Wie wir unser Denken aus den Fängen des närrischen Dualismus befreien

Martin Meters Plädoyer für wissenschaftliches Denken in Zeiten anschwellender Verschwörungstheorien

Für alle LeserSein großer Gegner heißt eigentlich Platon. Genug Unheil hat der griechische Philosoph mit seiner Ideenlehre ja angerichtet. Es ist nur den meisten Menschen nicht bewusst, weil 2.000 Jahre Christentum auch dafür gesorgt haben, dass der platonische Dualismus tief in unserem Denken steckt. Und genau darum geht es, wenn der Informatiker Martin Meter sein Buch „Die Befreiung des Denkens“ nennt.

Den meisten Menschen ist überhaupt nicht bewusst, wie tief die platonischen Vorstellungen in unserem Denken stecken. Sie ist aufs Engste verquickt mit dem Christentum, das den griechischen Philosophen so intensiv rezipierte, wie es sonst nur noch mit Aristoteles geschah. Und da kommt einem natürlich ein Verdacht, denn von vielen anderen griechischen Philosophen, die zu ihrer Zeit genauso berühmt waren, sind deutlich weniger Schriften, oft nur noch Fragmente oder Zitate in den Werken anderer Autoren übermittelt.

Wir rühmen zwar die frühen Klöster gern dafür, dass sie das antike Schriftgut durch emsiges Kopieren für uns gerettet hätten. Aber augenscheinlich wurde sehr gezielt kopiert. Und was mit dem dualistischen Weltbild der christlichen Kirche nicht kompatibel war, hatte kaum Chancen, überliefert zu werden.

Wie sehr dieser platonische Dualismus in unseren Köpfen steckt, das schildert Martin Meter sehr ausführlich und akribisch. Es geht dabei um das, was Platon als erster Philosoph systematisch getan hat – der alte Platon, müsste man sagen. Denn der jüngere Platon war ja bekanntlich ein Schüler des Sokrates. Sokrates’ beharrliche Methode, das scheinbar felsenfest Gewusste seiner Zeitgenossen zu hinterfragen, wird ja in mehreren der berühmten platonschen Dialoge überliefert – und zwar nur dort.

Es war eine Schule des rigiden Skeptizismus, die alles für gewusst Geglaubte hinterfragte und die Gesprächspartner wahrscheinlich an den Rand der Verzweiflung brachte, wenn Sokrates immer wieder darauf drang, eine wirklich belastbare Begründung für eine Aussage zu bekommen. Es mutet stellenweise modern an. Denn in der Konsequenz läuft so ein Denken auf wissenschaftliches Denken hinaus, dessen wichtigste Grundlage die zentrale sokratische Aussage „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ ist. Obwohl die Formel in der richtigen Übersetzung lauten müsste: „Ich weiß, dass ich nicht weiß“.

Das ist Sokrates: Die unbedingte Frage danach, was wir wirklich wissen. Und was wir nur zu wissen glauben. Und – dann bei Platon fortgeführt: Was uns zu wirklichem Wissen bringen kann.

Und das ist der Punkt, an dem Platon seinen Lehrer regelrecht verriet. Augenscheinlich hat er das Wichtigste nicht begriffen. Das Ergebnis ist seine Ideenlehre, die zwar mit dem Höhlengleichnis sehr schön ausmalt, warum Menschen nicht in der Lage sind, wirklich zu wissen, wie die Welt wirklich ist. Aber er zieht daraus einen Schluss, für den ihn Sokrates garantiert verachtet hätte: Da der Mensch als Wesen inmitten der Welt nicht wirklich wissen kann, wie alles wirklich ist, liegt nach Platon die wirkliche Erkenntnis in der Welt der Ideen, was nach ihm „unkörperliche, unveränderliche und ewige Gegebenheiten einer rein geistigen, der Sinneswahrnehmung unzugänglichen Welt“ (Wikipedia) sind.

Das ist der grundlegende Dualismus, der später noch in vielen anderen Dualismen immer wieder auftaucht. Weil ein absolutes Erkennen der absoluten Realität, wie sie Martin Meter nennt, für den Menschen unmöglich ist, liegt die absolute Erkenntnis im Reich der Ideen, in einer rein geistigen Welt, die von unserer Welt getrennt ist. So kam der Körper-Seele-Dualismus in die Welt, das Jenseits, der Glaube an ein Leben nach dem Tod und so weiter. Und es hört bis heute nicht auf, denn diese Art Denken ist auch das Handwerkszeug aller Esoteriker und Verschwörungstheoretiker, frei nach dem Motto: Man kann es ja gar nicht wissen, also ist alles Mögliche möglich.

Warum wir so leicht auf so etwas hereinfallen, schildert Meter recht akribisch, streckenweise natürlich wie ein Computerexperte. Aber gerade weil Computer nach dem Vorbild des menschlichen Denkens gebaut sind, werden hier viele der Dinge, die wir beim Denken gar nicht wahrnehmen, greifbar und plastisch. Denn dass unser Denken, unser Selbstbewusstsein, unser Ich tatsächlich nichts anderes ist als das, was in unserem Gehirn vor sich geht als Gehirnaktivität, ist ja eine recht moderne Feststellung. Das konnte auch Sokrates noch nicht ahnen. Und die vielen Generationen nach ihm bis ins 16. und 17. Jahrhundert hinein erst recht nicht.

Denn auch das hat das platonische Denken bewirkt: Es hat über 1.500 Jahre die Entwicklung des wissenschaftlichen Denkens verhindert. Auch Luther ist noch ein alter Platoniker. Nicht die Realität war ja der Maßstab für seine Papstkritik, sondern die Aussagen in der Bibel. Und es brauchte viele mutige und akribische und zum Zweifeln und Hinterfragen bereite Forscher, bis es dann 1858 zum eigentlichen Urknall kam, als Darwin und Russell Wallace erstmals die Theorie der Evolution öffentlich machten.

Denn zum „Reich der Ideen“ à la Platon gehörte bis dahin auch die felsenfeste Überzeugung, dass alle Dinge unveränderlich sind. Das steckt ja auch in der biblischen Schöpfungslehre: Gott hat irgendwann vor ein paar tausend Jahren alles gemacht – und zwar so, wie es heute immer noch ist. Das dualistische Weltbild ist ein total statisches Weltbild. Es kennt keine Veränderungen der Dinge. Deswegen bewegt sich dieses Denken auch immer wieder im Kreis. Denn es passt nicht zu dem, was wirklich da ist, das, was Martin Meter die „absolute Realität“ nennt.

Wer – wie Platon – gar die Realität nur als ein Abbild ewiger Ideen begreift, die irgendwo jenseits davon existieren, der findet natürlich auch keinen Ansatzpunkt, an dem man beginnen könnte herauszufinden, wie diese wirkliche Welt tatsächlich sein könnte.

Denn das wissen wir nicht. Aus einem guten Grund: Wir können die absolute Realität nicht wirklich wahrnehmen. Dazu ist unser Gehirn gar nicht in der Lage. Und das hat seine Ursache natürlich in der Evolution. Denn das Entwicklungsprinzip, das Charles Darwin für die Entstehung des Lebens auf der Erde gefunden hat, gilt für alle Prozesse in der Welt. Evolution ist die Grundlage von allem. Auch für den Kosmos, den wir natürlich auch deswegen anders betrachten können, weil wir heute wissen, dass er sich evolutionär entwickelt hat.

Und wenn man den Blick erst dafür geschärft hat, wie sich kompliziertere Dinge über lange Zeiträume aus einfacheren Strukturen entwickelt hatten, entdeckt man die evolutionären Veränderungen in immer mehr Bereichen. Und in der Biologie ist das eben nicht nur für die Entstehung der Arten so, sondern steckt tief in der Wirkungsweise der Gene, diesen Algorithmen, die dem „Bau“ jedes Lebewesens zugrunde liegen und die auf ihre Weise „egoistisch“ handeln, weil sie so agieren, dass sie selbst sich immer weiter duplizieren können. Ein Vorgang, den ja Richard Dawkins in seinem Buch „Das egoistische Gen“ schön zuspitzte und damit eine Menge Leute ärgerte.

Auch weil das alte Denken in den Köpfen noch festhängt: Ist der Mensch, bin ich selbst nicht die Mitte der Welt? Die Krone der Schöpfung?

Nu ja, Schöpfung …

Aber gerade die Genetik hat erheblich dazu beigetragen, unser Verständnis von der Entwicklung des menschlichen Gehirns zu revolutionieren. Und die Perspektive ändert sich gründlich, wenn man sich immer klarer wird, dass sowohl unsere Sinnesorgane als auch unser Gehirn mit all seinen Aktivitäten die Ergebnisse evolutionärer Entwicklungen waren und sind. Sie sind allesamt als evolutionärer Vorteil entstanden, haben ihren Trägern bessere Fortpflanzungs- und Überlebenschancen gegeben. Und das Grandiose an der Evolution ist ja, dass sie einmal gefundene Verbesserungen beibehält und verstärkt. Auch wenn es viele unendlich kleine Schritte sind, die etwa zum menschlichen Auge oder zu unserem energieintensiven Gehirn führen, das – wie Martin Meter so schön schreibt – ein erstaunlicher Realitätsgenerator ist. Denn die Realität, wie wir sie wahrnehmen, ist ein virtuelles Produkt, das erst in unseren Köpfen entsteht. Martin Meter: „Es erzeugt in jedem wachen Moment eine virtuelle Realität, nämlich die relative Realität. (…) Daher ist das Hirn nicht nur ein Realitäts-, sondern auch ein Sinn- und Bedeutungsgenerator.“

Wir sind es, die unserer Umwelt einen Sinn geben, die aus den vielen Millionen Signalen, die uns aus dem „Mischmasch da draußen“ erreichen, Muster bilden. Das trainiert unser Gehirn ab dem ersten Tag. Das ist einer der wichtigsten Lernprozesse der Babies. Erst durch diese Mustererkennung wird die Welt um uns herum strukturiert, können wir überhaupt erst etwas über sie sagen. Und wo Sokrates mal angefangen hat, haben die Wissenschaftler der Aufklärung konsequent weitergemacht. Denn eines hatten sie gelernt: Unsere Muster und Modelle, die wir von der Welt entwerfen, sind immer nur eine Annäherung, ein Versuch, eine möglichst gute Erklärung für all das zu finden, was um uns herum geschieht.

Deswegen zweifeln echte Wissenschaftler immer, weil sie nur zu gut wissen, dass jedes Modell immer nur eine Annäherung an die Wirklichkeit, die absolute Realität, wie Meter sie nennt, sein kann. Und deswegen ist nicht der Beweis für eine Theorie das Wichtigste, sondern ihre Überprüfbarkeit. Unter gleichen äußeren Bedingungen sollten die Experimente immer dieselben Resultate bringen. Deswegen suchen Wissenschaftler auch immer nach neuen Ansätzen, um eine Theorie dem härtestmöglichen Test auszusetzen und vielleicht einen Punkt zu finden, an dem sie nicht mehr stimmt.

Auch Wissenschaft kennt Evolutionen – von einfachen Theorien, die früheren Generationen mal genügten (wie den alten Griechen die Atom-Theorie) hin zu immer genaueren Modellen, die die absolute Realität noch besser und störungsfreier beschreiben. So lernen Wissenschaftler. So gelangen wir zu immer besseren Interpretationen dessen, was uns als Kosmos umgibt, in dem wir leben. Wir sind selbst Teil des Kosmos. Auch das bekommt der alte Dualismus nicht „gedacht“, wenn er die Ideen loslöst von der materiellen Welt, das Ich vom Körper trennt, unser Selbstbewusstsein vom Gehirn trennt, als „wohne“ es da nur.

Wie ein „Homunkulus“, quasi, ein esoterischer Fahrgast in unserem Kopf. Dabei legen alle wissenschaftlichen Erkenntnisse die stille Einsicht nahe, dass genau diese furiosen Aktivitäten der Synapsen in unserem Gehirn das sind, was wir als Ich empfinden. Wir sind dieses Entladungsfeuerwerk von Aktivitäten. Was ja – evolutionär betrachtet – ein frappierender Evolutionsvorteil ist, den in dieser Form wohl kein anderes Lebewesen hat.

Deswegen geht Meter auch von vier Evolutionsstufen aus, deren Ergebnis wir sind – ganz zuunterst der materiellen Evolution (also der der gesamten Materie), auf der vor etwas über 4 Milliarden Jahre eine neue Evolution aufsetzte – die biologische (nämlich die Entstehung des Lebens), die dann irgendwann auch eine weitere, die soziale Evolution hervorbrachte (die Fähigkeit von Individuen, in sozialen Gruppen zu interagieren), aus der dann im Lauf der Menschheitsgeschichte die letzte Evolution geboren wurde: die des Intellekts, die aufs Engste mit der Entstehung des größeren und komplexeren menschlichen Gehirns einherging.

Und dieses Gehirn ist so erstaunlich, dass Menschen sich natürlich auch Gedanken machen können über Dinge, auf die wahrscheinlich ein Tier niemals kommen würde. Etwa die Frage: Wer denkt da eigentlich in mir? Was wird mit diesem Ich, wenn ich sterbe? Welchen Sinn hat das Ganze eigentlich?

Dass es vielleicht gar keine kluge Idee war, sich nach dem Tod ein unendliches Dasein im Jenseits vorzustellen, schildert Meter auch mit viel Verve. Denn so wirklich toll sind die meisten Lösungsansätze der Dualisten ja nicht, wenn man wirklich mal ernsthafter darüber nachdenkt.

Eigentlich ist es noch schlimmer: Wenn wir immer weiter in dualistischen Denkschleifen festhängen und dadurch zu lauter Nonsens-Lösungen kommen (Was ist das Gute? Was ist das Böse? Gibt es eine Vorsehung? Komme ich ins Fegefeuer?), sind wir auch Gefangene eines falschen Denkens. Dann passiert auch das, was vielen Dualisten immer wieder passiert: Sie begreifen die Tatsache, dass sie leben und auf einem erstaunlich reichen Planeten gelandet sind, nicht als einmalig und staunenswert. Im Gegenteil: Sie benehmen sich, als müsste das alles zerstört werden, weil die „Ideen“, die sie im Kopf haben, wichtiger sind. Und viele, viel zu viele, lassen sich von diesem Wahnsinn anstecken, statt die Tatsache wahrzunehmen, dass sie etwas unglaublich Schönes und Kurzes erleben und in ihrer „relativen Realität“ wahrnehmen können.

Die Welt geht nun einmal durch unseren Kopf. Und wenn wir uns das von dualistischen Knallchargen vermiesen lassen, haben wir ein Problem. Gerade weil wir die Realität nur erkennen, weil wir sie in unserem Kopf immer wieder neu interpretieren und mit Bedeutung aufladen, sind wir manipulierbar. Martin Meter: „Information, Sinn und Bedeutung sind nichts Absolutes, sondern etwas Relatives, das immer erst in der relativen Realität entsteht.“

Die „relative Realität“, das ist das, was in unserem Kopf entsteht, wenn dort alle unsere Sensordaten zusammenlaufen. Das schildert Martin Meter recht ausführlich an einigen Stellen. Sein Buch ist im Grunde ein dicker Appell an die Leser, mit ihrem Gehirn sorgsamer umzugehen und sich von dualistischen Blendwerken nicht das Leben vermiesen zu lassen, lieber skeptisch zu bleiben und wissenschaftliche Denkmethoden zu üben und anzuwenden. Immer wieder. Der Irrtum gehört zu unserem Leben dazu.

Und dann ist da noch das, was so viele Menschen quält, weil ihnen irgendwer eingeredet hat, das menschliche Dasein hätte irgendeinen von irgendjemandem vorgesehenen Sinn. „Deshalb gibt es auch nicht den einen ‚Sinn des Lebens‘. Mein Leben hat nur den Sinn, den meine Mitmenschen und ich ihm geben.“

Und dann eine Absage als Ermutigung fast zum Schluss (schon im Anhang versteckt): „Erwarten Sie also bitte nicht von mir, Ihnen Ihren Lebenssinn zuzuteilen. Das wäre intellektuelle Sklaverei. Ihr Leben – Ihr Sinn. Nur Sie können den Sinn Ihres Lebens finden – wobei ‚Finden‘ eigentlich nicht das richtige Wort ist. Wenn Sie ihn suchen, müssen Sie ihn nicht finden, sondern erfinden. Und niemand kann Ihren Lebenssinn besser erfinden als Sie persönlich. In gewisser Weise erfinden Sie sich damit selbst.“

Und als Trost für alle Trostsucher, die glauben, das Eigentliche käme erst hinterher, nach dem Tod (und mit den ganzen „Nahtod-Märchen“ beschäftigt sich Meter natürlich auch), schreibt Martin Meter etwas, was tatsächlich die Grundlage für Freiheit ist, wie sie im Titel steht: „Die Notwendigkeit der Sinnsuche wird noch verstärkt durch die Tatsache, dass niemand ewig lebt. Der Sinn meines Lebens wird durch dessen zeitliche Begrenztheit nämlich nicht geschmälert. Ganz im Gegenteil. (…) Alles ist vergänglich – deshalb ist alles wichtig. Es gibt kein unendliches Leben, in dessen Schatten die Bedeutung des endlichen Lebens verblassen könnte. Das endliche Leben ist alles, was es gibt. Verwenden Sie es weise.“

Martin Meter Die Befreiung des Denkens, Tectum Verlag, Baden-Baden 2018, 21,95 Euro.

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