Die eigenwilligen Nussknacker aus der Region Bili-Uéré

Leipziger Forscher freuen sich über die Entdeckung einer neuen Schimpansen-Kultur im Kongo

Für alle LeserAm Leipziger Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie werden nicht nur die genetischen Spuren der frühen Menschen untersucht, man erforscht auch noch die Primaten in den Wäldern der Welt, also so umgangssprachlich „unsere nächsten Verwandten“. Und manchmal machen die Forscher dabei noch Entdeckungen, mit denen sie selbst nicht mehr gerechnet hätten. In diesem Fall: Schimpansen mit einer ganz eigenen Kultur.

Unterschiedliche Kulturen, Gewohnheiten und Verhaltensmuster gibt es nicht nur beim Menschen, sondern auch bei Schimpansen, einem unserer beiden nächsten lebenden Verwandten, stellt das Institut in seiner Meldung zum Thema fest. Ein Forschungsteam des Leipziger Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie und der Universität Warschau in Polen beschreibt nun basierend auf den Ergebnissen einer zwölfjährigen Langzeitstudie ein neues Verhaltensrepertoire der östlichen Schimpansen (Pan troglodytes schweinfurthii) aus der Region Bili-Uéré im Norden der Demokratischen Republik Kongo.

Schimpansen haben eine ausgefeiltere und diversifiziertere materielle Kultur als jeder andere nichtmenschliche Primat. Ihr Verhalten variiert im tropischen Afrika in einer Art und Weise, die sich nicht immer durch die Beschaffenheit ihres Lebensraums erklären lässt. Zum Beispiel verwenden ausschließlich westafrikanische Schimpansen in einigen Populationen Stein- und Holzhämmer, um Nüsse zu knacken, obwohl im gesamten Verbreitungsgebiet von Schimpansen Hämmer und Nüsse in großer Menge verfügbar sind. Diese Verhaltensvielfalt besser zu verstehen, könnte auch bei der Erforschung unserer frühesten homininen Vorfahren und der Entstehung ihrer Traditionen von entscheidender Bedeutung sein.

In der Vergangenheit haben Forschende bereits mehrere bei Schimpansen weitverbreitete Verhaltensmuster dokumentiert, darunter die Verwendung von Knüppeln in Zentralafrika, um Bienenstöcke zu öffnen, und langen Hilfsmitteln in Westafrika, um an verschiedenen Standorten nach Algen zu fischen.

Ein Forschungsteam des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie und der Universität Warschau präsentiert nun eine detaillierte Beschreibung eines neuen Verhaltensrepertoires östlicher Schimpansen (Pan troglodytes schweinfurthii) aus der Region Bili-Uéré. Dieses Verhaltensrepertoire ist über ein mindestens 50.000 Quadratkilometer großes Gebiet verbreitet und reicht möglicherweise sogar noch weit darüber hinaus.

„Über einen Zeitraum von zwölf Jahren haben wir Schimpansenwerkzeuge und -gegenstände in 20 Studiengebieten dokumentiert und Daten über Kot, Fütterungsreste und Schlafnester der Tiere gesammelt“, sagt Hauptautor Thurston C. Hicks, Gastforscher am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie und außerordentlicher Professor an der Fakultät „Artes Liberales“ der Universität Warschau. „Wir beschreiben ein neues Schimpansen-Werkzeugset: Lange Stöcke zum Sammeln von epigäischen Treiberameisen (Dorylus sp.), kurze Stöcke zum Sammeln von Stechameisen (Ponerinae) und zum Sammeln von Honig aus den Baumnestern stachelloser Bienen, dünne kurze Stöcke zur Extraktion von Ameisen der Art Dorylus kohli und stabile Stöcke, die die Tiere verwenden, um die unterirdischen Nester stachelloser Bienen zu erreichen.“

Erweiterte Technik für Termitenhügel

Außerdem dokumentieren die Forschenden eine im Vergleich zu anderen Schimpansenpopulationen erweiterte Schlagtechnik, die mit der Nahrungsverarbeitung zusammenhängt: Die Bili-Uéré-Schimpansen schlagen nicht nur hartschalige Früchte gegen Substrate (wie andere Schimpansenpopulationen auch), sondern sie öffnen mit Hilfe von Schlägen auch die Termitenhügel der beiden Arten Cubitermes sp. und Thoracotermes macrothorax, eine Nahrungsquelle, die Schimpansen in den meisten anderen Regionen Afrikas ignorieren. Östliche Schimpansen scheinen hingegen nicht auf die Termiten der Art Macrotermes muelleri zuzugreifen, nach denen Schimpansen einer Reihe anderer Langzeitforschungsstätten üblicherweise fischen.

„Wir haben auch vorläufige Belege dafür, dass östliche Schimpansen afrikanische Riesenschnecken und Schildkröten gegen Substrate schlagen, beide waren als Nahrungsquellen für Schimpansen bisher nicht bekannt. Außerdem ist es in dieser Region auch üblich, dass Schimpansen ihre Nester auf dem Boden bauen“, fügt Hicks hinzu.

Obwohl sich die Verhaltensweisen der Schimpansen auf beiden Seiten des Uele-Flusses und über zwei sehr unterschiedliche Lebensraumtypen (Mosaik aus Savanne und tropischem Regenwald im Norden und tropischer Feuchtwald im Süden) hinweg stark ähneln, stießen die Forschenden auch auf geografische Unterschiede im Verhalten der Tiere: Sie fanden unterschiedlich häufig Werkzeuge zum Fischen nach epigäischen Treiberameisen, im Süden fanden sie keine Werkzeuge zum Graben nach Honig. Lange Stöcke zum Fischen nach Treiberameisen und Stätten, wo Früchte aufgeschlagen wurden, kamen ausschließlich nördlich des Uele-Flusses vor.

Schimpansen mit bislang unbekanntem Verhalten

„Heutzutage scheint es uns, als hätten wir schon alles entdeckt, was es zu entdecken gibt. Was für eine schöne Überraschung, nun eine neue Schimpansenpopulation mit ihrem interessanten Verhaltensrepertoire beschreiben zu können! Das zeigt uns, dass noch längst nicht alles dokumentiert ist und wir noch sehr viel mehr über unsere natürliche Umwelt lernen können“, sagt Ko-Autor Hjalmar Kühl, ein Ökologe am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie und am Forschungszentrum iDiv.

„In der überentwickelten Welt von heute gibt es nur noch verschwindend wenige Möglichkeiten, eine große intakte Menschenaffenkultur zu erforschen, die sich über Zehntausende von Waldkilometern erstreckt“, sagt Hicks. „Wir brauchen solche natürlichen Laboratorien, um zu verstehen, wie sich eine materielle Kultur unter gesunden, gedeihenden Hominiden-Populationen verbreitet. Ansonsten wird es uns schwerfallen, die Innovationen unserer eigenen Vorfahren in den Waldgebieten Afrikas vor Millionen von Jahren besser zu verstehen.“

Christophe Boesch, Direktor der Abteilung Primatologie am Leipziger Max-Planck-Institut und ebenfalls Ko-Autor der Studie, sagt: „Es ist großartig, dass wir neue faszinierende Verhaltensmerkmale in dieser Schimpansen-Population entdecken konnten. Wir hoffen natürlich sehr, dass die vielen Bedrohungen, denen diese Tiere ausgesetzt sind, sie nicht auslöschen werden, wo wir doch gerade mehr über ihre Einzigartigkeit lernen.“

 

MPI für Evolutionäre AnthropologieSchimpansen
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