Haben Sie im Traum schon mal ein Schaf namens Ramona getroffen? Oder Sonja, Susanne oder Sophia? Dem Helden dieser von Yvonne Kuschel liebevoll illustrierten Geschichte passiert das. Er ist ein einsamer Wolf, also einer von den vielen heutzutage, denen das Alleinsein passiert, weil sich Gelegenheiten nicht mehr bieten und sowieso Menschen immer vorsichtiger werden, sich aufeinander einzulassen.

Das Ergebnis sind Einsiedelei und Singledasein. Und ein 39. Geburtstag, den der Held der Geschichte allein mit seiner Mutter feiert. Ohne das Gefühl zu haben, dass etwas fehlt. Denn was man sich nicht mehr wünscht, das fehlt ja auch nicht mehr. Das Leben geht seinen ruhigen Gang. Und damit das Wochenende nicht so öde und lang wird, geht der Held eben auch samstags zur Arbeit. Arbeit findet sich immer.

Oder ist das der Sinn unserer Vereinzelung? Dass noch mehr Leute lieber länger arbeiten, als sich zu Hause die Decke auf den Kopf fallen zu lassen? Und sonntags? Da wird geputzt, gewaschen und gebügelt.

Zumindest verwirrt ist der Held der Erzählung, als ihm seine Mutter ein dickes Paket mit Herzchenpapier in die Hand drückt, in dem ein flauschig-bunter Pullover steckt. Wo er doch Pullover seit seiner Kindheit nicht mag. Was die Mutter ja wissen müsste. Er lebt also ein paar Tage mit einem Rätsel, das umso rätselhafter wird, weil er nun auf einmal träumt, was er so von sich auch nicht kennt. Und vor allem: Er träumt von bunten Schafen. Und alle tragen sie Frauennamen.

So schnell ist man drin in so einer richtigen Kuschel-Traum-Geschichte, bei der nicht so recht klar ist, was wirklich geschieht.

Nur eines ist klar. Die einstige Grafik-Dozentin in Hamburg und Leipzig frönt hier ihrer Leidenschaft: mit Bildern phantasiegeladene Geschichten zu erzählen. Oder besser: Sie sich erzählen zu lassen. Denn Text und Bild gehen ineinander über. Wer das Buch durchblättert, bekommt eine mit Bildern verwobene Geschichte, die doppelseitig auch einmal ganz und gar in große Nacht- und Abendhimmel verschwindet.

Himmel, wie man sie noch sieht, wenn man ein aufmerksamer Mensch ist, der die Abende eben nicht vor den Düdelü-Geräten verbringt, sondern mit großem Staunen am Fenster oder auf dem Balkon. Denn was Wolken, Mond und untergehende Sonne da zaubern, das ist jedes Mal auf andere Weise grandios und atemberaubend. Oder die Phantasie anregend.

Erst recht, wenn man – wie der Held der Geschichte – nun ständig von bunten Schafen träumt. Die durchaus auch mal wie die neue Mitarbeiterin heißen können, die tagsüber mal kurz durch die Abteilung geirrlichtert ist und die Männer verunsichert hat. So sehr, dass sie die Abteilung gleich wieder verlassen musste. Oder wie wär’s mit dem Schaf Nina, das den Träumenden gerade droht aufzufressen, weil er eine leckere Bergwiesenblume ist?

Er wacht gerade noch rechtzeitig auf. Was das Rätsel seiner Träume noch nicht löst. Das löst sich erst, als er sich die Sache mit dem Pullover genauer anschaut. Was man als Mann vielleicht doch öfter machen sollte. Es geht den einsamen Wölfen genauso wie den einsamen Wölfinnen – die Wortwahl stammt von der Künstlerin: Wie soll man zueinander kommen, wenn das Zueinanderkommen in unseren #metoo- und Du-mich-auch-Zeiten so schwierig geworden ist?

Es sind ja nicht die Kraftmeier und Übergriffigen, die von solchen Kampagnen verschreckt werden und sich dann besser benehmen. Woher denn? Alle unsere Beförderungssysteme sind ja für sie zugeschnitten. Ist der eine weg, kommt der nächste „Macher“.

Es sind die Sensiblen und Aufmerksamen, die lieber davon die Hände lassen – auch vom anderen Geschlecht. Die lieber die Klappe halten und gar nicht erst so tun, als wären sie tolle Hechte, Brassen oder Haie. Wir leben in einer immer lauteren und prahlerischen Welt, in der die Stillen und Nachdenklichen kaum noch vorkommen. Oder wahrgenommen werden.

Obwohl sie so langsam zur Mehrheit werden und immer öfter in Einzelhöhlen wohnen, froh, dass es wenigstens vernünftige Arbeit gibt, die getan werden kann. Und sie tun sie. Sie sind es, die den Laden beisammenhalten, auch wenn das diese 39-jährigen Helden der Stille niemals von sich behaupten würden.

Sie kommen im Gerede unserer Zeit nicht vor.

Und deshalb geschieht wohl eher selten, was hier geschieht. Denn dazu braucht es etwas Mut zur Grenzüberschreitung. Die Stillen reden ja nicht von Grenzen. Aber sie sind sehr sensibel dafür, dass es welche gibt – und damit sind nicht ihre eigenen gemeint, sondern die der anderen, die sie so sehr respektieren, dass sie lieber ganz vorsichtig auf Distanz bleiben.

So eine Geschichte ist das. Wer noch viel mehr Schafe mit Mädchennamen haben will, findet sie hinten im Umschlag. Lauter freundliche, nette Wesen, die alle irgendwie interessant aussehen. Als lohnte es sich ganz bestimmt, sie kennenzulernen. Im Traum oder in der Wirklichkeit, wo es natürlich keine Schafe sind. Aber das erfährt der Held der Geschichte auch erst am Ende, als er die Sache genauer in Augenschein nimmt.

Und der Leser ist froh, weil es wieder so eine schwebende Geschichte voller Optimismus ist, in der Yvonne Kuschel von dem Thema erzählt, das ihr am wichtigsten ist: der Liebe.

Dem, was Menschen zueinanderzieht, ohne dass man dafür Theater spielen oder den plumpen Macho machen muss. Es geht auch anders. Aber das weiß nur, wer des abends staunend in wollige Himmel zu schauen weiß.

Yvonne Kuschel Der Pullover, Kunstanstifter, Mannheim 2018, 24 Euro.

Empfohlen auf LZ

So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:

Ralf Julke über einen freien Förderbetrag senden.
oder

Keine Kommentare bisher

Schreiben Sie einen Kommentar