Die Fotobände aus dem Lehmstedt Verlag zeigen die DDR so, wie sie seinerzeit in offiziellen Organen nicht gezeigt werden durfte, wie sie die Bewohner dieses Landstrichs aber tagtäglich erlebten – mit allen Freuden, Kargheiten und – nicht zu vergessen: Grautönen. Das Grau kam nicht nur vom Verfall der Häuser. Leipziger wissen das. Deswegen war das Buch „Leipziger Landschaften“ von 1986 eine kleine Sensation.

Denn es zeigte erstmals, wie sehr der rücksichtslose Kohlebergbau die Stadt und die Landschaft verändert hatte. Und es hatte eine zehnjährige Vorgeschichte. Denn wie so vielen Titeln, die sich mit dem realen Leben in der DDR beschäftigten, ging es auch diesem: Bis das Buch mit Beiträgen von Peter Guth und Bernd Sikora seine Druckgenehmigung erhielt, gingen zehn Jahre hin im Gezerre zwischen Verlag und Genehmigungsbehörden. Zehn Jahre, in denen der Leipziger Fotograf Norbert Vogel sich immer weiter in die Landschaften einarbeiten konnte, die hier thematisiert wurden. Sein Fundus an Schwarz-Weiß-Fotografien, die das Leipziger Umweltdilemma eindrucksvoll inszenierten, wuchs.

Wobei ihm gerade in Leipzigs Straßenschluchten entgegenkam, dass die Stadt oft unter tiefhängenden Wolken und regelrechtem Smog litt. Gerade in der kalten Jahreshälfte, wenn nicht nur die großen Fabriken ihre Essen befeuerten, sondern auch die Leipziger selbst ihre Kohleöfen anschmissen und mit miserabler Brikettqualität bestückten. Lungenkrankheiten waren ein Normalzustand. Genauso wie der rußige Ton auf Dächern und Fassaden. Es ist eher erstaunlich, dass überhaupt noch jemand das alte Leipzig unter diesen Rußschichten erkennen konnte.

Dieser häufige Smog ermöglichte Vogel natürlich, die grauen Stadtkulissen immer wieder in milchigem Licht abzubilden, das Schwere und Beklemmende dieser Stadtlandschaften deutlich zu machen, in denen er auf Menschen im Bild weitestgehend verzichtet. Die abgebildeten Brücken, Straßen, Fassaden und Abbruchgebäude werden zu Ikonen einer müden, von Zuversicht verlassenen Stadt. Selbst die Spielplätze auf Brachen, die Vogel in den Blickwinkel nimmt, wirken wie Orte im Nirgendwo, gesichtslos, zeitlos. Als wären alle Uhren stehengeblieben. Das allgegenwärtige Gefühl der Endzeit der DDR wird grau in grau sichtbar: Dieses Land war gerade dabei, einfach stillzustehen. Ein Zustand, den kein Mensch wirklich aushält.

Und den bekanntlich ja auch die duldsamen Ostdeutschen dann nicht mehr aushielten, drei Jahre nach Erscheinen des Buches.

Aber Fotograf und Herausgeber haben nur einen Teil der damals veröffentlichten Fotos übernommen. Es sollte keine Neuauflage von „Leipziger Landschaften“ werden, auch wenn dieser Band jetzt wieder „Leipziger Landschaften“ heißt. Die Texte von Guth und Sikora braucht er eh nicht mehr. Was zu erzählen ist, erzählen die Fotos, die Norbert Vogel aus dem reichen Fundus seiner damaligen Exkursionen ergänzt und erweitert hat. Denn diese sich selbst verzehrende Welt hat er auch noch bis 1990, 1992 begleitet. Die „Wende“ war ja nicht der Schlusspunkt für die Selbstzerstörung.

Die hörte erst auf, als nach und nach die alten Industriebetriebe geschlossen wurden, der Kohlebergbau bei Markkleeberg gestoppt wurde (der sich bis ins Innere der Stadt Leipzig hineinzufressen drohte) und vor allem die Haushalte in einem riesigen Modernisierungsprogramm mit moderneren Heizungssystemen ausgestattet wurden. Erst als die Schornsteine aufhörten zu qualmen, wurde Leipzigs schmuddelige Schönheit auch wieder sichtbar. Es mag Zufall sein – aber das war auch der Zeitpunkt, als die große Sanierungswelle begann und die Häuser in helle Farben gehüllt wurden. Als es normal wurde, Leipzig wieder in Farbe zu fotografieren.

Was ja vorher völlig überflüssig war. Für Grau-in-Grau reichen auch feinkörnige Schwarz-Weiß-Filme. Im Gegenteil: Sie eignen sich sogar besser, die Strukturen der Zerstörung sichtbar zu machen. Sie machen den Verfall eben nicht einfach „malerisch“, sondern sehr kontrastreich und konkret. Und es wird sichtbar, dass diese devastierte Welt ihre eigene Ästhetik hat. Der Begriff Mondlandschaften für die vom Bergbau zerfressenen Gebiete im Leipziger Süden fasst eigentlich nicht, was man da sehen kann.

Eher sind es Realität gewordene Dystopien, in denen die Hybris menschlicher Ingenieurkunst sichtbar wird: Die Anmaßung, ganze Gebirge von Erde bewegen und abtragen und umschichten zu können und dazu gigantische Maschinen zu entwickeln – und auf der anderen Seite eine von Leben entblößte Landschaft aus Abraumhalden, Schornsteinen, Qualmwolken und zum Abriss vorbereiteten Dorfkulissen. Und am Horizont wie ein Urzeittier ein gigantischer Abraumbagger, während sich unten, auf den künstlichen Erdwällen, die ewigen Pioniere längst wieder ansiedeln. Denn die Natur duldet keine leeren Räume. Birken besiedeln die künstlichen, aber instabilen Bergzüge. Erst später beginnt die Aufforstung in Reih und Glied.

Tatsächlich ist Norbert Vogel mit diesen Bildern das Porträt einer Zeit gelungen, die fast schon wieder vergessen ist, weil sie unter der Folie bunter Stadt- und Badelandschaften verschwunden ist. Mit den qualmenden Schloten ist ein ganzes Industriezeitalter zu Grabe getragen worden. Deswegen wird es auch nie wieder diese Dramatik der schwarz räuchernden Fabrikschornsteine geben, die ihren Ruß übers Land spucken, ein in schwarz-weiß gerissenes Land, in dem sich nicht nur der Fotograf klein und verlassen fühlt.

Selbst bei seinen Streifzügen bis ins Kohrener Land verschwinden die Rußschleier nicht. Und auch dort wirken die Straßen seltsam verlassen. Das Autozeitalter der rasenden 1900er ist noch nicht angebrochen. Parolen an zerschlissenen Hauswänden künden von Triumph und Niedergang einer glücklosen Gesellschaftsordnung.

Aber irgendwie sind die Bilder auch ein Menetekel. Denn Menschen lernen ja selten was draus, stürzen sich aus einem Heilsversprechen ins nächste. Und die Frage ist eher: Wer fotografiert das nun wieder in der richtigen Bildersprache, die auch in 20, 30 Jahren noch (oder wieder) gültig wird, wenn sich herausstellt, dass wieder alle gemeinsam in die falsche Richtung gelaufen sind und neue Verwüstungen entstanden sind? Die vielleicht nicht so beklemmend aussehen wie das, was der Energiehunger eines verarmten Landes am Ende angerichtet hat. Aber so ein paar Bilder aus der Ecke Kohren und Gnandstein stimmen schon nachdenklich. Denn unwillkürlich denkt man natürlich daran, was aus all diesen Fleckchen Erde wird, wenn sie ihre Bewohner verlieren.

Dann sind die Wälder und Felder zwar wieder schön grün. Aber …

Aber hier haben wir erst einmal die in eindrucksvollen Strukturen abgebildete Niederlage einer vergangenen Welt vor uns. Durchaus mit einem Hauch des „Verwunschenseins“, denn wenn die Dinge erstarren und die leeren Landschaften zurückbleiben, dann beginnt man ihn irgendwie doch zu spüren, diesen gern beschworenen Zahn der Zeit.

Norbert Vogel Leipziger Landschaften, Lehmstedt Verlag, Leipzig 2017, 19,90 Euro.

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