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Dienstag, 19. Januar 2021

Der vierte und letzte Band der großen Leipziger Stadtgeschichte zum Jubiläum der Ersterwähnung

Von Ralf Julke

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    Ob das 20. Jahrhundert tatsächlich DAS Zeitalter der Extreme war, als das es der britische Historiker Eric Hobsbawm in seinem 1994 erschienenen Buch „Age of Extremes. The short twentieth century 1914–1991“ bezeichnete, werden noch Generationen von Historikern diskutieren. Ulrich von Hehl jedenfalls, der die Einleitung in den nun vierten Band der Leipziger Stadtgeschichte schrieb, fand den Begriff sehr praktikabel. Auch für die Leipziger Geschichte. Und für diesen vierten Band.

    Dass dieser Band eine Herausforderung werden würde, war dem 2009 von OBM Burkhard Jung berufenen Herausgebergremium schon damals klar. Im Zusammenhang mit den im Band erwähnten Feierlichkeiten zum 800-jährigen Stadtjubiläum 1965 wird das auch kurz diskutiert. Denn schon damals wünschte man sich eine vierbändige Stadtgeschichte, die aber nie zustande kam. Denn dafür gab es überhaupt keinen Forschungsvorlauf. Nullkommanix.

    Was einerseits an der zunehmend ideologischen Ausrichtung des Geschichtslehrstuhls an der Universität Leipzig lag, aber auch daran, dass Regionalgeschichte praktisch keine Rolle (mehr) spielte. Eine Regionalgeschichte gar ohne Scheuklappen gab es erst recht nicht. Und so gab es damals nur einen Band zur Stadtgeschichte, der aber keine neuen Erkenntnisse brachte und auch nicht tiefer bohrte.

    Die tatsächliche Erforschung der Leipziger Regionalgeschichte begann auch erst 1990 und eine wichtige Rolle spielte dabei der Leipziger Geschichtsverein, der frühzeitig Druck machte, damit Leipzig wenigstens im 1.000sten Jahr seiner Ersterwähnung die Chance nicht vergeigte, mit einer wissenschaftlich fundierten Stadtgeschichte einen Pflock einzuschlagen.

    Andere Städte – wie Dresden – waren schon vorangeprescht. Und mit der sechsbändigen Universitätsgeschichte zum 600-jährigen Jubiläum der Universität Leipzig im Jahr 2009 lag auch in Leipzig schon ein Referenzprojekt vor, an dem auch schon Historiker beteiligt waren, die jetzt ihre Erfahrungen in die Leipziger Stadtgeschichte einbringen konnten. Und die auch die Möglichkeit hatten, Forschungsaufträge herauszugeben.

    Denn nicht nur für das „Zeitalter der Extreme“ stand fest, dass es enorme Forschungslücken gab. Es gab sie auch in den Jahrhunderten seit 1015. Ganze Forschungsfelder hatte zuvor niemand angerührt. Das wurde schon ab 2010 deutlich, als die Bände zu „Quellen und Forschungen zur Geschichte der Stadt Leipzig“ im Universitätsverlag zu erscheinen begannen.

    Eine Reihe, die die vierbändige Stadtgeschichte punktuell vorbereitete, aus der auch Erkenntnisse in die Stadtgeschichte einflossen, die aber auch heute noch fortgesetzt wird, denn auch aus den ersten Jahrhunderten kommen immer neue Erkenntnisse zum Vorschein, wenn Forscher/-innen sich in die Archive knien, die riesigen Aktenkonvolute nicht nur im Stadtarchiv gezielt befragen und so immer neue Aspekte des Stadtlebens aufzeichnen.

    Die gute Nachricht: Keine der diversen vor 2015 erschienenen Stadtgeschichten war so umfassend und wissenschaftlich so breit untersetzt. Das 2019 mit Band 4 abgeschlossene Projekt hat einen neuen Maßstab gesetzt, der jetzt gilt. Wahrscheinlich bis zum nächsten runden Jubiläum.

    Aber kein Band macht auch so deutlich, wie problematisch Quellenlagen sein können, wie just dieser vierte Band. Der die Zeit von 1914 bis 2018 so detailliert zeichnet wie bis jetzt noch keine Leipziger Geschichtsdarstellung. Und einige wirklich frische, überraschende Kapitel findet selbst der Geschichtsinteressierte, der sowieso alles verschlingt, was aus der Leipziger Historie erscheint.

    Tatsächlich neu sind zum Beispiel Kapitel zur Umweltverschmutzung, in die auch das Kapitel zum geplanten Kernkraftwerk in der Dahlener Heide einfließt. Aber auch etwas genauere Untersuchungen zum Machtübergang im Jahr 1945 oder zum Handeln der Stadtverordneten in der Weimarer Republik oder dem Agieren der Funktionäre in der NS-Zeit. Alles Kapitel, die so eine Ahnung aufkommen lassen, dass trotzdem etwas fehlt.

    Denn die Kehrseite der extremen Gewalten, dem, was so gern als Totalitarismen bezeichnet wird, ist die völlige Entpersönlichung von Politik. Machtausübung verwandelt sich auf einmal in etwas Anonymes, in das Agieren einer Partei oder gesichtsloser Instanzen. Was zum Teil damit zu tun hat, dass die Selbstverwaltung der Kommunen sowohl im NS-Staat als auch in der SBZ und in der DDR massiv eingeschränkt war.

    Funktionsträger vor Ort wurden zu geradezu blassen Erfüllungsgehilfen. Sodass auch Konflikte nicht mehr an Persönlichkeiten festzumachen sind – weder der Aufstand vom Juni 1953 noch die Verantwortlichkeiten für die Judenverfolgung im NS-Reich, an der sich auch Leipziger Ämter geradezu eifrig beteiligten, auch nicht die Sprengung der Paulinerkirche 1968 oder die Niederschlagung der Beat-Demo 1965.

    Das geht jetzt zwar munter durcheinander, aber es ist symptomatisch für Diktaturen: Politik verwandelt sich in ein administratives Verwaltetwerden. Inszeniert werden nur noch „Massen“ und „Bewegungen“, die Entscheidungswege werden nicht mehr nachvollziehbar und damit verschwindet auch die persönliche Verantwortung in einem grauen Brei.

    Das Ergebnis: All die tapferen Leipziger und Leipzigerinnen, die sich mit Widerstand gegen diese unaushaltbaren Verhältnisse gewehrt haben und immer wieder auch drakonisch bestraft wurden, haben mehr Profil und Präsenz als alle Amtsträger, mit denen sie es zu tun bekamen. Nur wenige dieser Amtsträger bekommen überhaupt noch ein persönliches Profil, so wie Leipzigs erster Nachkriegs-OBM Erich Zeigner, der sich noch engagiert und fintenreich zu wehren versuchte gegen das, was die neuen Machthaber in Ostberlin „demokratischen Zentralismus“ nannten und hinter dem sich letztlich die komplette Durchherrschung des Landes durch die SED verbarg.

    Die auch in die zentralistische Verwaltung der kompletten Wirtschaft mündete, die die Autoren der einzelnen Kapitel zwar beschreiben können. Aber irgendwie fehlen noch die Worte, um die Folgen dieses Zentralisierungswahns für eine Stadt wie Leipzig zu beschreiben.

    Die Autor/-innen versuchen es und es gelingen ihnen auch beeindruckende Beiträge zur rasanten Umwandlung Leipziger Unternehmen in Lieferanten der Kriegswirtschaft ab 1933, über die daraus folgenden Zerstörungen durch die Bombardements durch Engländer und Amerikaner, die natürlich zu Recht in Leipzig einen Standort sahen, an dem noch bis 1945 Nachschub für den Krieg produziert wurde.

    Sie schildern die folgenreichen Demontagen durch die sowjetischen Besatzer und – zumindest in Ansätzen – die Folgen der ersten Enteignungen und der eigentlich dritten Verstaatlichungswelle dann 1972 unter Honecker, als das völlig von allen Geistern verlassene Zentralkomitee auch noch die funktionierende Belieferung mit Waren des täglichen Bedarfs demolierte.

    Das klingt jetzt emotional. Die Autorinnen und Autoren freilich schreiben höchst nüchtern und zurückhaltend. Aber es fällt eben auch auf, dass die Arbeit der Treuhand in Leipzig nur sehr kurz abgehandelt wird, obwohl das alles miteinander zusammenhängt und sehr wohl die Frage steht, was von Leipzigs Industrie 1990 tatsächlich noch konkurrenzfähig war, nachdem sie seit 1933 eine Schockwelle nach der anderen überstehen musste und großenteils seit 50, 60 Jahren mit denselben Maschinen in denselben unsanierten Gemäuern produzieren musste.

    Das Staunen, das dann beim Wiederaufstieg Leipzigs ab 2000 zu neuem Wachstum sichtbar wird, kommt einem natürlich bekannt vor. Das Staunen bestimmt seit 20 Jahren die mediale Berichterstattung. Und es bringt die Frage mit sich, ob heute schon Historiker einordnen können, was gerade in den vergangenen 30 Jahren geschah? Oder ob eine objektive Einordnung erst späteren Generationen möglich sein wird.

    Denn manches in unserer Gegenwart wirft die nur zu berechtigte Frage auf, ob das Hobsbawmsche „Zeitalter der Extreme“ tatsächlich vorbei ist oder ob diese Art, über Gesellschaft zu denken und Menschen als schlicht zu normierende und zu verwertende Masse zu betrachten, tatsächlich 1989 verschwunden ist. Oder ob es nicht zwangsläufig das finstere Erbe des imperialen Zeitalters ist, das Hobsbawm 1875 einsetzen ließ (beschrieben in „The Age of Empire 1875–1914 (Das imperiale Zeitalter 1875–1914)“ von 1987).

    Ein Zeitalter, das ja in Deutschland 1871 begann und nach etwas über 40 Jahren mit geradezu mechanischer Urgewalt in die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ mündete, wie George F. Kennan 1974 den Ersten Weltkrieg bezeichnete, der Leipzig auf dem Höhepunkt seiner wirtschaftlichen Entwicklung erwischte.

    Ist es vielleicht ein Fehler, die 40 Jahre davor, die scheinbar von stetem Aufschwung gekennzeichnet waren, einfach wegzulassen, nur weil ab 1914 eine ganze Serie von Katastrophen, Krisen, Abstürzen und Tyranneien begann. Gehört das nicht zusammen, so wie imperiales Denken nun einmal mit Nationalismus, Rassismus und radikalem Wettbewerbsdenken (auch der Systeme) einhergeht, das sich nicht nur politisch äußert, sondern auch wirtschaftlich? All das gehört zusammen.

    Und es hat auch all die Ideologien zur Folge, die sich immer neu verkleiden, aber stets mit denselben Methoden der Ausgrenzung und Aggression arbeiten.

    Ich merke das nur an, weil gerade die (zum Glück) reichlichen Dissidentengeschichten in diesem Band eben auch davon erzählen, aus welch humanistischen Motiven heraus sich Leipzigerinnen und Leipziger immer wieder gegen die Bevormundungen und Unterdrückungen der jeweiligen Machtapparate wehrten.

    Wissend darum, dass sie dafür von den Handlangern der Macht drakonisch, gnaden- und gefühllos bestraft werden würden. Und dass sich die unaushaltbaren Zustände erst ändern würden, wenn die Mehrheit der Bürger nicht mehr weglaufen würde, sondern den Widerstand gegen das Unaushaltsame auf die Straßen tragen würde.

    Deswegen gibt es auch ein paar zarte Überlegungen im Buch, inwieweit die Leipziger ab 1933 Mitläufer und Unterstützer des Regimes waren, worauf sich der Protest 1953 tatsächlich gründete und welche Rolle selbstbewusste Professoren wie Ernst Bloch und Hans Mayer an der Universität in den 1950er Jahren zukam, als sie – bis heute legendär – ein freies Denken in einer Hochschule vermittelten, in der die Funktionäre längst schon an der Gleichschaltung arbeiteten.

    Indem die systematisch eingebauten Kapitel zu Kirchen und Kultur den Blick auch weiten für den Dissens in jenen Bereichen, die die SED nie wirklich ganz durchherrschen konnte, wird natürlich auch ein wenig sichtbar, woher die Opposition erwachsen konnte, die sich spätestens mit der Friedensbewegung der frühen 1980er Jahre formierte und immer mehr Nachhaltigkeit gewann, je mehr die Wirtschaft der DDR (und damit auch die in Leipzig) in die Krise rutschte und absehbar war, dass dieses Land scheitern würde.

    Am Ende waren es simple wirtschaftliche Fragen, die Leipzig 1989 auch fast zwangsläufig zum Zentrum der Proteste machten, denn keine andere Großstadt war ringsum von so vielen umweltverschmutzenden Industrien umgeben, die auch das Leben in der zunehmend zerfallenden Stadt letztlich unaushaltbar machten.

    Was freilich ein Kapitel ist, wo einem die Daten fehlen. Die muss es gegeben haben, wenn die Staatsführung 1980 beschloss, keine Umweltkennzahlen mehr zu veröffentlichen. Dasselbe zum Gesundheitswesen, das in diesem Band überhaupt keine Berücksichtigung fand. Was aber verständlich ist. Denn der größte Teil der hier zusammengetragenen Geschichtsbausteine ist neu, ist so zuvor noch nicht wissenschaftlich aufbereitet worden. Ist also so etwas wie Neuland, bei dem man noch nicht sagen kann, ob es wirklich die historisch belastbaren Linien trifft.

    Denn – wie erwähnt – die Quellen selbst sind schon nicht unparteiisch, sind bürokratisch eingefärbt. Und es braucht immer jede Menge wissenschaftlicher Nacharbeit, um die Propaganda vom wirklich Wichtigen zu trennen, die Legende von einer Wirklichkeit, die in Leipzig immer gern mit Kulissen und angemalten Paradestrecken für den Staatsratsvorsitzenden gearbeitet hat, während in zerfallenden Arbeiterquartieren die Wut zu kochen begann auf ein gesichtsloses System, das aus systemimmanenten Gründen zum Gespräch genauso unfähig war wie zur Veränderung.

    Die vier Bände stehen jetzt da als Trumm und Maßstab. Und sie waren Initialzündung für Dutzende weitere Forschungsaufträge, die zu Veröffentlichungen in anderen Buchreihen führen werden. So langsam wird auch das Leipzig der Moderne fassbarer – mit seinen Rissen und Tücken. Und der berechtigten Sorge darum, dass das „Zeitalter der Extreme“ eben doch noch nicht zu Ende ist.

    Ulrich von Hehl Geschichte der Stadt Leipzig, Leipziger Universitätsverlag, Leipzig 2019, 49 Euro.

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