenieren.

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    Paranoia
    Viktor Martinowitsch, Voland & Quist Verlag 2014, 24,90 Euro

    „Paranoia“ wurde gleich 2009, wenige Tage nach seinem Erscheinen in Weißrussland, verboten. Zeitgleich erschien der Roman in Russland, 2013 folgte die englische Übersetzung. Martinowitsch selbst lehrt seit 2005 Politikwissenschaften an der Europäischen Humanistischen Universität in Vilnius, wo diese eigentlich weißrussische Einrichtung seit 2004 im Exil arbeitet. Mit „Paranoia“ ist ihm nicht nur ein beklemmender Roman über das Innenleben einer wirklich totalitären Diktatur gelungen. Es ist auch eine jener Liebesgeschichten, die gerade wegen ihrer Tragik so dicht und lebendig wirken, dass ihnen ein Platz neben den großen tragischen Liebesgeschichten der Weltliteratur (einige kann Anatoli, der das ja studiert hat, aus dem ff. zitieren) gebührt. Ob das Buch da hinkommt, liegt freilich an den Lesern, die jetzt selbst entscheiden dürfen, ob diese Geschichte für sie neben „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“, „Das Geisterhaus“ oder doch eher „Doktor Shiwago“ gehört.

    www.voland-quist.de

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