Orgeln sind meist Stolz einer protestantischen Kirchgemeinde. Die Orgelbauer Zacharias Hildebrandt und Gottfried Silbermann aus Sachsen sind weltberühmt. Sie werden so oft erwähnt, dass man den Eindruck gewinnt, es hätte immer nur zwei berühmte Orgelbauer-Dynastien in Sachsen gegeben. Doch wer baute dann die Orgeln für die vielen kleinen Dorfkirchen?

Mit der Frage hat sich Ulrich Eichler beschäftigt. Eigentlich war er Pfarrer und als solcher im Erzgebirge und in Sprengeln nahe Grimma und Dresden tätig. Aber nicht nur diese Tätigkeit brachte ihn mit Orgeln in sächsischen Kirchen in Kontakt, er hatte auch zwei Vorfahren, die Orgelbauer waren.

Nicht so berühmt wie die oben genannten, aber doch irgendwie bekannt. Denn wenn jemand über sächsische Kirchen schreibt, erwähnt er natürlich in der Regel auch die Orgel und ihren Erbauer. Denn das erzählt – genau wie der Erhaltungszustand der Kirche – eine Menge über den Reichtum und das Engagement der Kirchgemeinde.

Und daran hat sich bis heute nicht viel geändert, denn Kirchen sind oft genau das Kleinod im Dorf, um das sich die Gemeinde weiterhin kümmert, auch wenn man nicht mehr in Scharen zum Gottesdienst strömt. Man ist trotzdem stolz darauf. Und kein Pfarrer oder Gemeindevorsteher wird sagen, dass es bloß eine Hähnel-Orgel sei, die man liebevoll restaurierten ließ. Oder eine Zöllner-Orgel.

Das Leben eines Orgelbauers

Denn auch wenn der Blick in alte Rechnungen und Briefwechsel manchmal so wirkt, als hätte man nur geknausert und versucht, einen möglichst billigen Orgelbauer zu bekommen, war die Investition in eine neue Orgel für viele Kirchgemeinden in Westsachsen ein großer Kraftakt. Sie waren nie so reich wie die Kirchgemeinden im Erzgebirge. Aber sie wollten auch keine Billigorgeln.

Das wurde schon 2018 deutlich, als Eichler sein Buch über den Orgelbauer Johann Ernst Hähnel veröffentlichte, in dem schon in Konturen sichtbar wurde, wie ein sächsischer Orgelbauer im 18. Jahrhundert lebte und an seine Aufträge kam. 1778 heiratete Johann George Friedlieb Zöllner die Tochter Hähnels, Christiane Juliane.

1771 hatte er bei Hähnel seine Lehre abgeschlossen und übernahm dann 1778 auch die Werkstatt Hähnels. Und nicht nur das, wie Eichler feststellt: Er setzte auch den Stil des Meißner Orgelbaumeisters fort. Teilweise mit für die Zeit modernen Gestaltungslösungen für die Gehäuse, die Eichler durchaus überraschten – der selbst freilich die Drucklegung des Buches nicht mehr erlebte.

Dabei ist es ein wichtiges Buch, nicht nur, weil es dem Wirken eines besonders im Raum Westsachsen tätigen Orgelbauers Aufmerksamkeit verschafft. Es ist auch ein Stück sächsische Kulturgeschichte, die hier sichtbar wird – selbst da, wo nur noch der Verlust der von Zöllner gebauten Orgeln festzustellen ist.

Denn auch Orgeln sind vergänglich, müssen immer wieder gewartet und manchmal auch komplett überholt werden. Und nicht jede Kirchgemeinde entschließt sich dafür, die alte, manchmal wurmstichige Orgel noch einmal komplett aufarbeiten zu lassen. Da schafft man sich dann etwas Neues an, die alte Orgel wird verschrottet.

Auch Orgeln sind vergänglich

Manchmal sind es auch Brände und Blitzeinschläge, die die Orgel zerstören, manchmal auch geplante oder sogar vollzogene Kirchenabrisse, wie sie im mitteldeutschen Braunkohlegebiet immer wieder passierten – und damit auch für einige Zöllner-Orgeln den Totalverlust bedeuteten.

Über 30 Orgelbauten aus Zöllners Werkstatt hat Eichler finden können, die meisten freilich nur noch archivalisch oder als Reste. Sechs seiner Orgeln sind bis heute erhalten und von den Gemeinden in Kleinbardau, Höfgen, Oberlödla, Leutewitz, Königsfeld und Merkwitz liebevoll gepflegt und restauriert worden. Denn man gewinnt ja nicht nur die Schönheit des oft klassizistischen Orgelgehäuses zurück, wenn man noch einmal Geld und Fleiß in Zöllners Arbeiten investiert, sondern auch den besonderen Klang seiner Register. Was dann natürlich auch den Besuch von Orgelkonzerten in diesen Kirchen reizvoll macht.

Und natürlich muss auch das Wort „Werkstatt“ eingeschränkt werden, denn Zöllner baute die Orgeln ja nicht im Schloss Hubertusburg, wo er eine Gnadenwohnung hatte, sondern reiste mit Werkzeug und Material in die Dörfer, wo er einen Orgelauftrag bekommen hatte.

Manchmal mit Zollverwicklungen, weil sture Beamte ihm den Transport kompletter wertvoller Orgeln über Zollgrenzen unterstellten, wo er in der Regel nur Einzelteile transportierte – oder lieber von den auftraggebenden Gemeinden transportieren ließ.

Die damit manchmal auch ihre Probleme hatten, denn so dicke hatten sie es alle nicht und das spätestens mit Beginn der Napoleonischen Kriege, die dann auch den Städten und Gemeinden rund um Leipzig zu schaffen machten.

Ein Lebenswerk aus Orgeln

Wobei man – wie so oft – persönliche Dokumente vermisst. Es denkt eben doch meist niemand daran, dass solche Dokumente späteren Generationen einmal wichtig sein könnten, die natürlich nicht mehr wissen, wie es sich als Orgelbauer um 1800 in Sachsen tatsächlich lebte.

Da und dort wird es dann über Kirchenrechnungen und Streitfälle sichtbar, dass die Orgeln zwar für die Gemeinden eine teure Investition waren. Aber davon musste ja der Orgelbauer meist Material und Gesellen mitbezahlen. Er arbeitete ja nicht allein, auch wenn nur wenige seiner Mitarbeiter auch namhaft gemacht werden können.

Dafür arbeitete er in einem doch erstaunlichen Tempo, stellte fast im Jahresrhythmus neue Orgeln fertig. Was natürlich auch zeigt, wie groß der Bedarf an Kirchenorgeln damals war. Was von seinen Arbeiten noch existiert, ist mit Fotos und Erläuterungen alles aufgelistet. Manchmal auch mit den Veränderungen, die die Orgel im Lauf der Zeit erfuhr.

Und man erfährt auch, dass Zöllner nie einer Zunft angehörte, was ihn daran hinderte, seinen Namen am Äußeren der Orgel standesbewusst anzubringen. So versteckte er die Hinweise auf seine Urheberschaft auf kleinen handschriftlichen oder gedruckten Zetteln im Inneren der Orgel, sodass über diese Zettel oft erst nachweisbar ist, dass sie von Zöllner gebaut wurde.

Manchmal schaffte er auch nur, Entwürfe einreichen zu dürfen, und andere Orgelbauer bekamen den Auftrag. Aber immerhin ist so schriftlich belegt, dass er sich auch um größere und bekanntere Projekte bewarb – 1788 zum Beispiel auch um den Neubau der Orgel in der Leipziger Nikolaikirche, dabei auch freundlich empfohlen von Johann Adam Hiller, damals der erste Kapellmeister des Gewandhausorchesters. Diesen Auftrag bekamen dann freilich die Brüder Trampeli.

Wahrscheinlich fehlt noch was

Mehr Erfolg hatte er in Wittenberg, Grimma und Bitterfeld, auch wenn diese Orgeln in den dortigen Stadtkirchen heute auch nicht mehr existieren. Aber Eichlers Fleißarbeit macht sichtbar, wie viel man über einen Mann wie Zöllner und sein Wirken als Orgelbauer herausbekommen kann, wenn man sich nur akribisch auf die Suche macht.

Und die Herausgeber von Eichlers Buch – die dieses vor allem um fachliche Angaben zu den einzelnen Orgeln ergänzt haben – betonen wohl zu Recht, dass die aufgelisteten Orgeln wohl noch nicht alles sind, was zu Zöllners Schaffen im Raum um Leipzig zu finden sein könnte.

Aber schon all das, was Ulrich Eichler gefunden hat, macht ein richtiges Lebenswerk sichtbar. Etwas, was ja sonst nur richtig berühmten Leuten geschieht. Oder eben den zu Lebzeiten berühmten Orgelbauern. Während ja selbst das Leben der geschicktesten Handwerker meist spurlos vorübergeht.

Dass aber dieser Müllersohn aus Sornzig durchaus den Wunsch hatte, dass die Nachwelt sich seiner erinnern möge, das machen ja die kleinen Zettel in seinen Orgelbauten deutlich. Auch wenn er sich darin vornehmlich nur auf seinen Namen und seine Profession beschränkte.

Aber nun kommt keiner mehr an ihm vorbei, der sich in den Kirchgemeinden Mitteldeutschlands mit den zum Teil faszinierenden Orgeln beschäftigt. Und bestimmt gibt es auch bald ein paar Orgelspieler, die ihre nächste CD auf einer Zöllner-Orgel einspielen, um ihren unverwechselbaren Klang auch außerhalb jener Kirchen hörbar zu machen, in denen heute noch eine schmucke Zöllner-Orgel steht.

Ulrich Eichle Der Orgel- und Instrumentenbauer Johann George Friedlieb Zöllner, Sax-Verlag, Beucha und Markkleeberg 2022, 12,80 Euro.

Hinweis der Redaktion in eigener Sache

Seit der „Coronakrise“ haben wir unser Archiv für alle Leser geöffnet. Es gibt also seither auch für Nichtabonnenten alle Artikel der letzten Jahre auf L-IZ.de zu entdecken. Über die tagesaktuellen Berichte hinaus ganz ohne Paywall.

Unterstützen Sie lokalen/regionalen Journalismus und so unsere tägliche Arbeit vor Ort in Leipzig. Mit dem Abschluss eines Freikäufer-Abonnements (zur Abonnentenseite) sichern Sie den täglichen, frei verfügbaren Zugang zu wichtigen Informationen in Leipzig und unsere Arbeit für Sie.

Vielen Dank dafür.

- Anzeige -

Empfohlen auf LZ

So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:

Keine Kommentare bisher

Schreiben Sie einen Kommentar