Der Mann, den Silbermann verklagte

Das fast vergessene Schicksal des sächsischen Orgelbauers Johann Ernst Hähnel

Für alle LeserGlaube keiner Geschichte, die einem als einzig gültige erzählt wird. Wer sich wirklich einmal mit nur einem einzigen historischen Forschungsfeld beschäftigt hat, weiß, welches Unheil oft die ersten Biografen und „Standardwerk“-Verfasser angerichtet haben. Sie haben verknappt, zugespitzt, ihr eigenes Urteil zum Maßstab gemacht und einfach mal alles weggelassen, was in ihre Heldengeschichte nicht gepasst hat. So ist es auch mit den berühmten sächsischen Orgelbauern. Da war ja nur Silbermann, oder? Denkste.

Ulrich Eichler weiß es, weil er beim Forschen in der eigenen Familiengeschichte über einen Vorfahren gestolpert ist, der an ganz seltenen Stellen in den Lexika noch erwähnt wird: den 1697 in Leubsdorf bei Augustusburg geborenen Orgelbauer Johann Ernst Hähnel, Sohn des dortigen Schulmeisters und Organisten Abraham Hähnel und seiner Frau Anna Rosina. So weit möchte manch einer erst mal kommen in der eigenen Herkunftsforschung.

Die meisten sind dann schon mit Namen und Lebensdaten zufrieden. Aber Eichler wurde erst richtig neugierig, denn die Zeit, in der Hähnel lebte – 1697 bis 1777 – war ja nun einmal auch die Zeit von Gottfried Silbermann (1683 bis 1753) und seiner berühmten Orgelbauer-Familie. Silbermann ist ja quasi der Bach unter den Orgelbauern, so allgegenwärtig, dass man zuweilen meint, in dieser Zeit hätte ganz allein der geniale Gottfried Silbermann Orgeln gebaut. Manche Kirchen scheinen ja nur deshalb berühmt, weil sie noch eine Silbermann-Orgel vorzeigen können.

Sogar Wikipedia schreibt: „Von insgesamt 50 Orgelneubauten Silbermanns sind 31 erhalten und prägen die Orgellandschaft Sachsen nachhaltig.“ Was schon das ganze Drama enthält. Und eigentlich ist der Satz auch Quatsch. Denn wer dem Link zur „Sächsischen Orgellandschaft“ folgt, bekommt erst einmal Zahlen geliefert: „Von den insgesamt etwa 2.500 Orgeln der sächsischen Kulturregion sind mehr als 130 historische Instrumente vom 17. bis 19. Jahrhundert vollständig oder größtenteils erhalten.“

Das heißt: Nur ein winziger Teil der sächsischen Orgeln sind Silbermann-Orgeln. Und sie sind deshalb erhalten, weil sich die Besitzer das sehr viel Mühe und Geld haben kosten lassen, diese Orgeln zu erhalten. Denn keine Orgel hält 300 Jahre durch. Keine. Aller 50 Jahre ungefähr muss nachgearbeitet werden, müssen Pfeifen ersetzt werden, das Spielwerk modernisiert, die Bälge erneuert usw.

Aber das ist nicht das Problem. Das Problem ist der Fokus auf Silbermann. Er hatte schon zu Lebzeiten den Ruf eines Genies. Und wer die Szene kennt, weiß: Genies können sich nicht nur die Aufträge aussuchen, sie können auch höhere Preise nehmen. Die Silbermanns waren die teuersten Orgelbauer in Sachsen. Wer sich eine Silbermann-Orgel für 20.000 Taler leisten konnte, zeigte damit, dass er reich war. So wie Freiberg, das ja quasi die Hauptstadt der Silbermann-Orgeln ist.

Und wer weiß, wie Medien funktionieren, weiß auch, wie so ein Ruf auch den Nachruhm prägt. Denn die meisten Historiker übernehmen unkritisch das, „was in der Zeitung stand“. Der Ruhm der Silbermanns zu ihrer Schaffenszeit verwandelte sich schon im 18. Jahrhundert in „ewigen Ruhm“. Was bis dahin geht, dass nachfolgende Historiker neben dem überlieferten Silbermann nichts anderes mehr gelten lassen oder die scheinbaren „Konkurrenten“ einfach abwerten. Die können ja gar nicht gut gewesen sein.

Und da ist man bei diesem Johann Ernst Hähnel, der augenscheinlich noch viel fleißiger war als Silbermann und der auch einen dreijährigen Rechtsstreit mit Silbermann aushalten musste, der ein königlichen Privileg auf den Bau eines besonderen Instruments durch Hähnel verletzt sah. Was 1731 mit einer Verurteilung Hähnels endete. Doch da er arm wie eine Kirchenmaus war, hob der König die Strafe auf. Denn damit wäre Hähnel erledigt gewesen. Wenn man das so liest, fragt man sich wirklich: Wollte sich Silbermann so nicht nur einen Konkurrenten vom Hals schaffen?

Denn Hähnels Orgelbauten wurden von Abnahmekommissionen immer als besonders gut und tauglich befunden. Hätte Hähnel nicht ein bisschen Ruhm gebraucht, um für diese Orgeln nicht nur magere 2.000, 3.000 oder 4.000 Taler nehmen zu können, sondern 20.000, so wie Silbermann?

Das Ergebnis ist eindeutig: Hähnel blieb bis zu seinem Tod bitterarm. Bei vielen Aufträgen musste er die beauftragende Gemeinde noch um Kostgeld bitten, weil er und seine Gesellen sonst beim Orgelbau nichts zu Essen gehabt hätten. Seiner Witwe hinterließ er Schulden. Und – das wird im Anhang, wo Eichler die nachweisbaren Orgelbauten seines Vorfahren auflistet – erst richtig deutlich: Er arbeitete auch noch mit über 70 Jahren, eigentlich bis zu seinem Tod. Die letzen beiden Aufträge konnte er nicht einmal mehr vollenden.

Und nicht nur die Zeitgenossen bezeugen seine exzellente Arbeit. Auch heutige Orgelbauer, wenn sie dann mal das Glück haben, eine alte Hähnel-Orgel oder Teile davon in die Hände zu bekommen, bescheinigen ihm bestes Handwerk und vor allem großen Erfindungsreichtum: Wo ihm das edle Material fehlte, improvisierte er.

Da seine Arbeitsweise überliefert ist, sind viele seiner Orgeln heute noch an ihren unverwechselbaren Gehäusen erkennbar. Und wo sie nachweislich nicht von ihm stammen, lassen sie sich in der Regel einem seiner vielen Schüler zuweisen. Und da stellt sich dann heraus, dass Hähnel eben auch noch eine eigene Orgelbauerschule begründet hat, die weit über seinen Tod hinaus fortwirkte.

Dass ihn freilich auch Zeitgenossen stark von Silbermann trennten, hat auch damit zu tun, dass seine Orgeln anders klangen, italienischer, was möglicherweise daran liegt, dass er einst bei Casparini lernte, der Anfang des 18. Jahrhunderts in Sachsen tätig war. Das ist nur eine Vermutung. Dazu hat Ulrich Eichler keine Nachweise gefunden. Vielleicht hat Hähnel auch in Böhmen sein Handwerk gelernt, sodass er auch vom sächsischen König als „Ausländer“ betrachtet wurde. Man merkt schon, welche Rolle Ressentiments in der Geschichte immer gespielt haben. Und fast immer steckten Brotneid und Konkurrenz dahinter. Das ist heute noch immer genauso.

Fast möchte man sagen: Menschen sind so.

Stimmt aber nicht. Denn die lange, lange Liste von Orgeln in Sachsen, an denen Hähnel in seinem Leben gearbeitet hat, die er erneuert oder ganz neu gebaut hat, zeigt, dass die auftraggebenden Gemeinden seine Arbeit sehr geschätzt haben. Die Kritik an Hähnel taucht nur bei einigen Autoren auf. Aber sie kann nicht dem entsprechen, was die Auftraggeber erlebten. Und das waren oft sehr kleine Gemeinden, die Eichler heute größeren Städten in Sachsen zuordnen muss, damit der Leser überhaupt eine Vorstellung darüber gewinnt, wo sie alle liegen und wie emsig die Gemeinden damals gesammelt haben müssen, um sich eine (neue) Orgel leisten zu können.

Und auch wenn es nirgendwo einen Hähnelschen Nachlass gibt, den Eichler hätte durchforsten können, zeigen allein schon die auffindbaren Rechnungen in Kirchenbüchern, wie sehr Hähnels Leben eigentlich ein ewiges Reisen war. Den Wagen mit den Werkzeugen musste er sich immer nachkommen lassen. Aber nicht nur die Gesellen waren mit ihm unterwegs, sondern auch seine Familie, was die Suche nach Geburts- und Sterbedaten von Frauen und Kindern komplizierter macht.

Die Daten, die auffindbar waren, erzählen eben doch eine ganze Menge über den Menschen. Und für Eichler ist klar, dass er mit Johann Ernst Hähnel einen außergewöhnlichen Orgelbauer gefunden hat, der sich mit einem Silbermann allemal messen konnte. Jedenfalls was Qualität und Klangerlebnis seiner Orgeln betraf.

Doch wie Menschen so sind: Wenn ihnen der Name des Orgelbauers nicht gleich klingt wie eine berühmte Marke, etwa wie „der Porsche unter den Orgeln“, dann schätzen sie das Werk in ihrem Besitz auch nicht so hoch, dass sie besonders viel Mühe in dessen Erhalt stecken. Und das, obwohl ihnen der Name Hähnel eben doch etwas hätte sagen können. Denn ein Jahr, nachdem der König Hähnel die Strafe aus dem Silbermann-Prozess erließ, beauftragte er Hähnel damit, eine (Meißner) Porzellan-Orgel und das Porzellan-Glockenspiel für das Japanische Palais zu bauen.

In zahlreichen Versuchen gelang es Hähnel zwar nicht, aus dem gerade erst erfundenen Meißner Porzellan auch wirklich stimm- und spielbare Instrumente zu bauen. Aber augenscheinlich war er derjenige, dem der König das zumindest zugetraut hätte.

Und der Prozess mit Silbermann wirft ja auch ein Streiflicht auf die Tatsache, dass Hähnel genauso wie Silbermann zeitlebens auch Saiteninstrumente baute und seine Schüler auch darin ausbildete. Nur scheint von diesen Instrumenten erst recht keines bis heute überliefert zu sein.

Aber das Fazit bleibt: Ulrich Eichler holt einen fast vergessenen begnadeten sächsischen Orgelbauer wieder in den Fokus der Wahrnehmung, stellt ihn berechtigterweise neben Silbermann und fügt der sächsischen Orgellandschaft ein Kapitel hinzu, das dort einfach nicht fehlen darf. Auch deshalb nicht, weil Hähnels Schicksal sichtbar macht, wie es sich als begabter Handwerker eigentlich lebte, wenn man seinen Namen nicht so versilbern konnte wie die Silbermanns.

Der Ruhm der Welt vergeht nämlich nicht wirklich so schnell, wie manche Dichter seufzen. Im Gegenteil. Die Mythen der Vergangenheit halten sich hartnäckig, weil meist einer nur vom anderen abschreibt und glaubt, damit was Neues über die Vergangenheit gesagt zu haben.

Da muss erst einer akribisch einem Namen nachfolgen, wie es Ulrich Eichler hier getan hat, und es taucht ein fast vergessenes Schicksal erst wieder auf.

Ulrich Eichler Der sächsische Orgelbauer Johann Ernst Hähnel, Sax Verlag, Beucha und Markkleeberg 2018, 12,80 Euro.

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