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UFZ-Geschäftsführer zu Beschlüssen des „Klimakabinetts“: Ein ziemlich schwacher Aufschlag

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    Auch die Wissenschaftler, die sich seit Jahren mit Klima- und Klimafolgenforschung beschäftigten, waren gespannt darauf, was das Klimakabinett der Bundesregierung am Ende für Beschlüsse fassen würde. Doch auch sie sind vom Ergebnis ernüchtert. Auch Dr. Georg Teutsch, Wissenschaftlicher Geschäftsführer des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) und Koordinator der Helmholtz Climate Initiative Adaption an Mitigation (HI-CAM), hält die vereinbarten Maßnahmen für ziemlich unzureichend.

    Klimaschutz gibt es nicht zum Null-Tarif

    Klimaschutz und Nachhaltigkeit müssen zur Maxime unseres Handelns werden

    Dr. Georg Teutsch

    Grundsätzlich ist es gut, dass sich die Koalition geeinigt hat und ein Klimaschutzprogramm verabschiedet wurde. Und es ist höchste Zeit, denn Deutschland hinkt hinterher, wie übrigens viele andere Industrieländer auch. Der aktuelle UN-Bericht mit dem sehr treffenden Titel „The Heat Is On: Taking Stock of Global Climate Ambition“, zeigt, dass zwar mindestens 112 Länder ihre aktuellen Klimapläne bis 2020 überarbeiten wollen, aber wie das konkret aussehen wird, ob sie ihre Klimaschutzbemühungen tatsächlich verstärken oder ohnehin geplante Einzelmaßnahmen leicht variieren, bleibt offen.

    Interessant ist ja, dass es vor allem Entwicklungsländer sind, die fest zugesagt haben, ihre Klimapläne zu verbessern – also die Länder, die einen viel kleineren CO2-Fußabdruck haben als die Industrieländer. Aber auch unter den Industrieländern gibt es einige, die beim Klimaschutz weiter sind als Deutschland – Schweden, Finnland oder Großbritannien etwa. Der Druck wächst von allen Seiten, nicht nur durch die immer dringender werdenden Appelle der Wissenschaft: Die Regeln in der EU werden strenger; wer seine Ziele nicht erfüllt, dem drohen Strafzahlungen. Und der Druck aus der Gesellschaft wächst weiter, wie der weltweite Klimastreik am 20. September eindrücklich gezeigt hat.

    Im heute (am 21. September, d. Red.) durch die Bundesregierung vorgestellten Klimaschutzprogramm 2030 ist eine Vielzahl von Maßnahmen vorgeschlagen, und man kann noch nicht wirklich absehen, wie wirksam diese im Einzelnen sein werden. Ich bin ziemlich sicher, dass z. B. eine Mindestbepreisung von anfangs 10 Euro, steigend auf 35 Euro pro Tonne CO2 bis ins Jahr 2025, nicht die erwartete Emissionsreduzierung bringen wird.

    Deshalb ist vielleicht die wichtigste Maßnahme, dass man sich auf ein unabhängiges jährliches Monitoring und ein verbindliches Nachsteuern geeinigt hat. Ebenfalls sind die geplanten Aufschläge auf Diesel und Benzin im 10–15 Cent-Bereich bis 2026 nicht wirklich überzeugend.

    Insgesamt ist es ein in manchen Bereichen ziemlich schwacher Aufschlag, der aber die Chance birgt, dass in der Gesamtheit die Klimaziele 2030 und 2050 doch erreicht werden können – vorausgesetzt, die versprochene jährliche Nachsteuerung wird konsequent durchgehalten.

    Dass die 2015 in Paris vereinbarten Klimaschutzziele nicht zum Null-Tarif zu haben sind, muss jedem klar sein. Wir müssen jeden einzelnen Wirtschaftssektor und jeden Lebensbereich hinterfragen und uns überlegen, wo die besten CO2-Einsparmöglichkeiten pro eingesetzte Mittel möglich sind. Das heißt, es darf kein durch Klientelpolitik geprägtes weiter so, aber auch keine uneffizienten pauschalen Maßnahmen geben.

    Dürre im August 2019. Karte: UFZ, Dürremonitor
    Dürre im August 2019. Karte: UFZ, Dürremonitor

    Neben den Anstrengungen im Klimaschutz sind aber auch Maßnahmen der Anpassung an vermutlich deutlich häufigere Extremereignisse wie Hitze/Dürre oder Starkregen/Hochwasser notwendig. Das haben gerade die extrem heißen und trockenen Sommer 2018 und 2019 sehr deutlich gemacht – auch in Deutschland. Diese haben zu erheblichen Ernteeinbußen und Waldschäden, einer Beeinträchtigung der Wasserqualität in unseren Oberflächengewässern sowie einer deutlichen Absenkung der Grundwasserspiegel geführt und in urbanen Räumen die Gesundheit von älteren oder vorgeschwächten Menschen merklich beeinträchtigt.

    Wir müssen die Herausforderungen im Klimaschutz jetzt annehmen. Die Wissenschaft liefert dafür wichtige Beiträge: Im Sommer sind wir mit der Helmholtz-Initiative Klimaschutz und Anpassung angetreten, in der Forscher/-innen der unterschiedlichsten Disziplinen aus allen Forschungsbereichen der Helmholtz-Gemeinschaft, in einem Netzwerk mit Kolleg/-innen aus der Leibniz-Gemeinschaft und der Max-Planck-Gesellschaft Handlungsoptionen bzw. Lösungsvorschläge erarbeiten – sektorenübergreifend.

    Auf der Basis vorhandener hochauflösender Fernerkundungs-, Simulations- und Beobachtungsdaten generieren wir notwendige Informationen für Anpassungsmaßnahmen, verbessern Modelle und Vorhersagen und stellen zeitlich und räumlich hochaufgelöste Informationen wie z. B. den Dürremonitor Deutschland zur Verfügung. Dieser Dürremonitor zeigt seit Mai 2018 viele Regionen Deutschlands ohne Unterbrechung in tiefem Dunkelrot (Ausdruck extremer Dürre im Gesamtboden bis 1,80 Meter Tiefe). Auch vor diesem Hintergrund wünsche ich mir, dass Klimaschutz und Nachhaltigkeit auf der politischen und gesellschaftlichen Agenda bleiben und zu spürbarem Handeln in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft führen.

    Das vorgelegte Klimaschutzkonzept der Bundesregierung könnte sich zu einem ernsthaften Schritt vorwärts entwickeln. Wir sollten diesem deshalb eine Chance geben, aber regelmäßig und kritisch nach der Wirksamkeit fragen und gegebenenfalls die Nachbesserung einfordern. Jedes Jahr ist Kassensturz!

    Das „Eckpunktepapier“ des Klimakabinettes vom 20. September 2019

    Liveticker zum Klimastreik: Eine Sturzgeburt der Koalition und ein Streik „for Future“ + Videos

     

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      1 KOMMENTAR

      1. Sehr geehrter Herr Professor Teutsch, wie wäre es denn, wenn das UFZ vor seiner Haustür, nämlich für den Leipziger Auwald, ein Moratorium für alle forstlichen und Forschungsmaßnahmen anregt, um zu prüfen, wie sinnvoll es vor dem Hintergrund der von Ihnen beschriebenen Sitation ist, weiter alte Bäume flächendeckend und in Größenordungen auf EU-geschützten Flächen und in über viele Jahre gewachsenen Waldstrukturen zu fällen – ohne tatsächliche Kenntis davon zu haben (bzw. die z.T. bereits erforschten Zusammenhänge ignorierend), was dadurch im dann verwüsteten Boden für Schäden angerichtet werden und welche Beeinträchtigungen das für die neu gepflanzen Bäume und deren lebenslange Vitalität mit sich bringt. Abgesehen davon, dass alte Bäume expotentiell mehr für unser Klima tun als junge Setzlinge und der „Nachwuchs“ einheimischer Laubbaumarten natürlicherweise über den Tag Wechsel von Licht und Schatten, keinesfalls aber ganztägig sengende Sonneneinstrahlung braucht, wie sie auf Ihren Forschungsflächen und den sog. Femeln der Stadt- und Landesförster stattfindet – diese lebensfeindlichen Bedingungen kommen dann zum fehlenden Regen hinzu. Ebenfalls abgesehen davon, dass viele unter Schutz stehende Arten überhaupt erst auf Bäumen vorkommen können, die 200 Jahre und älter sind.
        Sehr geehrter Herr Professor Teutsch, es ist in Zeiten der Bedrohung unserer ökolgischen Lebendgrundlagen (um mal klarer zu sagen, worum es geht: „Klimawandel“ ist doch recht verniedlichend) nicht mehr angebracht, in Schutzgebieten flächendeckend und ohne nachweisbaren ökologischen Nutzen weiterhin zu Forschungszwecken „Mittelwaldwirtschaft“ zu betreiben: die paar besondere Falter, die nach den Fällungen zu finden sind, verschwinden ein paar Jahre später, wenn der Ahorn alle künstlichen Setzlinge überholt hat und als dunkle Wand steht. Dafür! wird wertvoller Lebensraum geschützter Arten im FFH-, SPA-, Fauna-Flora-Habitat und Natura2000-Gebiet zerstört – eine Straftat übrigens lt. geltendem Recht. Und das Argument der notwendigen „Waldverjüngung“ ist eines der Forstwirtschaft: Wälder verjüngen sich seit Millionen von Jahren ganz von selbst, hoch standortangepasst und resilient übrigens, das Elend begab sich mit zunehmenden Industrialisierung der wirtschaftlichen Waldnutzung und den einhegehenden kommerziellen Begehrlichkeiten – ohne ein Verständnis dafür, dass man in einem in sich funktionierenden (Öko-)System nicht unbegrenzten Raubbau zur Gewinnmaximierung betreiben kann, ohne dass irgendwann die kritische Masse erreicht ist und das System kollabiert. Und zu diesem, sich selbsterhaltenden System gehören vor allem auch alte Bäume mit allem, was auf, an, um und unter ihnen lebt: wir wissen nichts darüber, wie sich die 200-jährige Forstwirtschaft auf die unzähligen, uns unbekannten Mikroorganismen (z.B. Bakterien) im Waldboden auswirkt und welche Folgen mit deren Zerstörung (durch Harvester und großflächige Eingriffe) auf uns und die Wälder zukommen oder schon zugekommen sind…
        Sehr geehrter Herr Professor Teutsch, der Zeitpunkt, inne zu halten und geltende Prämissen auf den Prüfstand zu stellen, neueste Forschungsergebnisse über das Ökosystem Wald, die andernorts bereits Berücksichtigung finden dürfen, auch in Leipzig zur Kenntnis zu nehmen und womöglich zu einer Neuausrichtung zu kommen, ist denkbar günstig! Selbst für Freunde der Forstwirtschaft ist ein intakter Wald „nachhaltiger“ nutzbar – quod erat demonstrandum: Die Erde wird nicht zur Scheibe, weil man diejenigen, die behaupten, sie sei eine Kugel, weiter auf dem Scheiterhaufen hinrichtet. Und der Wald wird nicht gerettet, indem man neue Baumplantagen anlegt.
        Seien Sie gern kühn und mutig: mehr Bereitschaft für einen Paradigmenwechsel werden Sie in der Bevölkerung nicht finden. Und die zaudernde Politik weiß nur zu gut, was das Stündlein geschlagen hat – falls man länger als in Legislaturperioden Verantwortung zu übernehmen bereit ist. Gerade die Wissenschaft könnte Impulse für einen Wechsel bereitstellen.
        Deshalb danke ich Ihnen an dieser stelle schon mal für Ihre Mühe und Ihr Engagement!

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