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Zittau und Herrnhut vielleicht doch lieber an mehr als einem Tag

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    Zittau – das ist auf den ersten Blick so eine Art graue Maus ganz da hinten, außen, am Rand von Sachsen. Völlig in den Schatten gespielt von Städtchen wie Bautzen oder Freiberg oder Heidenau, wo die Bürger ordentlich für Radau sorgen. Also doch lieber nach Zittau, in den äußersten Zipfel von Sachen, da, wo Sachsen wirklich international ist.

    Denn hier grenzt der Freistaat an Polen und Tschechien. Hier wurde die EU-Osterweiterung gefeiert mit einer künstlichen Brücke über die Neiße, die vielleicht einmal durch eine dauerhafte Brücke abgelöst wird. Grenzland in unterschiedlichster Form war hier schon immer. Die Herrscher wechselten – mal war es der König in Böhmen, mal der in Preußen, lange Zeit der Kaiser, denn in der Lausitz behauptete sich lange Zeit der Sechs-Städtebund mit fünf lausitzschen Städten und dem böhmischen Zittau, die hier für Ordnung und Stabilität sorgten. Das war durchaus städtische Souveränität, von der andere nur träumten, eng verbunden mit der Handelsmacht und dem Reichtum der Städte.

    Ein wenig von diesem alten Glanz ist auch in der Zittauer Altstadt noch zu besichtigen – in allerlei Barock, Klassizismus und auch dem einen oder anderen Relikt aus dem Mittelalter, das sich erhalten hat über Stadtbrände und Kriegszerstörungen. Besonderheiten sind zum Beispiel das Stadtbad aus dem 19. Jahrhundert, das die Zittauer eben nicht so ins Abseits gestellt haben wie die Leipziger das ihre, sondern aufwendig saniert und wieder in Betrieb genommen haben. Hier kann man Badefreuden erleben in gehobenem Stil. Diese kleinen sächsischen Städte sind manchmal wie gut bewahrte Botschaften aus alten Zeiten, mit Liebe gepflegt oder – weil ja 1990 alles heruntergekommen war – wieder hergestellt. Man sieht, wie sehr die Bewohner an ihrer Stadt hängen. Ein Schatzkästlein, in dem man Dinge besichtigen kann, wie sie in großen Städten wie Leipzig nicht mehr zu finden sind – wie das Museum Kirche zum Heiligen Kreuz, wo das große Zittauer Fastentuch zu sehen ist, nebenan aber auch der alte Gottesacker mit den prächtigen Grufthäusern der alten Patrizierfamilien. Dagegen ist Leipzigs alter Johannisfriedhof nur ein bescheidenes Relikt.

    Und das gewaltige Salzhaus  in der Neustadt zeigt noch heute, wie Städte im Mittelalter sich bevorrateten – anfangs wurde hier das wichtige Handelsgut Salz gelagert, später aber diente das imposante Gebäude mit dem riesigen Walmdach auch als Kornkammer, Waffenspeicher, sogar Pferdestall. Alles Dinge, die es so im alten Leipzig auch einmal gab, die aber verschwunden sind, weil die Leipziger im Abreißen und Neubauen immer flott bei der Hand waren.

    Aber auch Ähnlichkeiten findet man – wie den einstigen Mauerring, der heute zum Straßen- und Parkring geworden ist, an dem sich nur ein paar wenige Relikte der alten Stadtbefestigung erhalten haben – so wie die Fleischerbastei mit der berühmten Blumenuhr, für diesen kleinen Stadtführer pünktlich 12:28 Uhr fotografiert. Da war wohl jemand direkt zur mittäglichen Rundgangpause unterwegs.

    Man lernt aber auch, dass hier ganz und gar nicht Fuchs und Hase einander zu Abend grüßen, denn Zittau hat nicht nur ein eigenes Theater, benannt nach Gerhart Hauptmann, sondern auch eine eigene Hochschule, wenn auch gemeinsam mit Görlitz, wo 3.800 junge Leute alles Mögliche studieren von Elektrotechnik bis Umweltwissenschaften. Wenn Studienbetrieb ist, dürfte es auf den Straßen und Plätzen Zittaus durchaus etwas lebhafter zugehen. Wer aufpasst, stolpert sogar über ein Konstitutionsdenkmal, 1833 eingeweiht, was schon etwas Besonderes ist im Königreich Sachsen. Denn damit erinnern die Zittauer bis heute daran, dass Sachsen 1831 seine erste Verfassung bekam.

    Ein Denkmal, das auch daran erinnert, dass sich augenscheinlich etliche Zittauer immer wieder Gedanken gemacht haben darüber, wie ein gutes Staatswesen aussehen muss. Manchmal waren es auch Bürgermeister wie Ludwig Haberkorn, dem die Zittauer ebenfalls ein Denkmal setzten, während man andere berühmte Bürger eher suchen muss – so wie das kleine Geburtshaus des Komponisten Heinrich Marschner oder das kleine Hotel „Zittauer Hof“, beheimatet im sogenannten Prieberhaus.

    Prieber?

    War da nicht was?

    Klar: Das war der Bursche, der sein ganzes bürgerliche Dasein in Zittau zurückließ, nach Amerika auswanderte und bei den Cherokee eine richtige Kommune gründete, das „Kingdom Paradise“, das wohl auch funktionierte. Zu gut wohl in den Augen der englischen Kolonialmacht, die Prieber verhaftete und dem Traum ein Ende setze. So ist das bis heute mit den Träumen von einer besseren Gemeinschaft: Wenn’s funktioniert, kommt die Armee und sperrt die Träumer hinter Gitter.

    Ein anderer Traum konnte nahe Zittau gelebt werden, auch weil dem Grafen Zinzendorf der Grund gehörte, auf dem er Herrnhut gründete. Und mit Staat und Landeskirche einigte man sich auch. Mit Auto oder Bus kommt man binnen einer halben Stunde hin nach Herrnhut und kann das nach dem Krieg detailgetreu wieder aufgebaute Städtchen besichtigen – samt Schau-Manufaktur, wo Herrnhuter Sterne von Hand gefertigt werden. Das sind jene leuchtenden Gebilde, die schon von ganz allein Weihnachtsstimmung verbreiten. Da muss kein Weihnachtsmann in der Nähe sein. Eins der wenigen sächsischen Völkerkundemuseen gibt es dort auch, etwas anders entstanden als das Leipziger. In Leipzig sammelten sich die ganzen Sammelstücke reisefreudiger Universitätsprofessoren an, in Herrnhut die Sendungen der in alle Welt ausschwärmenden Missionare.

    Und weil man das Zittauer Gebirge quasi vor Augen hat mit allerlei zusätzlich reizvollen Ausflugszielen wie Oybin, bestätigt dieser handliche Stadtführer natürlich den Verdacht: Es lohnt sich, mal nach Zittau zu fahren. Auch wenn die Kombination mit Herrnhut und Zittauer Gebirge eher ein ganzes Wochenende füllt, wenn man gar noch hinüber ins Polnische und Tschechische möchte, ist der eine oder andere zusätzliche Tag bestimmt nicht falsch angelegt. Und eigentlich lohnen sich auch Abstecher in die anderen Städte des Sechsstädtebundes, der bis heute ein Unikum in der sächsischen Geschichte geblieben ist. Oder gar eine Anregung für künftige Tage? Dass die (großen) Städte die Verwaltung ihrer Region wieder selbst in die Hand nehmen und die Könige mal in Urlaub schicken? Denn dass sie es genauso gut können, hat der Sechsstädtebund über 200 Jahre bewiesen. Erst der Pönfall beendete diese Epoche, und auch das nur, weil die Stadtbewohner keine Lust hatten, für den Kaiser in einen sinnlosen Krieg zu ziehen.

    Thorsten Pietschmann Zittau an einem Tag, Lehmstedt Verlag, Leipzig 2017, 5 Euro.

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    https://www.l-iz.de/bildung/medien/2017/04/in-eigener-sache-wir-knacken-gemeinsam-die-250-kaufen-den-melder-frei-154108

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