Reagieren Thomaner auf Mädchen? – Leipziger Kognitionsforscher untersuchen das Singverhalten der Leipziger Sängerknaben

Im 800. Jahr seines Bestehens war der weltberühmte Leipziger Thomanerchor Gegenstand einer kognitionswissenschaftlichen Studie. Mitarbeiter des Max-Planck-Instituts (MPI) für Kognitions- und Neurowissenschaften haben dabei 16 junge Sänger zu einem besonderen Konzert begleitet. Schauplatz: der Probenraum der Landesmusikschulakademie Sachsen.
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Wie viele Male zuvor üben die Mitglieder des Thomanerchors das gemeinsame Konzert. Auf dem Programm stehen Teile aus den Motetten „Singet dem Herrn ein neues Lied“ und „Der Geist hilft unser Schwachheit auf“ von Johann Sebastian Bach.

Diesmal jedoch gibt es besonderen Besuch: Peter Keller, der Leiter der Max-Planck-Forschungsgruppe „Musikkognition und Handlung“ am Leipziger MPI und sein Mitarbeiter Rasmus König, selbst ein ehemaliger Thomaner, zeichnen das Geschehen mit zwei Kameras auf. Jeder der 16 teilnehmenden Thomaner im Alter zwischen 12 und 18 Jahren wird mit einem Headset-Mikrophon ausgestattet. Den jungen Sängern haben Keller und König gesagt, es ginge um ein allgemeines Akustik-Experiment. Tatsächlich interessiert die Forscher, ob sich der sogenannte „Leuchtturm-Effekt“ nachweisen lassen wird.

„Man kennt diesen Effekt von bestimmten Tierarten“, erklärt Keller, „etwa von männlichen Winkerkrabben.“

Zur Paarungszeit machen diese ihrem Namen alle Ehre: Um das andere Geschlecht auf sich aufmerksam zu machen, heben ganze Kolonien der Krustentiere im Gleichtakt eine ihrer Scheren. Durch die rhythmisch-synchronen Bewegungen werden selbst weit entfernte Weibchen angelockt. Sind die Weibchen dann aber da, versucht jedes einzelne Krabbenmännchen, durch kleine Asynchronitäten aufzufallen, hebt die Schere also etwas früher oder höher als die Konkurrenten. Ähnlich ist es bei Grillen und ihrem gemeinsamen Zirpen.“Wir wollen wissen, ob diese Phänomene aus der Tierwelt auch bei Menschen auftreten“, sagt Keller. Das rhythmisch-synchrone Verhalten von Sängern in einem Knabenchor dient den Forschern dabei als Modell. Im Probenraum der Thomaner kommt nach dem ersten von drei Gesangsdurchgängen eine Gruppe Mädchen durch die Tür, die sich ins Publikum setzen. Die weiblichen Besucher kommen angeblich von einer Schülerzeitung, vor dem dritten Durchgang gehen sie wieder. „Zweimal ist das Publikum also rein männlich, im mittleren Durchgang gemischt“, sagt Rasmus König. Ob die Chorknaben wirklich anders singen, wenn Mädchen im Publikum sitzen, wird derzeit analysiert.

Die Idee zur Studie entstand während eines Seminars über die Evolution musikalischen Verhaltens. Als der damalige Musikstudent Rasmus König von den bei Anwesenheit von Weibchen gezielt aus der Reihe tanzenden männlichen Winkerkrabben und Grillen hörte, dachte er an seine Zeit als Thomaner zurück: „Die Disziplin in diesem Chor ist sehr hoch und bei Konzerten herrscht große Konzentration. Trotzdem war nach meiner Erinnerung immer etwas anders, wenn bei unseren Auftritten Mädchen im Publikum saßen.“Königs Vorschlag, diesen Eindruck experimentell zu überprüfen, stieß beim Seminarleiter Peter Keller auf offene Ohren. Von 2007 bis 2012 untersuchte der australische Forscher, der kürzlich eine Professur am MARCS Institute der Universität von Western Sydney angetreten hat, mit seiner Leipziger Forschungsgruppe immer wieder Musiker bei Solo-, Duett- und Ensembleperformances.

„Bewegung und Klang beim Musizieren lassen sich sehr präzise aufzeichnen, so dass sehr subtile soziale Einflüsse im Verhalten nachverfolgt werden können“, erklärt Keller. In seinem Labor hatte Keller dabei Musiker aus verschiedensten Stilen zu Gast, von Schlagzeugern aus Metal-Bands bis zu Jazzpianisten. „Die Thomaner sind eine wirklich einzigartige musikalische Institution und ein spannendes Forschungsobjekt“, sagt der Forscher. „Wenn der Effekt bei ihnen trotz der hohen Professionalität auftreten würde, wäre das besonders aussagekräftig.“

Neben den Video- und Tonaufzeichnungen wurden die Teilnehmer gebeten, in einem Fragebogen ihr subjektives Erleben der drei Gesangsdurchgänge zu bewerten. „So können wir später feststellen, ob Abweichungen in Lautstärke, Timing und Tonhöhe mit bewusst wahrgenommen Veränderungen einhergehen,“ erklärt König, der hofft, die Ergebnisse der Studie im Lauf des nächsten Jahres veröffentlichen zu können.

Die kognitiven Vorgänge beim Musizieren werden den Forscher weiter beschäftigen. Derzeit plant der 28jährige seine Promotion in Musikwissenschaft. Und auch den Thomanern ist König weiter eng verbunden: Im Rahmen der Jubiläumsfeierlichkeiten des Chors trat er Anfang November mit seiner Band im Programm der Festwoche „800 Jahre THOMANA“ auf.

Quelle: Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften Leipzig, MS/PZ

www.scilogs.de/neurokognition


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