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Leipzig
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Ein Lesebuch über das zukunftsweisende Programm des Leipziger Kurt Wolff Verlages

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    Es gibt Bücher, die muss man einfach machen. Sie sind überfällig. Auch für das Gedächtnis der Buchstadt Leipzig. Denn vor 100 Jahren spielte hier die Musik. Nicht für lange, für knappe elf Jahre. Aber diese elf Jahre waren für die moderne deutsche Literatur der eigentliche Zündfunke. Und dafür steht ein Mann besonders: Kurt Wolff. Man kann und sollte zwar auch den ersten Rowohlt Verlag mitrechnen, den Ernst Rowohlt 1908 gegründet hatte.

    Damals erfolgte dies mit dem Doppelstandort Leipzig-Paris. Das klang auch damals gut. Wolff wurde dann Teilhaber seines Verlages, bis beide sich 1912 zerstritten und Wolff den Verlag unter eigenem Namen weiterführte mit all den Autoren, die sich heute wie ein Katalog der Klassiker der deutschen Moderne lesen. Oder – wenn man den Blickwinkel ein wenig ändert – des deutschen Expressionismus. Der bildete kurz vor dem 1. Weltkrieg die Spitze der deutschen Literaturentwicklung. Eine Spitze, die einem Bange machen konnte, denn mit äußerster Sensibilität nahmen die jungen Autoren, die sich um den Kurt Wolff Verlag sammelten, die Untergangsängste der Zeit auf und versuchten, sie literarisch fassbar zu machen.

    Die große Psychologie des späten 19. Jahrhunderts muss noch geschrieben werden. Denn wirklich verständlich wird der lange Weg in den Weltkrieg nur, wenn man versteht, wie sehr ein ganzer Kontinent sich in Ängste und Bedrohungsszenarien hineinsteigerte. Oder hineingetrieben wurde. Denn viele Blaupausen der Vernichtungsszenarien stammen ja aus den frühen Propagandaabteilungen der modernen Armeen und den Planungsstäben der Militärs, die früher als andere wussten, wie man Propaganda zielgerichtet einsetzt. Und das ergänzte sich auf recht unheimliche Weise mit den neuen, nationalistischen Auftrumpfereien der konservativen Medien – nicht nur in Deutschland. In Frankreich und England kann man ähnliche Tendenzen beobachten.

    Und das blieb auch nicht wirkungslos für die europäische Kulturwahrnehmung, die sich ins Krude und Fürchterliche verwandelt, wenn nationalistische und rassistische Motive auf einmal in die Salons und Debatten hineinsuppen. Die Flammenbrände am Horizont bestimmten seinerzeit nicht nur die Dichtung. Sie nahm in (pseudo-)wissenschaftlichen Schriften auch philosophische und „welthistorische“ Dimensionen an. Das hat viel mit dem damals verbreiteten Empfinden zu tun, den Gipfel einer Hochkultur erreicht zu haben. Und so verglich man sich gleich mal mit dem alten Ägypten, dem Aztekenreich oder dem Römischen Reich. Oswald Spenglers „Der Untergang des Abendlandes“ erschien 1918.

    Das hatte damals eine ganz andere Dimension als das heutige Getrommel auf den Straßen. Und die jungen Männer, die da 1914 zu den Fahnen gerufen wurden, die hatten diese Endzeitstimmung tatsächlich verinnerlicht. Viele begriffen das große Gemetzel als Ende einer ganzen Epoche. Nur dass jenseits dieses Endes nicht wirklich etwas anderes zu sehen war als ein großes Flammenmeer. Und davon ist in den Texten, die seit 1913 im Leipziger Kurt Wolff Verlag erschienen, das Wesentliche spürbar. Der apokalyptische Ton ist in den Texten des Expressionismus allgegenwärtig. Deswegen liegt auch so ein Titel nahe, wie ihn Kurt Pinthus 1920 der großen Standardauswahl expressionistischer Lyrik gab: „Menschheitsdämmerung“. Kleiner machten sie es damals alle nicht.

    Über den Städten loderte das Inferno. Die grell erleuchteten Straßen waren der Schauplatz wilder Verheißungen, Enttäuschungen und des blanken Entsetzens. Wer in den Malstrom geriet, wurde verschlungen. Und die ganze gewaltige Szenerie der entfesselten Fabriken wurde regelrecht zum Höllenschlund, der die Menschen verzehrte. Dass die Broschürenserie, in der Kurt Wolff ab 1913 die Stimmen seines Verlages und der jungen, gärenden Literatur vorstellte, dann sogar „Der Jüngste Tag“ hieß, war Zufall. Zumindest zur Hälfte, denn die Worte pickte sich Kurt Wolff aus einem Gedichtband von Franz Werfel. Peter Hinke erzählt die Anekdote im Vorwort zu diesem Lesebuch, in dem er exemplarisch Autoren und Texte aus der 1913 von Wolff gegründeten Broschürenreihe vorstellt. Die begann mit einem Band von Franz Werfel, setzte sich mit einem Hasenclever-Text fort und es folgten Namen, die heute in jede ordentliche Auswahl zur deutschen Literatur zu Beginn des 20. Jahrhunderts gehören: Kafka, Hardekopf, Emmy Hennings, Carl Ehrenstein, Georg Trakl…

    In gewisser Weise ähnelt die Auswahl, die Peter Hinke vorgenommen hat, natürlich der „Menschheitsdämmerung“. Was nur logisch ist, denn hier sind die Vorläufertexte zu finden, hier ist der Grundton angestimmt. Hier tauchen auch jene Autoren schon auf, die in jungen Jahren ihre faszinierenden Texte geschrieben haben und die den Weltkrieg nicht überlebt haben. Georg Trakl starb 1914 in einem Militärhospital, Ernst Stadler wurde in der ersten Flandernschlacht 1914 von einer Granate zerfetzt, Ernst Wilhelm Lotz starb 1914 an der Aisne in Nordfrankreich. Andere überlebten den ersten Weltkrieg zwar, starben dann aber an den Spätfolgen oder wurden endgültig zu Pazifisten und gingen dann 1933 ins Exil. Wieder andere waren schon 1914 ins Exil gegangen, um am großen Morden nicht teilhaben zu müssen.

    Und von ihnen allen veröffentlichte der Kurt Wolff Verlag die ganze Zeit über – auch in der Zeit, als Kurt Wolff selbst eingezogen wurde – neue, experimentelle, anspruchsvolle Texte in der Reihe „Der Jüngste Tag“. Auf 75 Nummern entwickelte sich die Reihe bis 1919, als Kurt Wolff in Leipzig seine Zelte abbrach und nach München zog, weil er in Leipzig doch eher das Kleinbürgertum zu Hause sah, das Büchermachen vor allem als Geschäft betrieb und nicht so sehr als kulturelle Aufgabe. Bis 1921 erschienen dann noch weitere elf Nummern in München. Aber schon die „Menschheitsdämmerung“ von Pinthus hatte ja im Grunde gezeigt, dass der Expressionismus seinen Gipfel überschritten hatte. Neue Debatten in neuen literarischen Formen bestimmten das Feuilleton. Die politischen Fronten wurden schärfer und härter.

    Doch die Rückschau zeigt auch, wie lebendig der Expressionismus bis heute wirkt – unverbraucht, mutig, groß.

    Peter Hinke beschränkt sich dabei auf die in Leipzig erschienenen Texte aus „Der Jüngste Tag“, auch um Kurt Wolff ganz speziell als Leipziger Verleger-Vorbild zu würdigen. Denn sein eigenes Büchermachen sieht er ganz im Sinne von Kurt Wolff. Auch mit der „Edition Wörtersee“, in der junge, markante Texte in ästhetisch aufwendiger Gestaltung erscheinen, sieht er sich in der Tradition von Kurt Wolff. Da und dort hat er auch einen Text aus anderen Publikationen des Kurt Wolff Verlages aufgenommen, um wichtige Autoren, die im „Jüngsten Tag“ nicht veröffentlicht haben, dennoch ins Lesebuch zu bekommen.

    Der Leser bekommt so nicht nur einen Einblick in die Welt des Kurt Wolff Verlages, der mit seiner durchaus mutigen Verlegerhaltung der unangepassten, neuen Literatur seiner Zeit den Weg bahnte. Auch mit dem Wissen, wie schwer es sein würde, Autoren wie Franz Kafka erst einmal so publik zu machen, dass sie von Kritikern und Lesern auch ernst genommen wurden. Auch Kafkas Erfolg ließ auf sich warten, obwohl das Grundmotiv seines Schreibens schon vor dem Weltkrieg heftig diskutiert wurde: der unlösbare Widerspruch zwischen einer martialischen Vätergeneration und einer rebellierenden Jugend, die sich in die alten Hierarchien nicht mehr fügen wollte. Man kann die Vor- und Nachgeschichte des 1. Weltkrieges auch als eine Niederlage der Jugend lesen, die keine Chance bekam, die Welt zu verändern, doch auf den Schlachtfeldern regelrecht verheizt wurde und die Nachkriegszeit als einzige Niederlage erlebte.

    Nein, die große Psychologie der Weimarer Zeit ist auch noch nicht geschrieben.

    Deswegen ist eine Wiederbegegnung mit den Texten der expressionistischen Autoren so erhellend. Sie inszenieren die großen Themen, Lügen und Täuschungen der Zeit. Ohne Lösung. Die ist auch hier in der Regel das Versagen, der Tod, das Verschlungen- und Zermahlenwerden. Im Unterschied zur „Menschheitsdämmerung“ haben auch einige markante Prosastücke ihren Platz in der Sammlung gefunden. Und damit die Leser so einigermaßen einordnen können, welche Rolle die Autorinnen und Autoren spielten, gibt es am Ende des Buches auch noch die nötigen biografischen Angaben. Immerhin wurde aus so manchem Rebellen auch mal ein Kulturminister (Johannes R. Becher), gab es den späten Ruhm für Kafka und Lasker-Schüler oder die dreifachen Verwirrungen um Gottfried Benn, der den Nazis zu nahe kam und dennoch ein ganz spätes Zipfelchen vom Ruhm abbekam. Es haben sich auch namhafte Autoren aus dem Ausland in den „Jüngsten Tag“ verirrt – von Karel Capek bis zu August Strindberg. Nicht alle sind auch im Lesebuch zu finden, das aber trotzdem sichtbar macht, wie Kurt Wolff und sein Lektor Franz Werfel die Fäden spannen, Kontakte knüpften und so auch einen internationalen Dialog anregten, der die junge deutschsprachige Literatur in einen größeren Kontext einbrachte. Aber das war irgendwie wie heute: Die wirklich sensiblen Literaten sind intensiv in Gesprächen. Doch die politische Debatte dominieren die nationalen Eisenköpfe.

    Da versteht man schon, dass manche Leute wieder von Untergängen faseln – nur begreifen sie auch heutzutage nicht, wer eigentlich die Zündschnüre legt.

    Peter Hinke (Hrsg.) „Vom Jüngsten Tag. Ein Lesebuch des Kurt Wolff Verlages 1913 -1919“, Connewitzer Verlagsbuchhandlung, Edition Wörtersee, Leipzig 2015, 15 Euro

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